FrontLebensartZu Besuch bei Suzanne Widmer-Steiner

Zu Besuch bei Suzanne Widmer-Steiner

Dass man auch mit 78 Jahren noch sozial engagiert sowie kulturell aktiv sein kann, beweist die Bernerin Suzanne Widmer-Steiner täglich. Seit Jahren betreut sie Menschen in Schwierigkeiten, ist seit 2018 bei den «Grauen Panthern» im Vorstand und findet dabei noch Zeit für sich selbst, für regelmässige Museums- sowie Konzertbesuche. Seniorweb hat die rüstige Seniorin im Berner Ostring besucht.

Im Wohnzimmer von Suzanne Widmer-Steiner (Rufname Züsi) stechen gepflegte Bücherregale mit Kunstbänden, Schallplatten, ein CD-Ständer sowie viele Pflanzen ins Auge. Die dreifache Mutter und dreifache Grossmutter («Ich wollte schon immer sechs Buben») liebt vor allem Renaissance und byzantinische Kunst. An den Wänden hängen Museumsplakate, zeitgenössische Kunst und Hauswirth-Scherenschnitte aus dem Saanenland. Familienfotos dürfen nicht fehlen. Ein Spiegel neben der Etagentür ermöglicht ihr einen letzten Blick auf das stets gepflegte Äussere, bevor sie die heimelige Wohnung verlässt.

Ein kurzer Blick in den Spiegel neben der  Wohnungstür.

Stolz erklärt Züsi Widmer dem Besucher ihre Topfpflanzen auf dem Balkon. Hier ist ihre Oase, in der es vom Frühling bis in den Herbst grünt und blüht. Auf dem Esstisch, zwischen vier Biedermeier-Stühlen, steht eine Vase mit frisch geschnittenen Rosen. Im Hintergrund alte Musik, gespielt auf historischen Instrumenten. Im Gästezimmer stehen weitere Bücher in Regalen. An der Wand im Schlafzimmer hängen Ikonen, gemalt von rumänischen Strassenkindern. Erinnerungen werden wach:

Achtzehn Jahre lang unterstützte die Bernerin Kinderheime in Rumänien, vor allem in Bukarest mit einer kleinen Stiftung. In der Schweiz sammelte sie Geld und Hilfsgüter. Ca. 800 Warentransporte schickte sie im Lauf der Jahre nach Rumänien und besuchte die Heime jährlich. Mit Pater Gabriel, dem Leiter des «Shelters», ist die Stifterin immer noch freundschaftlich verbunden. Die Schweizer Stiftung „Lorenzetti“ unter dem EDI wurde inzwischen aufgelöst.

Von rumänischen Strassenkindern gemalte Ikone.

Züsi Widmer hatte nach der Schule analytische Chemielaborantin gelernt und jung geheiratet. Nach der Scheidung zog sie ihre drei Söhne gross, nahm in diesen Jahren – nacheinander – insgesamt 22 Pflegekinder in ihre Obhut. Darunter waren Anorexie – Bulimie-Patientinnen und Drogenkonsumenten. Gerne hätte sie nach der Scheidung Biologie oder Theologie studiert. Aber ihr Weg war ein anderer. Der damalige Berner Drogenpfarrer Paul Berger riet ihr, auf dem zweiten Bildungsweg Sozialarbeit zu studieren, was Züsi an der Schule für Sozialarbeit in Bern auch tat.

Nach dem Auszug der Söhne sorgt sie weiterhin für bedürftige Menschen. Auf dem lokalen Postamt lernte sie einen Familienvater aus Libyen kennen, der erneut eine Betreibung erhielt. Sie half der Familie beim Ausfüllen von Dokumenten, mit Administrativem und bei der Wohnungssuche. Stets begegneten ihr weitere „Klientinnen und Klienten“: Ein Iraner, eine Frau aus Ost-Anatolien, eine Tschetschenin, Menschen aus dem Kosovo und Kroatien, Musikerinnen aus Rumänien, alles Personen mit einer Aufenthaltsbewilligung. Selbstverständlich hilft sie auch Schweizerinnen und Schweizern mit dem administrativen Kram.

Züsi Widmer betont, dass sie diesen Menschen in Zusammenarbeit mit der städtischen Fürsorge, der IV, der Steuerverwaltung, den Krankenkassen und befreundeten Anwältinnen beisteht. Sie kennt sich aus im Sozial-Versicherungsrecht, mit Sozialhilfe und Steuererklärungen, mit Aufenthaltsbewilligungen, der Wohnungs- und Arbeitssuche. Nun ist genug. In den letzten Monaten hat sie begonnen, einzelne Mandate und Begleitungen abzugeben.

Umgeben von Kunstbüchern und Musik geniesst Züsi Widmer ihre Kultur.

Die gewonnene Zeit widmet sie ihrem Interesse für fremde Kulturen. Mit Gruppen reiste sie in den Iran, nach China, Indien, in die USA, nach Rumänien. Am liebsten aber ist sie in Italien, in Rom und in der Toskana. Einmal pro Jahr besucht sie eine Freundin in der Toskana und geniesst dort ein Musikfestival.

