FrontKolumnenDeutschland, die europäische Insel der freien Fahrt

Deutschland, die europäische Insel der freien Fahrt

Passiert man von Schaffhausen nach Singen das Zollamt an der Grenze zu Deutschland und fährt man dann Richtung Gottmadingen, erreicht man einen Kreisel. Verlässt man den Kreisel an der zweiten Ausfahrt, ist man direkt auf der A 81, der Autobahn Richtung Stuttgart, umgangssprachlich als Teil der Bodensee-Autobahn Spätzle-Highway bezeichnet. Was so liebevoll, heimatverbunden tönt, ist lange nicht das, was die A81 auch ist: eine Art Rennstrecke für Junge und vermeintlich Junggebliebene, alte Tempobolzer, vor allem aus der Schweiz. Und das abrupte Ende der Autobahn vor der Schweizer Grenze ohne Anschluss signalisiert: Hier endet Europa quasi im Niemandsland, hier hat die Schweiz den Anschluss an Europa verloren. Bedeutungsträchtig.

Hat man sich dann auf der A81 eingependelt, flott das gängige Tempo aufgenommen, liest man an den Brücken, die die Autobahn queren, Affichen, die an Deutlichkeit nicht zu übertreffen sind: «Wer rast, landet im Gefängnis», «Wer rast, gefährdet sich und andere».

Aus einem Polizei-Rapport lese ich: «Ein Audi- und ein BMW-Fahrer fielen der Polizei bereits an der Ausfahrt Sulz auf, als der Audi S3 auf der linken Spur eine Autofahrerin ausbremste, völlig blockierte. Der Fahrer des BMW überholte zum gleichen Zeitpunkt über den «Standstreifen» einen weiteren Autofahrer. Beide Fahrer traten voll aufs Gas; sie lieferten sich offensichtlich ein Rennen.» Bei den beiden Rasern, welche wenig später gestoppt werden konnten, handelte es sich um einen 24- und einen 27-jährigen Schweizer. Ihre Autos mussten sie stehen lassen, ihre Führerscheine abgeben. So glimpflich laufen nicht alle Rennen auf der A81 ab. Kürzlich verlor ein 18-jähriger Schweizer mit hoher Geschwindigkeit die Herrschaft über das Auto, kam ins Schleudern, prallte in einen Lastwagen. Er starb auf der Unfallstelle, seine 15-jährige Mitfahrerin wurde schwer verletzt.

Tatsächlich: Fährt man dann auf der rechten Seite auch mit gut 150km/h oder animiert auch noch mehr und daneben auf der linken Spur brausen die BMWs, Mercedes, Audis, gar Japaner mit 200 km/h oder noch mehr an einem vorbei, spürt man einen vernehmbaren Luftzug. Man wird gewahr: Schnelles, superschnelles Autofahren muss deutschen Männern, aber auch Frauen in superschnellen Autos Spass machen, aber nicht nur ihnen. Von den jungen Schweizern war ja schon die Rede. Und die deutsche Polizei weiss davon zu berichten, dass die A81 auch österreichische Autonarren und Autofans aus dem nahen Elsass in ihren Bann zieht und zu Rennen lockt. Deutschland, die europäische Insel der freien Fahrt.

So ist nicht erstaunlich, dass sich in Deutschland Politiker, allen voran Christian Linder, der Chef der Liberalen und Porschefahrer, in den Koalitionsverhandlungen für eine neue Regierung noch einmal durchsetzen konnten; Tempo 130 auf Autobahnen ist so vorerst vom Tisch.

Die Deutschen müssen sich also nicht sofort vor einer Temporeduktion auf 130 fürchten. Noch gibt es die freie Fahrt, noch können sie auf der gut ausgebauten und noch wenig befahrenen A81 auf das Gaspedal drücken, sich der Lust des schnellen Fahrens hingeben, obwohl alle wissen, dass der Tag kommen wird, an dem auch in Deutschland Tempo 130 nicht mehr zu stoppen ist. Damit auch Deutschland, wie die meisten europäischen Staaten seinen Beitrag zum Klimaschutz und zu mehr Verkehrssicherheit leistet. Oder wie das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» schreibt: «Tempo 130 wäre ein Symbol für die Verkehrswende gewesen. Ein Signal, um das Land zu modernisieren, umzubauen, das Leben anders zu gestalten, die Mobilität neu zu organisieren.» Es wäre tatsächlich ein Zeichen der Vernunft gewesen. Noch ist nicht aller Tage Abend, die Koalitionsverhandlungen sind noch in vollem Gange. Die Vernunft kann ja noch obsiegen. Was auch gut für die Schweiz wäre, weil eine gezähmte Autobahn auf Tempo 130 unmittelbar an der Grenze nicht so eine verführerische Anziehungskraft hätte.

1 Kommentar

  1. Genauso ist es wie Sie es beschreiben.Leider hat die Autolobby zu viel Einfluss in der Politik Deutschlands.Es wäre höchste Zeit für ein Tempolimit!
    Doch wie vieles Anderes,Deutschland bringt nichts mehr zustande,siehe BRB und Bahnhof Stuttgart.

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