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Zifferblätter und Cellosaiten

Es ist keine Seltenheit, dass Menschen neben Beruf und Familie musizieren. Brigitte Vinzens hat nicht nur einen ausgefallenen Beruf, das Restaurieren historischer Uhren. Sie ist auch ausgebildete Pianistin und Cellistin. Wie nur bringt sie das alles unter einen Hut?

«Nach der Schule wollte ich unbedingt ‹meche›, mit den Händen schaffen. Ich fand eine Lehrstelle beim Uhrengeschäft Hirschi in Winterthur, habe dort das Uhrmacherhandwerk erlernt und es nie bereut. Die Uhrmacherei ist für mich noch heute einer der besten Berufe, denn man kann sich in alle Richtungen weiterentwickeln. Ich bin als Konservatorin/Rhabilleuse im Uhrenmuseum Winterthur gelandet. Meine Arbeit gilt heute ausschliesslich antiken Uhren – eine sehr spannende Aufgabe.

Berner Holzräderuhr mit Figurenautomaten, Bernbiet, 1793. Uhrenmuseum Winterthur, Sammlungsausstellung Konrad Kellenberger. Bild: © Michael Lio

Dabei gilt es nicht nur zu reparieren, oder Teile zu ersetzen. Ich muss mich jeweils in das Leben und den Kopf meines Kollegen hineinversetzen, der die wertvolle Uhr unter meinen Händen in einem früheren Jahrhundert entworfen, realisiert und zum Laufen gebracht hat. Wie hat er gedacht? Welche Werkzeuge hatte er zur Verfügung? Wo muss ich bei der Restaurierung eine ähnliche Arbeitsweise wählen, und wo kann ich allenfalls moderne Instrumente einsetzen? Darf ich eine jahrhundertealte Uhr überhaupt laufen lassen? Oder könnte das dem Ausstellungsobjekt schaden?

Standbein: die antiken Uhren

Fester Bestandteil unseres Museums sind die Uhrensammlung Konrad Kellenberger und die Taschenuhrsammlung Oscar Schwank. Erstere präsentiert eiserne Hausuhren aus dem 15. bis 17. Jahrhundert, die Konsolenuhren der Winterthurer Uhrmacherfamilie Liechti, Schweizer Holzräderuhren aus dem 17. bis 19. Jahrhundert und Prunkuhren aus der Renaissance.

Gold-Emailuhr mit Automat «Küche», Genf, um 1820. Uhrenmuseum Winterthur, Sammlungsausstellung Oscar Schwank. Foto: © Michael Lio

Die Taschenuhrsammlung Oscar Schwank umfasst 220 Exponate, an denen das technische Können und die künstlerische Raffinesse früherer Uhrmacher zu bewundern sind. Darunter sind auch französische Revolutionsuhren, die um die Zeit der Schreckensherrschaft von Robespierre in den Jahren 1793 bis 1795 hergestellt wurden. Sie zeugen von der dezimalen Zeitrechnung, die die Franzosen im Rahmen ihres Revolutionskalenders eingeführt hatten. Der Tag war in zehn Dezimalstunden aufgeteilt.

Revolutions-Taschenuhr, Frankreich, um 1793/95. Uhrenmuseum Winterthur, Sammlungsausstellung Oscar Schwank. Foto © Michael Lio

Dazu kommen all unsere Sonderpräsentationen, die multimediale Ausstellungen, die Führungen und Referate. Sie machen meine Arbeit im Museum enorm abwechslungsreich. In der Reihe Museum am Mittag zum Beispiel stelle ich jeden Monat an einem ausgewählten Freitag um 12.30 Uhr eine Besonderheit vor für Menschen, die in der Mittagspause den Kopf lüften und etwas Ungewohntes erleben möchten. Unter den Prachtstücken, auf die wir zurzeit fokussieren, sind einige Marinechronometer mit Zubehör, Taschenuhren mit Repetition, eine kalendarische Eisenuhr aus dem 16. Jahrhundert im Besitz des Genfer Musée d’art et d’histoire, fünf französische Pendulen aus dem 18. Jahrhundert und zwei Uhren mit Erdkugel aus dem 19. Jahrhundert.

