FrontGesellschaftZu Besuch bei Eduardo Abbiasini

Zu Besuch bei Eduardo Abbiasini

Eduardo Abbiasini ist einer der letzten Schuhmacher in der Stadt Bern und ein anschauliches Beispiel für eine gelungene Integration. Der Italiener arbeitet trotz seiner 84 Jahre noch täglich in seinem Schuhgeschäft in der Lorraine, wo er auch wohnt.

Mit einem herzhaften «Buongiorno» begrüsst uns das Berner Original vor seinem Laden und bittet uns sogleich in sein «Chucheli». Dort will er uns bei einem Espresso aus seinem Leben erzählen und anschliessend die «Villa» zeigen. In Tat und Wahrheit besteht seine «Villa» aus einem Schlaf- und einem Gästezimmer, einem «Chucheli», einem Gang mit Schuh- und Weingestell, der Werkstatt und dem Schuhladen. Älles äusserst bescheiden.

Alte Nähmaschine auf dem Ladentisch.

An der vorderen Ladenwand stehen Dutzende von neuen Schuhen in einem Gestell, fein säuberlich nach Grösse geordnet. An der hinteren Wand hängen Schuhmacherwerkzeuge neben einer Schleif- und einer Stanzmaschine. Auf dem Ladentisch macht sich eine alte Schuhmacher-Nähmaschine breit. An der Seitenwand bringen Bilder aus der süditalienischen Heimat Farbe in den Raum.

Früher habe er selbst Lederschuhe angefertigt, heute mache er nur noch Reparaturen, erzählt uns der Gastgeber in Berndeutsch mit einem unüberhörbaren Akzent. Mit Schalk in den Augen ergänzt er: «Ich bin der beste Schuhmacher in Bern, denn meine Kollegen kommen mit ihren Reparaturen vorbei, wenn sie nicht mehr weiter wissen». Dass der Geschäftsinhaber Humor hat, belegt auch der unzweideutige Hinweis neben dem Ladentisch: «Nur gegen Barzahlung. Hier arbeitet ein Genie. Leider merkt es keiner.»

Fernsehschauen und schlafen im gleichen Zimmer.

Das Schlaf- ist auch das Fernsehzimmer. Hier sitzt Eduardo jeden Abend auf einem schweren Sessel und zappt sich durch die Programme, bevor er sich schlafen legt. Auf dem Bett fällt ein grosses rotes Herzkissen auf. Eine Mitarbeiterin hat es ihm geschenkt. An den Wänden hängen Erinnerungen aus allen Lebensphasen. Von Leisten für Kinderschuhe, über italienische Modellautos, Familienfotos bis zu zwei leeren Pizzaschachteln «Tricolore».

Erinnerungen an Italien: Fotos von seinen Eltern und seinen Brüdern.

Zum Espresso zeigt uns Eduardo sein Album mit Familienfotos. Geboren 1938 und aufgewachsen ist er in der Nähe von Neapel, zusammen mit drei Brüdern und zwei Schwestern. Weil der Vater als Müller nicht genug verdiente, ging er als Zehnjähriger zum örtlichen Schuhmacher aushelfen. Dort lernte er schnell und mit Freude. Bereits als Kind stellte er jeden Tag ein Paar neue Schuhe her.

Doch der Familiensegen war getrübt. Von seiner bösen Mutter gepeinigt, verliess er mit 17 seine Heimatstadt und fuhr 1955 mit dem Zug nach Bern, sein Hab und Gut in einer einzigen Kartonschachtel verstaut. Beim Verlassen des alten Bahnhofs fragte er vor dem Hotel Schweizerhof nach Arbeit. So kam er nach Mattstetten, wo er während vier Wochen bei einem Bauern arbeitete. Doch die Tätigkeit gefiel ihm nicht. Nach drei Tagen Arbeitslosigkeit fand er im «Löwen» Worb eine neue Stelle.  Nach sechs Jahren wurde er «Mister Minit» hinter dem Warenhaus LOEB. 1981 wechselte er als Kellner ins Restaurant «Gfeller am Berner Bärenplatz», wo er in der ersten Berner Pizzeria u.a. auch die Bundesräte Furgler und Ritschard bediente. Während dieser Zeit begann er, die Schuhe seiner Kolleginnen und Kollegen zu reparieren.

