FrontGesellschaftBerlin und die Mauer im Fokus

Berlin und die Mauer im Fokus

Nelly Rau-Häring hat die geteilte und wieder vereinte Stadt Berlin jahrzehntelang mit der Kamera erforscht: «Ost/West Berlin» nennt sich die Arbeit. Nun hat die Fotografin eine Auswahl ihrer Bilder in Basel ausgestellt.

Wir sitzen in der kleinen Galerie am Spalenberg, wo rund 60 Fotos aus gut 30 Jahren ausgestellt sind: alle in Berlin aufgenommen – einige in Berlin-Ost, andere in Berlin-West. Nelly Rau-Häring eine Berlinerin in Basel? Sie ist 1947 in der Region Basel geboren und aufgewachsen. Mit 18 verliess sie die Nordwestschweiz Richtung Berlin, wo sie lernte, arbeitete, heiratete und hautnah diese zweigeteilte Stadt mit und ohne Mauer erfahren und dokumentiert hat.

1. Mai, Ostberlin 1988. © Nelly Rau-Häring

Seniorweb: Wie kam es, dass Sie so früh und quasi für immer nach Berlin auswanderten?
Nelly Rau-Häring: Ich wollte Fotografin werden, fand in der Schweiz aber keine Lehrstelle, weil nur Berufsfotografen mit Meisterprüfung Lehrlinge ausbilden durften. Als ich hörte, dass es in Berlin eine Fotoschule gebe, wollte ich da hin und ausserdem auch gern etwas weiter von zuhause weg.

Liessen die Eltern Sie denn ziehen? Damals waren Sie ja noch nicht volljährig.
Ja, ich konnte gehen und die Fotoausbildung machen. Danach blieb ich und arbeitete zunächst in einer Presse- danach in einer Werbeagentur. Schliesslich bin ich für ein Jahr nach Indien gefahren.

…und?
Ich war ein Jahr lang mit Albrecht, noch immer mein Mann, unterwegs und wir lernten uns näher kennen. In Berlin zurück war mir klar, dass ich keinen Brotjob als Fotografin wollte, ich wollte meine eigenen Dinge machen. Ich erwarb den Taxischein und fuhr ab da etwa ein Jahrzehnt nachts in Berlin Taxi. So verdiente ich in kurzer Zeit genug Geld und konnte quasi im eigenen Auftrag fotografieren.

Bahnhof Zoo. Westberlin 1967. © Nelly Rau-Häring

Welche Projekte haben Sie sich denn vorgenommen?
Mich haben immer Dinge interessiert, an welchen andere vorbeischauten. Das war in all den Jahren meine Nische. Nach der Taxizeit – immer nachts – ist als eine Art Abschluss mein Nachtbuch entstanden. Natürlich kann man nicht Taxifahren und Fotos machen. Fotografieren braucht Zeit. Es ist ein langsamer Prozess, bis die Bildgestaltung stimmt, obwohl es letztlich um 1/60stel oder 1/125stel geht.

Sie knipsen ja auch nicht einfach drauflos wie unsereiner das heute dank digital tut.
… eben, ich fotografiere. Das ist der Unterschied.

Noch vor dem Projekt «Lichtungen» mit den Nachtaufnahmen entstand das S-Bahn Fotobuch «Der Reisende hat das Wort». Ging es schon damals mit der Kamera über die Grenze nach Ostberlin?
Eigentlich nicht. Die S-Bahn war damals etwas Spezielles. Die DDR musste den Betrieb aufrecht erhalten, hatte aber keine Mittel für Investitionen. Nach dem Krieg haben die Alliierten die Reichsbahn der DDR zugeteilt, und die S-Bahn war Teil davon. Als die Mauer gebaut war, fuhr fast kein Westberliner mehr S-Bahn, es gab den Spruch, man finanziere mit dem Fahrgeld Ulbrichts Stacheldraht.

Weil die Finanzen fehlten, konnte nicht investiert werden, so behielt die S-Bahn den Charme der 20er Jahre. Das faszinierte mich nebst vielem anderem, was es in der Stadt, die von den Siegermächten in vier Sektoren aufgeteilt worden war, zu sehen gab.

Sie haben aber sehr oft in Ostberlin fotografiert?
Im Sommer 1989, also kurz vor der Wende war die Unzufriedenheit der ostdeutschen Bevölkerung deutlich spürbar. Als ich 1965 ankam, war die Mauer gerade seit vier Jahren gebaut. Ich war oft in Ostberlin und auch in Brandenburg unterwegs. Als Ausländerin konnte ich in die Provinz fahren, man musste einfach das Tagesgeld von 25 Westmark zahlen. Für mich war das ein exotisches Land, eins, in dem ich aber die Sprache verstand.

