FrontKulturJapans Erzählungen in Bildern

Japans Erzählungen in Bildern

Das Zürcher Museum Rietberg zeigt in der Ausstellung «Liebe, Kriege, Festlichkeiten – Narrative Kunst aus Japan» Bilder von Erzählungen, die im Westen bislang wenig bekannt waren. Es sind Szenen, inspiriert von der japanischen klassischen Literatur, buddhistischen Legenden und Volksmärchen, aber auch aus dem Alltag.

Liebesgeschichten oder Kriegsepen, fantastische oder groteske Erzählungen gibt es in allen Kulturen. In Japan gehört die narrative Kunst zum Höhepunkt des künstlerischen Ausdrucks, auch in Verbindung mit Malerei und Kunsthandwerk. Dabei unterliegt die Ikonografie einem kontinuierlichen Wandel. So werden traditionelle Motive auch für neue Medien adaptiert, etwa für Comics, die in einer zweiten Ausstellung Flow – Erzählen im Manga im Museum Rietberg präsentiert werden.

Stellschirm mit «verstreuten» Büchern, Bildrollen und Leporellos mit narrativen Malereien (Ausschnitt), Edo-Zeit, Mitte 18. Jahrhundert, Musée Départemental des Arts Asiatiques, Nice. Foto: rv.

Die unterschiedlichen Facetten der narrativen Kunst aus Japan, so der Untertitel des Ausstellungskatalogs, werden in acht Räumen vorgestellt. Dabei stammen alle Exponate, Meisterwerke vom 13. bis zum 20. Jahrhundert, aus westlichen Sammlungen: Bildrollen, die bis zwanzig Meter lang sein können, aber auch kleinere Hängerollen, Stellschirme, Holzschnitte, Fächer, Kunsthandwerk, etwa ein Picknick-Kasten, eine Brautsänfte, Muscheln für ein Spiel, Porzellane oder Textilien, alle verziert mit Szenen aus überlieferten Erzählungen.

Versammlung im Haus des Kuribayashi Shibuzane aus der Geschichte von den Affen (Ausschnitt). Muromachi- bis Momoyama-Zeit, 1560er-1580er Jahre. Querrolle. © The Trustees of the British Museum. Affen in Menschengestalt als humoristische Parodie.

Die Malereien wurden in unterschiedlichen Stilen und Materialien ausgeführt, nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen, die sie ebenso gerne anschauten. Die Tuschebilder und mehrfarbigen Kompositionen wurden häufig mit Gold- und Silberfarben oder -folien verziert, teilweise auch mit Schriften versehen. Die Kunsthandwerker stellten die Geschichten in schwarz-goldenen Lackarbeiten auf Möbeln und Gefässen dar.

«Der Fluss Akuta» Episode aus den Geschichten von Ise. Kitagawa Utamaro (1753-1806) Edo-Zeit, um 1801-1806, Hängerolle, Tusche und Farbe auf Seide. © Staatliches Museum für Orientalische Kunst, Moskau.

Die Geschichte von Ise in hundertfünfundzwanzig Episoden gehört zum beliebtesten Werk der klassischen japanischen Literatur. Ursprünglich im frühen 11. Jahrhundert nur der kaiserlichen Stadt Miyako (Kyoto) vorbehalten, gelangten die Verserzählungen ab dem 15. Jahrhundert in die Provinzen und erreichten über die Holzdrucktechnik das breitere gebildete Publikum. Im 18. und 19. Jahrhundert waren sie über Holzschnitte, Malereien und im Kunstgewerbe allgegenwärtig.

Im Zentrum der Ise-Geschichten steht eine Entführung bzw. ein fliehendes Liebespaar. In den Darstellungen trägt der Mann die Frau auf dem Rücken, geht dem Fluss Akuta entlang, Holzstege und poetische Naturstimmungen ergänzen die Szene.