Ihre Essgewohnheiten sind südländisch geprägt. Sie kocht und isst gerne italienische wie ungarische Gerichte. Züsi Widmer liebt Meeresfrüchte und frischen Fisch; dazu trinkt sie gerne ein Glas Rotwein oder einen Rosé,

Zu Hause verarbeitet die umweltbewusste Bernerin saisonales Gemüse sowie Früchte, macht Sirup, Konfitüren oder dörrt Minzen aus dem Garten des jüngsten Sohnes. Letztes Jahr hatte sie mit ihm und den Enkeln Quitten gepflückt, gerüstet und daraus Schnaps brennen lassen. Sie arbeitet gerne in dessen Garten. An Freundinnen und Bekannten, mit denen sie regelmässig Wanderungen unternimmt oder Konzerte besucht, mangelt es ihr nicht.

Sonnenblumen dürfen im Esszimmer nicht fehlen.

Zu ihren Hobbies gehört das Fotografieren. Abgeschaut hat sie es ihrem Papa, dem bekannten Schweizer Fotografen Hans Steiner (1907 – 1962). Er wurde berühmt durch seine Reportagen in der «Schweizer Illustrierten», «Sie und Er» und der «Woche». Die Reisen führten ihn nach Asien, Afrika, den Mittleren Osten und quer durch Europa.

Steiner fotografierte 1938 die Erstdurchsteigung der Eigernordwand. Sein Foto von General Guisan wurde zum offiziellen Porträt, das während Jahrzehnten in Schweizer Wirtshäusern und Wohnungen hing. Auch bei der Berner Patrizierin Madame de Meuron durfte Steiner fotografieren. Sein Lebenswerk (rund 100 000 Aufnahmen) sind heute Eigentum des «Musée de l`Elysée» in Lausanne.

Die Erinnerungen an ihren Papa sind in diesen Tagen besonders wach. Züsi Widmer ist ins Bergell, nach Chiavenna, eingeladen, wo ein 60jähriges-Jubiläum gefeiert wird. Papa Steiner war 1961 einer der Initianten der Ausgrabungen des Dorfs Plurs/Piuro, das am 4. September 1618 von einem Bergsturz verschüttet worden war. Fotograf Hans Steiner hatte 1960 Ruinen entdeckt und sich für die Gründung einer italienisch-schweizerischen Vereinigung engagiert. Bei der Katastrophe vor 400 Jahren waren über 2‘000 Menschen ums Leben gekommen, hunderte emigrierten danach.

Papa Hans Steiner (links) in Plurs. Rechts: Tochter Suzanne in jungen Jahren. Foto Privat.

Eine Frage bleibt: Warum hilft Züsi Widmer seit Jahrzehnten uneigennützig fremden Menschen? Hat sie ein Helfersyndrom? Die 78-Jährige verneint und denkt nach. Die Antwort fällt ihr offensichtlich nicht leicht. «Mein zweiter Beruf, Sozialarbeiterin, machte mir immer Freude. Ich stehe gerne Menschen in einer schwierigen Situation bei, will es aber nicht an die Grosse Glocken hängen.» Was ihr vor einer Mandatsübernahme immer wichtig war: «Das Bauchgefühl musste stimmen.»

Freunde und Bekannte nennen sie «Mutter Courage von Bern». Mit solchen Etiketten kann Züsi Widmer nichts anfangen; bei Glorifizierungen ist ihr unwohl. Dennoch wurde sie vor zehn Jahren für die Nomination «Stille Heldin 2011» angemeldet. Die «Coop-Zeitung» führte im Auftrag eines gleichnamigen Vereins eine entsprechende Online-Umfrage durch. Während mehrerer Tage stand der Name von Züsi Widmer an der Spitze der Rangliste, bis sie in der Nacht vor der Entscheidung von einem Zürcher Kandidaten, ebenfalls einem Rentner, überholt wurde.

Scherenschnitte von Ueli Hauswirth aus dem Saanenland.

Der massive Stimmenzuwachs in nur wenigen Stunden roch stark nach Manipulation. Der Verein und die «Coop-Zeitung» wiesen sämtliche Vorwürfe zurück, und der erwähnte Zürcher wurde an einer Feier zum «Stillen Helden 2011» gefeiert. Kürzlich erlebte Züsi Widmer doch noch eine Überraschung.

Der Sohn des inzwischen verstorbenen Preisträgers gestand der Bernerin am Telefon, dass sein Vater nur dank Manipulation zum Sieger erklärt worden war. Das schlechte Gewissen hatte den Sohn während Jahren geplagt.

Züsi Widmer freute sich über die späte Fairness des Anrufers. Ändern an ihrer sozialen Einstellung wird sich dadurch aber nichts.

Titelbild: Kunst geniesst Suzanne Widmer-Steiner in Museen, aber auch dank ihren vielen Bildbänden zu Hause. Alle Fotos: PS.

1 Kommentar

  1. Züsi engagiert sich für einzelne Menschen und Familien und dadurch auch für die Gesellschaft.
    Ich bewundere ihr soziales Gewissen, ihr Engagement, ihre Energie und Kraft und ganz allgemein ihre positive Einstellung zu den verschiedenen Facetten des Lebens.

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