Kalendarische Eisenuhr, 16 Jh., um 1570, Umbau auf Pendel, um 1750. Leihgabe © Musée d’art et d’histoire, Ville de Genève, Foto: Flora Bevilacqua

Die ‹Gastspieluhr› der halbjährlichen Ausstellung Gastspiel ist jeweils ausgeliehen. So bin ich auch ständig auf der Jagd nach Trouvaillen, suche in der Literatur, forsche in Kollegengesprächen nach Besonderheiten, frage bei Privatsammlern nach und nutze alle Kanäle, um fündig zu werden.

Spielbein: die Musik

Der Uhrmacherberuf hat mich 2020 und dieses Jahr zuverlässig durch die wirtschaftlichen Unsicherheiten der Coronakrise gebracht. Er ist mit 60 Prozent Arbeitstätigkeit mein berufliches Standbein. Ein Riesenprivileg! Auf dem zweiten Bein ruht meine Tätigkeit als diplomierte Pianistin und Cellistin. Für viele meiner Musikerkollegen und -kolleginnen waren die zwei letzten Coronajahre hartes Brot, denn grosse Teile der Konzerttätigkeit ruhten. Ich durfte in dieser Zeit weiter für das Uhrenmuseum arbeiten und hatte darum grosses Glück.

Als Konservatorin im Uhrenmuseum Winterthur ist Brigitte Vinzens nebst der Restaurierung mit vielen weiteren Aufgaben beschäftigt, auch mit der Vermittlung bei Führungen durch die Sammlung. Foto: Christine Kaiser

Aber die Pandemie verhinderte zahlreiche kammermusikalische Projekte. Früher wurde ich auch häufiger als Aushilfe für das Basel Sinfonieorchester, das Musikkollegium Winterthur oder das Orchester Reto Parolari beigezogen. Dort hat jetzt eine jüngere Garde Einzug gehalten. Aber die Kammermusik bleibt. Dank Fortschritten bei der Impfung der Bevölkerung und mit dem Zertifikat kommt nun langsam wieder Wind in die Segel. So habe ich unter anderem im vergangenen August das Klarinettenquintett in der Kirche Effretikon aufgleisen können, wobei ich selbst den Cellopart übernehmen konnte.

Das Klarinettenquintett mit Cellistin Brigitte Vinzens bei der Aufführung in der Kirche Effretikon. Foto: Christine Kaiser

Klavier spiele ich schon seit meiner Kindheit. So lag es für mich nahe, dass ich nach der Schule, zum Teil berufsbegleitend, am Konsi Winterthur Klavier studierte. Wie ich von den Uhren und vom Klavier auch noch zum Cello kam? Das ist – wie vieles in meinem Leben – einfach so passiert.

Liebe auf den ersten Ton

An einer Probe gab mir meine Kollegin auf meine Frage hin ihr Cello und sagte, ich dürfe gern einmal probieren. Es war Liebe auf den ersten Ton. Ich hab’s gelernt, studiert und mit dem Reifediplom abgeschlossen. Es ist sehr bereichernd, wenn man die Möglichkeit hat, so verschiedene Tätigkeiten auszuüben. Doch ein Instrument professionell zu lernen ist auch harte Arbeit. Mir zumindest ist nichts zugefallen. Und wenn’s mal nicht weiterging, habe ich mich an den Rat meiner Mutter gehalten: ‹Wenn du einmal steckenbleibst, etwas nicht gelingen will, nichts erzwingen wollen! Hör auf, geh an einen anderen Ort. Dabei kommen neue Ideen, kommt neuer Elan. Und du wirst sehen: Plötzlich kannst du das Hindernis überwinden.’»

Anlässlich der Kulturnacht Winterthur am 25. September hat das Gabrieli Quartett einen Gastauftritt im Uhrenmuseum.

Alle Informationen über Öffnungszeiten und Spezialangebote finden Sie auf der Homepage des Uhrenuseums Winterthur.

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