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Alles aus Plastik

Ein Leben ohne Kunststoffe gibt es nicht mehr. Im Alltag, in der Industrie, der Landwirtschaft, nicht nur als Müllhalde, sondern auch als trendige Möbel und Röhren für das Stromkabel, immer ist Plastik im Spiel.

Unter dem Titel Plastik. Magische Materie und globale Last widmet das Collegium generale der Universität Bern seine gegenwärtige interdisziplinäre Vorlesungsreihe den verschiedenen Aspekten dieses Themas. Andrea Westermann vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin erörterte in ihrem Vortrag den Platz, den die Kunststoffe in den letzten Jahrhunderten in der Gesellschaft eingenommen haben: «Plastik – ein genuin politischer Stoff».

Es geht dabei nicht allein um die Geschichte der verschiedenen Arten von Plastik, nicht um ihre Erfindung und nur am Rande um ihre Zusammensetzung. Die Referentin stellt Bezüge her zwischen der Verwendung von Plastik und der entsprechenden Bewertung in der Gesellschaft.

Kein Kino ohne Zelluloid

Kunststoffe sind Teil der Wohlstandsgeschichte der letzten 75 Jahre, nicht nur in den westlichen Ländern, sondern weltweit, wenn auch in unterschiedlichem Masse. Diese Erfolgsgeschichte beginnt schon im 19. Jahrhundert, mit der Erfindung des Zelluloides, des ersten Kunststoffes, der aus organischem Material (Zellulose) gewonnen wurde. Wir erinnern uns: die Puppen, mit denen wir als Kind spielten, hatten einen Zelluloid-Körper, Tischtennisbälle sind immer noch aus diesem Material. Das Bahnbrechendste: Der Filmstreifen aus Zelluloid, ohne den der Siegeszug des Filmes – sei es fürs Kino oder im Fotoapparat – nicht hätte beginnen können.

Volksempfänger mit Bakelit-Gehäuse (1933) – zur besseren Indoktrination der deutschen Bevölkerung massenhaft hergestellt und billig verkauft. / commons.wikimedia.org

Zelluloid diente auch als Ersatz für teure Grundstoffe: Statt Schildpatt, Elfenbein, Korallen, Bernstein konnte man Zelluloid verwenden. Luxus wurde für jedermann zugänglich, nicht nur für wenige Reiche. So wurden die Kunststoffe zu preisgünstigen Hilfsmitteln für den gesellschaftlichen Aufstieg, was durchaus von zweischneidiger Bedeutung war: Durch billige Imitationen konnten Menschen mit kleinem Einkommen ihren Lebensstil und ihre Wohnkultur scheinbar auf das Niveau von gutbürgerlichem Wohlstand heben. Die gesellschaftlichen Schranken liessen sich allerdings nicht so leicht abschaffen.

Nicht zuletzt war und ist Plastik ein praktisches, extrem vielseitiges Material, im Nachkriegsdeutschland demonstrierte es eine neue Bescheidenheit. – Die soziale Marktwirtschaft der 1950/60er Jahre fusst unter anderem auf Kunststoffen. Und das ist durchaus zweideutig zu verstehen: Die plastifizierte Oberfläche wurde wichtig, was kritische Zeitgenossen wie Hans Magnus Enzensberger schon früh beobachteten: Er übte Kritik an den aus dem 3. Reich übernommenen «Honoratioren» und beschrieb schon damals Kunststoff als verdächtig oberflächlichen Stoff, der nur zur Verbrämung einer ebenso oberflächlichen Demokratie diente.

Der Siegeszug des PVC

PVC (Polyvinylchlorid) ist der erste thermosynthetische und einer der wichtigsten Kunststoffe. In verschiedenen Formen (hart und weich) dient er den unterschiedlichsten Zwecken und fast überall. Schallplatten aus Vinyl lösten die alten Schelllackplatten ab. Sie begründen den Siegeszug der Pop-Kultur. Vinyl bzw. Plastik überhaupt sehen Kulturhistoriker heute als Symbol für Leichtigkeit und Vergänglichkeit in Leben und Kunst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts an.

PVC-Rohre für Elektrodraht / commons.wikimedia.org

Allerdings dauerte es nicht lang, bis festgestellt wurde, dass PVC, d.h. Vinylchlorid, krebserregend ist. Davon waren besonders Chemiearbeiter – darunter überdurchschnittlich viele Migranten – in Deutschland, Italien, den USA und Belgien betroffen. Sie arbeiteten in Chemiefabriken und litten unter von Plastik verursachten Gesundheitsschäden.