Erinnerung an die Pizzeria nebenan. (ZVG)

Ab 1976 betrieb Eduardo im Lorraine-Quartier eine eigene Pizzeria. Er beschaffte sich einen Anhänger und verkaufte den Gewerbeschülerinnen und Gewerbeschülern am Mittag «Pizza to go». Heute würde man von «Take Away» sprechen. Immer stärker identifizierte er sich mit der Lorraine. 1985 konnte er ein 150jähriges Haus kaufen. Im Erdgeschoss rechts eröffnete er eine eigene Pizzeria, im linken Gebäudeteil ein Schuhgeschäft. Spätestens zu diesem Zeitpunkt funktionierte der Geschäftsmann nicht mehr ohne Angestellte.

In seinem Familienleben wechselten sich Hochs und Tiefs ab. 1959 heiratete er Albina aus der venezianischen Stadt Treviso, die er im Löwen Worb kennen und lieben gelernt hatte. Dem Paar wurden drei Kinder geschenkt, zwei Töchter und ein Sohn. Tochter Marilena machte bei Bally eine Lehre als Schuhverkäuferin. Tochter Adriana absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. Sohn Franco starb bei einem Badeunfall in Worb. Dieses Ereignis erschütterte Eduardos Ehefrau dermassen, dass sie nicht mehr in der Schweiz leben konnte, sondern allein nach Italien zurückzog, wo sie vor drei Jahren verstarb.

Leisten aus der Produktion der Kinderschuhe für seine Töchter.

Trotz der beiden Familientragödien ist Eduardo ein ebenso positiver wie fröhlicher Mensch geblieben. Er singt gerne und liebt es, sich mit seinen Bekannten zu unterhalten. Viele Jahre lang war er Präsident des Lorraine-Leistes. Gesund sei er auch, meint er lachend und erwähnt, dass er in seinem ganzen Leben nur viermal beim Arzt war.

Zwei Abneigungen will der aktive Rentner nicht verschweigen. Mit Politik und Religion hat er nichts am Hut. Enttäuscht ist er, dass eine in der Schweiz geborene Tochter für die Einbürgerung 5000 Franken bezahlen musste. Dies sei letztlich auch der Grund, weshalb er selber nicht Schweizer werden will. «Ich verkaufe meine Haut nicht», meint er ernst. So ist Eduardo im Herzen zwar Berner, auf dem Papier aber Italiener geblieben.

Einprägsames Firmenlogo.

«Bern ist eine wunderschöne Stadt, ein Paradies.» Deshalb und wegen seiner Töchter ist er hier geblieben, als seine Frau nach Italien zurückzog. Bei einem edlen Tropfen spricht er auch noch über sein Ende. Zeit zum Sterben habe er im Moment nicht. Jeden Tag steht er noch im Laden und verkauft oder flickt Schuhe. «Ich kam zum Arbeiten nach Bern und nicht für Ferien». Und sollte er dennoch eines Tages abberufen werden, dann wisse sein Schwiegersohn Bescheid: «Ich will in Bern kremiert werden». Die Urne mit seiner Asche möge man dann nach Italien transportieren und in der Familiengruft neben seiner Frau und Sohn Franco beisetzen, meint er ernst. Und meint es auch so.

Wir hoffen, dass uns das Berner Original noch lange erhalten bleiben wird und verabschieden uns mit einem herzhaften «Arrivederci».

Titelbild: Eduardo Abbiasini vor seinem Schuhhaus an der Lorrainestrasse 32 in Bern. Alle Fotos Peter Schibli

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