Die Öffnung der Mauer am Brandenburger Tor liess tagelang auf sich warten; der Starreporter des News-Senders CNN hatte sich dafür einen prominenten Platz erobert. 12. November 1989. © Nelly Rau-Häring

Nelly Rau-Härings aktuelles Fotobuch Ost/West Berlin umfasst ihre Arbeit als freie Fotografin in Berlin von den 1960er bis in die Nullerjahre. Sie hat ebenso Kriegerwitwen in Westberliner Kaffees oder im KaDeWe beim Schlussverkauf aufs Bild gebracht wie ein Badmintonspiel in einer Allee in Berlin-Mitte, ein Rodeo ostdeutscher Indianervereine oder der Christopher Street Day 1993 und immer wieder den Alltag hier und dort.

Eine Zeitgeschichte Berlins ist im Lauf der Jahrzehnte entstanden, die geteilte Stadt mit ihren Stimmungen, ihren Versehrungen und Freuden. Nelly Rau-Häring hat Strassenfotografie auf höchstem Niveau gemacht, weil sie das Spezielle, das Kuriose, das Spannende einer Situation aufs Bild brachte: Weil sie sehen konnte.

Bald hat sie an Ausstellungen teilgenommen und konnte für Zeitungen und Magazine arbeiten, zum Beispiel für das Tagesfoto in der TAZ, sie gestaltete auch Fotostrecken fürs Schweizer DU. Jahrelang arbeitete sie mit einer finnischen Journalistin für die grösste Zeitung in Finnland. Ausserdem hatte sie vier Jahre lang einen Lehrauftrag an der Universität der Künste.

Brunnenstrasse, Ostberlin 1986. © Nelly Rau-Häring

Nelly Rau-Häring: Das machte mir viel Freude. Es waren keine angehenden Fotografinnen, sondern Kunstpädagogen. Ihnen gab ich Fotokurse. Was man jungen Leuten lehren muss, ist das Sehen. Darauf kommt es an. Und ebenso wichtig ist die eigene Handschrift, das ist die Stärke, die man haben muss, eine unverwechselbare Handschrift. Diese zu entwickeln ist mir offensichtlich gelungen, denn die Bildredakteurin der TAZ hat mir immer wieder bestätigt, dass sie sogleich gewusst hat, welches Bild von mir war, wenn sie einen Stapel durchsuchte.

Wir staunen, wie die Menschen manchmal skeptisch, meist aber entspannt in die Kamera schauen. Wie haben Sie es mit den Persönlichkeitsrechten gehalten? Das ist doch heute eine sehr heikle Sache. Haben Sie alle erkennbaren Menschen zunächst um ihr Einverständnis gebeten, oder einfach lange genug mit der Publikation gewartet?
Damals war das weniger diffizil. Ich meine, es gibt doch auch ein nonverbales Einverständnis. Die Leute sehen ja, wenn du ihnen eine Kamera vor die Nase hältst. Wenn jemand partout nicht wollte, hab ich auch nicht abgedrückt, sagen wir mal zu 99 Prozent. Und dann ist ja auch die Regel, dass man an öffentlichen Anlässen – Kundgebungen, Fussballspielen fotografieren darf.

Dass die in Beton gegossene Grenze plötzlich nicht mehr gelten sollte, hat die Alliierten ebenso überrascht wie die Berliner, selbst Moskau war nicht informiert: Sichtbar verunsicherte sowjetische Soldaten im Auto. Checkpoint Charlie 9. November 1989. © Nelly Rau-Häring

Beispielsweise bei einer Demo?
Genau. Und es waren wirklich andere Zeiten, heute könnte ich gewiss nicht mehr fotografieren wie damals.

Was ist denn anders?
Jeder hat das Recht am eigenen Bild. Das ist auch OK. Aber andererseits – wenn du an diese Fernsehformate wie Big Brother oder Bachelor denkst, da lassen sie die Hosen herunter und zeigen alles. So oder so, heute heisst es ich, ich und ich, obwohl man faktisch kaum mehr Rechte hat.

Fotografieren Sie nicht mehr?
Schon, aber weniger und mit einer digitalen Kamera – meine beiden alten betätige ich regelmässig, damit die Verschlüsse nicht einrosten – und heute vor allem Blumen. Die reklamieren auch nicht.

Ich kann jedoch sagen, ich hatte meine Zeit, und es war eine gute Zeit, denn früher hatten die Menschen auch Freude, wenn man sie fotografierte, auch weil man sie so beachtete. Daraus ergaben sich immer wieder gute Gespräche.

Kreuzberg, Berlin 1991. © Nelly Rau-Häring

Nun gibt es gute Gespräche in der kleinen Basler Galerie – die Fotografin ist während der Öffnungszeiten jeweils anwesend.

Titelbild: Nelly Rau-Häring in ihrer Ausstellung. Foto E. Caflisch
Gastausstellung in der Galerie am Spalenberg (Petersgraben 73, Basel) bis 11. September 2021, Mittwoch bis Samstag 15 bis 19 Uhr
Nelly Rau-Häring: Ost/West Berlin.
Deutsch, Englisch. Hatje Cantz Verlag 2019. ISBN 978-3-7757-4686-1

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