FrontGesellschaftEinzigartige Fotos einer pittoresken Schweiz

Einzigartige Fotos einer pittoresken Schweiz

Im 19. Jahrhundert, als touristische Reisen über den Atlantik noch kein Massenphänomen waren, erlaubte es die Stereofotografie interessierten Amerikanerinnen und Amerikanern, die Schweiz dreidimensional zu erleben. Ein neuer, vom «Christoph Merian Verlag» herausgegebener Bildband stellt die faszinierende Technik anhand historischer Fotos vor.

Eiger, Mönch und Jungfrau, das Matterhorn, der obere Grindelwald-Gletscher, die Taminaschlucht in Bad Ragaz, der Basler Marktplatz, die Quaibrücke in Zürich, das Löwendenkmal in Luzern…. Bis vor fünfzig Jahren waren Schweiz-Reisen über den Atlantik nur reichen Amerikanerinnen und Amerikanern oder Militärs vorbehalten. Einfache Leute, sofern sie sich überhaupt für Europa interessierten, lernten das Berner Oberland, das Bündnerland, das Wallis oder die malerischen Schweizer Städte nur dank Fotos kennen.

Der Berner Zeitglockentrum um 1896, «Underwood & Underwood».

Die ersten Eindrücke aus der Alpenrepublik waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts mittels Kompositionen wie «Marsch der Schweizer Soldaten», Ouvertüre zu «Wilhelm Tell» oder der Hirtenmelodie «Ranz des Vaches» nach Übersee gelangt. Erzählungen des Reiseschriftstellers James Boswell, des Dichters William Wordsworth oder des britischen Lord Byron («Die Gefangenen von Chillion») sorgten für ein wachsendes Interesse an den idyllischen Landschaften, Bergen und Städten.

Das Schloss Chillon am Genfersee, circa 1901. «Underwood & Underwood».

Ab 1839 entwickelten verschiedene, auf dem Gebiet der Heliografie spezialisierte US-Firmen die Stereoskopie, eine Fototechnik, dank der Aufnahmen durch eine Art Binokular betrachtet werden und dabei eine plastische, d.h. dreidimensionale Wirkung entsteht. In der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts reisten ganze Heerscharen von Fotografen kreuz und quer durch Europa und die Schweiz. Sie lieferten Hundertausende von atemberaubenden Aufnahmen mit pittoresken Motiven: Trachtengruppen, Handwerker, Kinder, Strassenszenen, Schlösser, Kirchen, Bürgerhäuser, bekannte Viertausender, ja sogar der Berner «Zibelemärit» wurden fotografisch verewigt und stereoskopisch auf Karten gedruckt. Zu den bekanntesten gehören die «Boxed Sets» der Firma «Underwood & Underwood», die ab 1897 in den Verkauf gelangten.

Das Matterhorn vom Riffelberg aus fotografiert, um 1901. Gelatinesilber-Abzug eingekerbt für das ‹Sculptoscope› der Whiting View Company. Negativ lizenziert von Keystone View Company.

In der warmen Stube diesseits und jenseits des Atlantiks genoss man die idyllischen Szenen, die kuriosen Kostüme, die mächtigen Gebirge und Gletscher. Die Aufnahmen zeigten mehrheitlich eine ländliche, traditionelle Schweiz sowie das von Armut und Naturgefahren geprägte Leben der Schweizerinnen und Schweizer. Die stereographischen Aufnahmen weckten, ähnlich wie Albrecht von Hallers Gedicht «Die Alpen», das Interesse zuerst der Briten und später der Amerikaner für touristische Reisen in die Alpenrepublik. Der Siegeszug der Stereofotografie und der einsetzende internationale Tourismus endeten mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs und der Weltwirtschaftskrise abrupt.

Prof. Donald Tritt. (Foto Privat)

Der Amerikaschweizer Donald Tritt, dessen Grossvater Joseph Gustav Tritt 1866 aus dem Simmental nach Ohio ausgewandert war, begann in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, Stereofotografien mit Ansichten der Schweiz zu sammeln. Der Professor für klinische Psychologie interessierte sich für das Land seiner Vorfahren. Er wollte wissen, wie die Schweiz im 19. Jahrhundert ausgesehen hatte, als sein Grossvater in die USA emigriert war. 1975 fand in der Nähe von Columbus (Ohio) eine Tagung der «National Stereoscopic-Association» statt, auf der Donald Tritt «Boxed Sets» mit 100 wertvollen Aufnahmen der Firma «Unterwood & Underwood» erwarb. In den nächsten Jahren folgten weitere Ankäufe.