Gewöhnlich verzichteten die Kunsthandwerker auf die Figuren und deuteten die Szenen lediglich mit einzelnen Naturmetaphern an wie Schwertlilien, Weidenbäume, Efeu- oder Ahornblätter und man wusste genau, um welche Erzählung es sich handelt.

Tragbarer Picknick-Kasten mit Motiven der Ise-Episode «Schmaler, efeuberankter Weg». Edo-Zeit, 1800-1850, Gold auf schwarzem Lack, Victoria and Albert Museum, London. Foto: rv

Im Ausstellungsraum Kabale und Liebe steht die von einer Hofdame im frühen 11. Jahrhundert verfasste Geschichte vom Prinzen Genji im Zentrum. Das vierundfünfzig Kapitel umfassende Werk gilt als erster Roman der Weltgeschichte. Die Figuren in der romantischen Erzählung sind von Liebe, Eifersucht, persönlichen oder familiären Ambitionen getrieben in einer streng hierarchischen höfischen Gesellschaft. Die meisten Genji-Darstellungen drehen sich um das Leben des Prinzen.

Einzelseite aus «Auszüge aus der Geschichte vom Prinzen Genji». Tosa Mitsunori (1583-1638) (Malerei) und Karasumaru Mitsuhiro (1579-1638) (Schrift), frühes 17. Jahrhundert, gefaltetes Album, Tusche, Farben und Blattgold auf Papier. © Ethnografisches Museum, Stockholm.

Die japanischen Werke beinhalten nicht nur romantische Liebesgeschichten, auch deftige Kampf- und Kriegsgeschichten wie die Erzählungen von Heike, die von Macht und Ruhm handeln, wurden mit breitangelegten Schlachten auf Stellschirmen dargestellt. Auch Dämonen und Geister haben eine reiche Tradition in Japan. In den Erzählungen und Darstellungen sehen sie nicht nur bedrohlich aus, sondern verfügen auch über aussergewöhnliche, zerstörerische Kräfte.

Utagawa Yoshitsuya (1822-1866) «Die Ermordung des Riesenmonsters Shuten Dōji vom Oeyama». Edo-Zeit, 1858, Holzschnitt, Triptychon, Tusche und Farben auf Papier, Victoria and Albert Museum, London. Foto: rv

Alltagsszenen haben auf den Bildrollen ebenso ihren Platz. Besonders beeindruckten mich die Szenen auf der Querrolle Die Debatte über die Vorzüge von Sake und Reis. Der Text basiert auf einem Streit zwischen der alleinigen Gültigkeit zweier sich konkurrierender buddhistischer Schulen, dabei wird der Mittelweg in humorvoller Weise durch Ess- und Trinkmetaphern gepriesen.

Kano-Schule, Die Debatte über die Vorzüge von Sake und Reis (Ausschnitt), Edo-Zeit, Mitte bis Ende des 17. Jahrhunderts, Querrolle, Bibliothèque nationale de France, Paris. Foto: rv.

Für die bildliche Umsetzung auf der über sieben Meter langen Querrolle aus dem 17. Jahrhundert malte der Künstler vier Bankett- und Küchenszenen an drei verschiedenen Orten: im Tempel, am Hof sowie in der Wohnung eines Kriegers. Die Szenen sind realistisch dargestellt, etwa wie gekocht, Tee zubereitet und serviert wird, wie der Reis getrocknet und kontrolliert wird, dabei scheint jedes Reiskorn einzeln sorgfältig hingemalt worden zu sein.

Titelbild: Ausschnitt aus einem vierteiligen Inrō mit Darstellung des Tairo no Yoshimitsu von Ganshōsai Shunsui (1822-1880), Edo-Zeit, spätes 19. Jahrhundert, Lackarbeit. Stiftung Baur – Museum der fernöstlichen Kunst, Genf © Fondation Baur, Foto: Studio Gerard.

Bis 5.12.2021
«Liebe, Kriege, Festlichkeiten – Narrative Kunst aus Japan» im Museum Rietberg, Zürich,
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Illustrierter Katalog mit zahlreichen Essays zur Ausstellung, 2021, CHF 49.00

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