FrontKulturWort-Spiele um Wirklichkeit

Wort-Spiele um Wirklichkeit

Ayami, 28, verliert ihre Arbeit beim ab sofort geschlossenen Hörtheater und zieht mit dem Direktor durch das nächtliche Seoul: «Weisse Nacht» heisst das Buch der koreanischen Autorin Bae Suah, die vor drei Jahren Writer in Residence im Zürcher Literaturhaus war.

Bilder kennen kein Zeitkontinuum. Musik dagegen läuft immer in der Zeit ab, auch der Film oder der Vortrag. Eigentlich richtet sich auch Text, also ein Roman, nach der Zeit: Der Lesende eignet sich den Fortgang einer Story im Ablauf der Leszeit an. Wörter reihen sich in einem zeitlichen Ablauf aneinander. Oder auch nicht: Beispielsweise wenn es um die Weisse Nacht von Bae Suah geht – denn diese Geschichte einer Nacht in Seoul wird weder linear erzählt, noch mit eindeutig festgelegten Figuren belebt.

Bücher signieren beim Internationalen Literaturfestival in Berlin 2021.

Die Autorin führt uns in eine oszillierende Welt voller Geheimnisse, in der die Zeiten und die Orte so wenig einem gradlinigen Inhalt folgen wie die Figuren einen eindimensionalen Charakter haben. Trotzdem finden wir uns zurecht, überlassen uns bereitwillig und interessiert der Suche nach Antworten auf die drei existentiellen Fragen: «Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir.»

Da ist die erfolglose Schauspielerin Ayami, 28 jährig, die soeben ihren letzten Arbeitstag als Hilfskraft im Hörtheater hinter sich bringt. Oder der Direktor desselben, der mutmasslich von der Stiftung weiter beschäftigt wird. Und Ayamis Deutschlehrerin Yoni, die nicht bei ihrem Namen genannt werden will und auf rätselhafte Weise verschwindet, als die anderen beiden Figuren in einer stickig heissen Nacht sie aufsuchen wollen. Yoni – hat die Autorin den Namen nach dem Sanskrit-Begriff für die Vulva gewählt? – nennt Ayami Blinde Eule. Weiter erscheinen ein Mann, namens Buha, ein uralter koreanischer Dichter und ein jüngerer Krimiautor aus Deutschland, namens Wolfi – frei nach Goethe? sowie unter anderen ein blindes Mädchen im weissen traditionellen Kleid und eine lärmende Schulklasse. Alle können mehrfach in verschiedenen Rollen, Szenen und Zeiten wieder auftauchen.

Die Metropole Seoul, durch die Ayami mit dem Direktor des nachts zieht, ist zwar in Hitze getaucht, aber auch düster und lichterlos – eine Geisterwelt, könnte man annehmen. Als Stromunterbruch wird das Geheimnis unversehens banalisiert, um gleich wieder ins Unwirkliche abzudriften. Das klingt nach schwieriger Lektüre, aber nur keine Schwellenangst, wir werden reingezogen in dieses Verwirrspiel mit den oberflächlich einfachen Regeln, bei denen sich laufend Abgründe ins Unheimliche öffnen.

Die Sprache ist scheinbar alltäglich, also durchaus zugänglich, zuweilen auch schlicht in den Dialogen, zugleich öffnet sich ein weites Feld von ungewöhnlichen Metaphern und unerwarteten Wendungen, die als Motive wie in einer musikalischen Komposition regelmässig wieder auftauchen. Diese motivischen Wiederholungen hat Bae Suah schon in dem Roman «Die blinde Eule» gefunden. Der persische Autor Sadeq Hedayat (1903 – 1951) hat nicht nur in der allerletzten Vorstellung des Hörtheaters seinen Auftritt – als Einstimmung und Einleitung zitiert die «Dichterfrau», wie die undefinierte weibliche Person, die Ayami oder Yoni sein könnte, nun genannt wird, die Biographie des Persers, und wenn sie die Abspieltaste auf der Bühne drückt, beginnt die Hörvorstellung mit dem allerersten Satz aus diesem modernen persischen Roman. Es ist eine Geschichte der Einsamkeit, Motive und Handlungsfetzen tauchen immer wieder auf, Eigenschaften von Personen werden wiederholt. Diese poetologische Möglichkeit schöpft Bae Suah mit eigenwilliger Genialität aus. Wendet sie auch auf die Figuren an: Beispielsweise der Rock, der aufweht und «dünne, von drahtigen Muskeln durchzogene Waden, erbärmlich kleine Füsse und Schuhe, die neu schienen, aber wie abgetragen wirkten.» Oder unerklärbaren Phänomene, wie das sich selbst ein- und wieder ausschaltende Radio, oder der hell erleuchtete weisse Bus, der durch die Strassen rast, oder auch die Schwitzerei der Protagonisten in der unerträglichen Hitze. Mit wachsender Lust folgt man den permutierten Motiven und Kurzszenen, fühlt sich fast heimisch in einer immer fremderen Welt, findet auch Handlungsfetzen, die den Humor der Autorin belegen.

