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Strassenleben

Natürlich gebe ich es zu. Manchmal gehe ich einkaufen, nicht weil mir etwas fehlt, sondern damit ich «aus dem Haus komme». Ich kaufe auch in kleinen Portionen ein. Die sind dann weniger schwer zum Tragen. Und es wird schneller Nachschub benötigt.

Auf meinem Weg komme ich an einem Bankomaten vorbei. Heute stand dort ein älterer Herr, der gerade noch bemerkte, dass er seine Karte hatte stecken lassen. «Ist mir schon einmal passiert», sagte er zu mir, froh, jemanden zu haben, mit dem er sein «Fast-Malheur» teilen konnte. «Mich wundert immer, wie unbesorgt wir Geld aus Bankomaten beziehen», meinte ich. «Ich mache das auch, ohne jede Angst». «Was sollte denn da passieren?», meinte er. Ich schilderte ihm, noch von meiner polizeilichen Vergangenheit beeinflusst, was da «passieren» könnte. Er schüttelte den Kopf. «Aber doch nicht in Luzern», meinte er. «Wir leben doch hier friedlich».

Davon liess ich mich überzeugen und lenkte meine Schritte auf die Strasse, die zum Bahnhof führt. Sie war schon frei geputzt vom Laub der Bäume am Strassenrand. Aber selbstverständlich hatten die noch einen reichen Vorrat an weiteren gelben Blättern, mit denen sie die Strasse laufend neu dekorierten.

Die Strassenarbeiter waren unterwegs mit Besen, grossen Schaufeln und mit einem kleinen Auto, das als Auffangstation für das gesammelte Laub diente. Diese Motorfahrzeuge faszinieren mich immer. Sie sind für mich ein Gradmesser für den Wohlstand der Luxusinsel Schweiz!

Die kleinen Wagen des Strassen-Inspektorates sind immer blitzblank geputzt. Und ich habe noch nie auch nur den allergeringsten Blechschaden an einem solchen Vehikel bemerkt. Dasselbe gilt aber auch für die Angestellten, die damit im Einsatz sind. Ihre Arbeitskleider wirken immer wie frisch gewaschen und gebügelt. Und wie die Kleider sind auch die Männer, die diese Arbeit verrichten: freundlich, aufgestellt, für einen kurzen Schwatz zu haben. Aber nur für einen kurzen. Von der Arbeit lassen sie sich nicht abhalten!

Auf der Strasse, die zum Bahnhof führt, sind die jungen Väter und Mütter mit ihren Sprösslingen früh auf Einkaufstour. Da studiere ich gerne Kindermode und überlege mir, wie teuer das Einkleiden der Kinder zu stehen kommt. Von den Schuhen bis zur Kapuzenjacke, das dürfte ins Geld gehen. Und die Bedürfnisse können je nach Wetterlage von Tag zu Tag wechseln.

Wenn ich die Kinder beobachte, schiesst mir eine Erinnerung an meine Grossmutter durch den Kopf. Sie hatte Hüftprobleme und ihr Gang war nicht mehr der eleganteste. Die Familiensage erzählt, dass eine meiner Cousinen zu ihr gesagt habe: «Grossmutter, Du gwaggelst wie eine Ente. Schau einmal, wie ich laufe.» Um dann mit dem aufrechten, stolzen Gang einer Sechsjährigen vor ihr her zu stolzieren. Ein solcher Ausspruch gegenüber der Grossmutter war damals noch bemerkenswert!

Etwas später gehe ich an einem Schaufenster eines grossen Geschäftes vorbei und finde immer noch, was ich schon vor Jahren thematisiert habe: Wurstwaren, Schinkli, Schüfeli, dekoriert mit Tannzweigen und Engelshaar. Tja, an der Kombination: «Wurst und Weihnachten» werden wir nicht vorbeikommen, jedenfalls so lange nicht, als uns der allgemeine Wohlstand erhalten bleibt. Denn mit der Schaufensterauslage allein ist es ja nicht getan. Die das betrachten, sind auch die, die hoffentlich kaufen und konsumieren.

In der Zeitung konnten wir lesen, auf einem bestimmten Platz in der Stadt werde dieses Jahr kein grosser Weihnachtsbaum aufgestellt werden. Er wäre zwar, hochgewachsen, zum Fällen bereit, hiess es. Aber es wolle niemand die Kosten für das Schlagen, das Transportieren, das Aufstellen und das Dekorieren übernehmen. Es handle sich da um eine ansehnliche Summe. Da könnte wohl nur eine neu gegründete «Interessengemeinschaft Weihnachtsbaum» Abhilfe schaffen. Aber finden sich wohl so altruistisch eingestellte Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die für diesen Zweck etwas Geld locker machen? Was wäre denn die «Rendite»? Freude der Erwachsenen, Entzücken der Kinder! Schlägt nicht genügend zu Buche!

Schon bin ich am Ziel meines Einkaufsganges angelangt. Und belohne mich für meine «sportliche» Initiative: Tageszeitungen landen in meiner Einkaufstasche!

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