Schon 1971 protestierte die Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen gegen ein grosses Chemiewerk. Es gab Protestbriefe gegen die Umweltschäden durch Plastik und Umweltverschmutzung.

Polypropylen (Kugel-Stab-Modell; Blau: Kohlenstoff; Grau: Wasserstoff ) / commons.wikimedia.org

Plastik – ein Danaer Geschenk

Die Kunststoffe werden in der einen oder anderen Art die Fossilien der Zukunft sein. Schon jetzt hat man am Strand von Hawaii «Plastiglomerat» (= verfestigtes Plastik) gefunden. Das werde das Material der zukünftigen Paläontologie, prophezeit Andrea Westermann und fährt fort, dass dieses Plastiglomerat ein Indiz dafür sei, dass wir bereits mit «Technofossilien» leben. Es werde weniger Fossilien traditioneller Art (Versteinerungen) geben, sondern «biochemische» Signale.

Ebenfalls im Jahre 1971 erschien das Buch «Müllplanet Erde» – Müll bestand auch damals schon zum grössten Teil aus Plastik. Und doch müssen wir bedenken, dass wir ohne Plastik heute nicht mehr leben können.

Leben im Plastik: Almeria als Beispiel einer Plastikwirtschaft

In den 1960er Jahren entstanden in Südspanien die ersten Plastikgewächshäuser. Inzwischen erstrecken sich die Plastikdächer der Gewächshäuser in der Provinz Almeria über eine Grösse von 42’000 Fussballfeldern. Neben den Gewächshäusern sind Favelas für die «Plastik-Arbeitsmigranten» entstanden, vorwiegend aus dem Material, das für die Gewächshäuser nicht mehr taugte.

Man kann inzwischen sagen, dass eine ganze Wirtschaftskette entstanden ist, die sich auf die Nutzung von Plastik stützt. Seit Mitte der 1970er Jahre unterstützt der spanische Staat die Plastikwirtschaft in dieser Region. Das «spanische Plastikwunder» entstand schnell und unaufhaltsam.

Almerias traditionelle, kaum nutzbaren Grundstoffe waren Sand, Sonne, Wasser. – Western waren dort gedreht worden. Nun wird die neue Obst- und Gemüseindustrie durch den Einsatz von Plastik möglich. Das aus Brunnen gewonnene Wasser wird ebenso wie der Dünger sparsam durch dünne PVC-Röhren auf die Anbauflächen geleitet, die Plastikplanen schützen vor Hitze, Kälte und Wind.

Luftbild von El Ejido / commons.wikimedia.org

Südspanien ist durch diese Entwicklung ein Einwanderungsland geworden. 30% der Einwohner in Andalusien sind Arbeitsmigranten. Diese leiden unter rückständigen Arbeits- und Lebensbedingungen, wie eine Untersuchung der Zeitung El Païs 2019 zeigt, z.B. unter gesundheitlichen Nebenwirkungen durch den Einsatz von Pestiziden. – Diese Menschen leben in Verhältnissen, die denen der Fabrikarbeiter in Manchester im 19. Jahrhundert gleichen.

Die Wissenschaftshistorikerin Andrea Westermann stellt fest: Am Plastik und seiner Nutzung lassen sich gesellschaftliche Prozesse und Veränderungen ganz konkret erklären. Für Herstellung und Nutzung sind jedoch politische Entscheidungen notwendig, die Verantwortung darf nicht vollständig auf die Verbraucherinnen und Verbraucher überwälzt werden. Dennoch bleibt uns die Erkenntnis: Jeder und jede ist gehalten, zum Müll, seiner Entstehung, seiner Beseitigung politisch und praktisch Stellung zu beziehen.

Alle Vorträge im Rahmen der interdisziplinäre Ringvorlesung des Collegium Generale können auf der Webseite nachgehört werden. Dort finden Sie alle Informationen.

Titelbild: Recycling-Lastwagen in China / commons.wikimedia.org

1 Kommentar

  1. Vor allem wegen der Verknüpfung mit der Kultur- und Zeitgeschichte bietet dieser Bericht neue Erkenntnisse und Anregungen. Die Erkenntnisse sind wahrlich eindrücklich!

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