So tönt koreanisch: Bae Suah liest aus dem koreanischen Original beim Internationalen Literaturfestival in Berlin. Foto: © Werner Geiger

Ayami hat Wolfi, den deutschen Autor, kurzzeitig vom Flughafen in ihr winziges Zimmer gebracht, wo er zunächst erschöpft einschläft. Sie reden dann über die unerträgliche Hitze und konsumieren Gurken und Bier als kühlende Speisen, weil in Ayamis Bleibe weder ein Badezimmer mit Dusche, noch ein Klimagerät, nicht mal ein Ventilator etwas Erfrischung bringt. Während der Krimiautor leidet und hechelt und schliesslich erbrechen muss – alles aufgrund der heissfeuchten Atmosphäre in dieser Nacht – nimmt Ayami es gelassen. So wie sie die Schliessung des Hörtheaters einfach annimmt, so wie sie ihren neuen Job sucht, ohne Verzweiflung, ohne Stress und scheinbar auch ohne grosse Lust. Sie nimmt, was kommt. Sie weiss auch, dass es eine unsichtbare Welt gibt, die ebenso real wie die sichtbare ist: «Nimm mich mit in eine andere Welt,» heisst es mehrmals, auch am Ende, als Ayami, den Kopf des Direktors mit dem Nagel im Schädel auf ihrem Schoss wiegt und streichelt. Dieses Motiv stammt aus einem unheimlichen Mordfall in der realen Welt, den Bae Suah als Ausgangspunkt, am Ende jedoch nur als Hintergrund benutzt, das Krimischreiben überlässt sie dem Wolfi, der subito und gradlinig erzählen muss.

Ayamis Pragmatismus bildet den Kontrapunkt zur morbiden Stimmung eines seltsamen Surrealismus, der über dem Roman liegt. Ihre lakonische Haltung ist das Kontinuum, das die Handlung, die unvermittelt in vergangene, auch geträumte Zeiten und Orte überspringt, in einer Art Ordnung hält, so dass man sich bei der Lektüre nicht verliert, sondern im Gegenteil dem Spiel zwischen Tag und Traum fasziniert folgt.

Im Literaturhaus in Zürich: Bae Suah, damals Writer in Residence, im Gespräch mit Gesa Schneider, welche auch diesmal die Moderation übernimmt, wenn die Koreanerin ihr neues Buch Weisse Nacht vorstellt. Foto: © Werner Geiger

Bae Suah hat diesen Roman vor Jahren in Mecklenburg-Vorpommern geschrieben, in einem kleinen Dorf, wo sie auf ihren Spaziergängen keinem Menschen begegnet ist: «Hier war es geeignet, über meine Stadt zu schreiben,» erzählte sie unlängst. Wenn sie vom Deutschen ins Koreanische übersetzt – Kafka oder Kracht – arbeite sie dagegen in Seoul. Weisse Nacht wurde von Sebastian Bring ins Deutsche gebracht, einem der besten Übersetzer aus dem Koreanischen. Bae Suah hat ihr deutsches Buch «mit Interesse gelesen – sehr spannend», auf die Bedingungen von Übersetzungsliteratur weisend.

Titelbild: Porträt Bae Suah Foto: © Werner Geiger

Die Autorin Bae Suah tritt am kommenden Montag, 27. September, um 19.30 Uhr im Literaturhaus in Zürich auf. Es gibt noch Karten.

Bae Suah: Weisse Nacht. Roman. Aus dem Koreanischen von Sebastian Bring. 159 Seiten. Suhrkamp, 2021. ISBN 978-3-518-43017-0

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