Das ‹Holmes›-Stereoskop von «Underwood & Underwood» (New York u.a.), 1911.

Als Tritts Sammlung eine kritische Grösse erreicht hatte, begann er sich Gedanken über einen geeigneten Aufbewahrungsort zu machen. 2008 wurde hierzu in New Glarus (Wisconsin) das «Swiss Center of North Amerika» gegründet. Die Institution ist nicht nur als Archiv für Schweizer Kulturgut gedacht, sondern auch als Ort für genealogische Forschung sowie lebendigen kulturellen Austausch. 2012 entschied sich Tritt, dem «Swiss Center» seine Fotosammlung sowie ein altes Stereoskop zu schenken.

Dort lagerten die Aufnahmen im Archivkeller, bis sie 2017 von Jarryd Lowder entdeckt wurden. Gemeinsam mit Center-Direktorin Beth Zurbuchen entwickelte der US-Fotograf die Idee, die besten Fotos in einem Bildband herauszugeben. Das Schweizerische Nationalmuseum in Zürich (das ehemalige Landesmuseum) zeigte sich am Kauf der bedeutenden Sammlung interessiert. Die Verantwortlichen des «Swiss Center» erklärten sich dazu bereit. Im Februar 2020 wurden die stereografischen Aufnahmen aus den USA in die Schweiz überführt. Darauf gestaltete das Schweizerische Nationalmuseum unter dem Titel «Stereomania» vom 23. Juli bis 17. Oktober 2021 eine Ausstellung.

Jarryd Lowder und Beth Zurbuchen anlässlich der Vernissage im Schweizerischen Nationalmuseum. Foto: PS

Das kürzlich vom Christoph Merian Verlag herausgegebene Buch «Stereographic Switzerland» gibt einen hervorragenden Einblick in die einzigartige Stereobilder-Sammlung des Schweiz-Amerikaners Tritt. Ausführlich beschrieben wird die faszinierende Technik aus den Anfängen der Fotografie, vergleichbar mit der heutigen «Augmented Reality».

Der Band enthält aussergewöhnliche, nie gezeigte historische Fotos aus der Schweiz des 19. Jahrhunderts. Dank einer beigelegten Stereobrille kann auch der plastische 3D-Effekt erlebt werden. 

Das «Boxed Set Switzerland» mit 100 Stereofotografien von L.C. Skeels, Stereo-Travel Co. / Keystone View Co.

In einem eigenen Beitrag beschreibt der Kurator der Zürcher Ausstellung, Aaron Estermann, die Bedeutung der 3D-Fotografie für die Schweiz: «Als erstes fotografisches Massenmedium kam der Stereofotografie eine Schlüsselrolle zu. Ihre weite Verbreitung schrieb Schweizer Stereotypen fest. Durch ihre Vermarktung als mentales Reisen war sie nicht nur Ersatz, sondern auch Anreiz und Werbung für das physische Reisen.» Das Vorwort zum Bildband stammt vom derzeitigen Schweizer Botschafter in den USA, Jacques Pitteloud.

Titelfoto: Kolorierte Aufnahme des Urnersees bei Flüelen (Uri), circa 1908, American Stereoscopic Co. Alle nicht speziell gekennzeichneten Fotos: © Schweizerisches Nationalmuseum.

«Stereographic Switzerland», Jarryd Lowder (Hg.) 2021, Merian Verlag, 184 Seiten, 164 teils farbige Abbildungen, mit Stereobrille, Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-85616-960-2

Erscheinungsdatum Mitte November 2021

Vorbestellungen:

Christoph Merian Verlag: https://www.merianverlag.ch/produkt/kultur-und-gesellschaft/stereographic-switzerland/978c5bdb-1550-47c7-9b9a-7524e9058789.html

Videos aus der inzwischen beendeten Ausstellung «Stereomania» im Schweizerischen Nationalmuseum https://www.landesmuseum.ch/stereomania

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