StartseiteMagazinKulturGardi Hutter lehrt lachen an der Uni Leipzig

Gardi Hutter lehrt lachen an der Uni Leipzig

Diesen Sommer unterrichtete Gardi Hutter drei Wochen lang als Gastprofessorin an der Universität Leipzig. Komik als Studienfach bleibt für sie ein Zwischenspiel. „Ich mache das gerne, aber meine Leidenschaft gilt der Bühne“, sagt die Clownfrau.

Sie ist beim Kochen als ich ihr telefoniere und bittet mich um einen zweiten Anruf in einigen Minuten. Dann sei das Essen im Ofen und sie habe Zeit. Gardi Hutter kocht gerne. Und gut. Davon konnte sich der Journalist vor Jahren beim Mittagessen bei ihr in Arzo TI überzeugen. Keine Verbindung besteht zwischen den Kochkünsten und der Leibesfülle ihrer Bühnenfiguren, der tapferen Hanna etwa.

Weil sie privat keinen Hanna-Bauch hat, wird Frau Hutter auf der Strasse von Unbekannten kaum als Clownfrau erkannt. Privat ist die 157 Zentimeter grosse Künstlerin eher unauffällig. Sie wurde vor 68 Jahren in Altstätten SG geboren, wohnt im Tessin, hat zwei längst erwachsene Kinder, erhielt neben vielen weiteren Auszeichnungen 1990 den Reinhart-Ring und 2005 den Schweizer Kleinkunstpreis. 2000 war sie mit dem Clown Knill im Zirkus Knie.

Laudatio mit Überraschungen

Im Rahmen der zahlreichen Ehrungen und vielen Solo- und Teamproduktionen nimmt das Leipziger Engagement zwar keinen Spitzenplatz ein. Aber immerhin: Eine Clownin wird Frau Professorin an einer ehrwürdigen Universität: Diesen Sommer beauftragte sie die Uni Leipzig mit einer dreiwöchigen Gastprofessur.

Diese beginnt im ehrwürdigen Festsaal des Alten Rathaus› der Stadt Leipzig. Das dunkle, geschnitzte Holz verströmt ernste Würde. „Ich rede am Stehpult, stehe am Rednerpult, rede stehend am Pult“, sagt Gardi. Und das lässt erahnen, dass wohl nicht alles gewohnt laudatiomässig abläuft. Stimmt. Das Publikum erlebt wohl zum ersten Mal, dass eine Dozentin für ihren Vortrag auch am Boden liegt.

Professorendeutsch statt Gardisch

Bei ihren Auftritten spricht die Clownin ihr unverwechselbares weltweit verständliches Gardisch, in Leipzig gepflegtes Deutsch. Zwischendurch auch mal im schwer verständlichen Professorenmodus. „Spielen eröffnet Variabeln um eine kollektiv fixierte Realität zu interpretieren,“ sagt sie. Tönt gut. Aber man kanns auch auf 0815-Deutsch übersetzen: Mit spielen kann man das ins Wackeln bringen, was alle als richtig ansehen.

Professorin Hutter doziert an der Uni Leipzig. Sieht sehr ernst aus. War zwischendurch sehr ungewöhnlich: Vorlesung liegend am Boden. Bild zvg

Während ihrer Gastprofessur erarbeitete sie unter anderem mit den Studierenden eine Vorstellung und hatte einen öffentlichen Auftritt. „Ich unterrichte schon seit längerem,“ erklärt sie und zählt unter anderem Berlin und Zürich auf. Auch in Leipzig hat sie schon früher mit Schauspiel-Studentinnen und –Studenten gearbeitet. Sie mache das gerne, erklärt sie. „Aber meine Leidenschaft gilt der Bühne.“

Doppelte 68erin

Jetzt wirds Zeit für die Standardfrage: Aufhören, kürzertreten? Gardi Hutter ist eine doppelte 68erin. Das ist ein nicht sehr nachhaltiges Zahlenspiel. Sie ist zurzeit 68, Jahrgang 1953. Und sie hat sich um 1968 herum als Linksaussen für den Aus- und Aufbruch engagiert. Unterdessen ist sie zahmer geworden. Zwar war da 1991 ihr berühmter Auftritt im Nationalrat. Sie erinnerte damit an das 1971 endlich eingeführte Frauenstimmrecht. Mit einem Besen wollte die Clownin den Saal ausmisten. Auch wir mythologisch Ungebildeten wissen, dass dies ein Verweis auf den Stall des Augias ist.

Seither sind dreissig Jahre vergangen „Ich trete weiter auf, solange es gesundheitlich geht“, sagt sie. Nun habe sie zwar weniger Power als früher, dafür mehr Routine. Um eine Szene zu spielen brauche sie viel weniger Kraft als früher. Fast ein wenig verschämt erklärt sie: „Das ist halt Meisterschaft.“

Routine im Sterben

Meisterschaft entsteht durch Routine. Gardi hat Routine im Sterben. In sieben ihrer acht Stücke stirbt sie. In der letzten Produktion „Gaia Gaudi“ ist sie bereits bei Beginn tot. „Ich liebe schwarzen Humor“, erklärt sie. Dem Tod mit Komik begegnet sie auch auf ihrer Webseite. Dort zu lesen: „Glücklicherweise sterben wir. Es herrschte sonst ein wüstes Gedränge auf Erden. Nirgendwo freie Theaterplätze.“

«Die tapfere Hanna»: Donna Quijote kämpft und verliert gegen Wäscheberge.
Bild Adriano Heitmann/zvg

Sie kanns auch ernster. Gardi-Originalton: „Der Tod ist wie jeder Schlusspunkt auch immer ein Anfang, und in diesem Sinne ein Übergang: für Gläubige in eine andere Welt, für Wissenschaftler in einen anderen Zustand und für Theaterleute in eine andere Phantasie.“

Wir bleiben beim Alter – damit muss sie bei Seniorweb halt rechnen. Über Gardi Hutter ist diesen Frühling eine Biografie erschienen, „Trotz allem. Gardi Hutter“. Biografien sind Werke, mit denen Künstlerinnen und Künstler sonst am Ende ihrer Karrieren bedacht werden. Immerhin, Clowns bleiben ihrem Beruf bis ins hohe Alter treu. Zum Beispiel Grock und Dimitri: Beide wurden 80 und beide spielten bis kurz vor ihrem Tod. Für Gardi ist damit noch viel Luft drin.

Das Buch „Trotz allem. Gardi Hutter“ von Denise Schmid, erschienen im Verlag „Hier und Jetzt“, Zürich, Fr.39.-, ist auch über die Webseite erhältlich.
www.gardihutter.com

Der Empfang im Rathaus

Titelbild: «Gaia Gaudi» Bild Sabine Wunderlich/zvg

 

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