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Wann ist man alt?

«Walter Däpp ist so etwas wie ein literarischer Fotograf. Er macht Schnappschüsse aus unserem Leben, er hält alle möglichen Situationen fest, die wir auch schon erlebt haben, er ist ein Spezialist für das Nächstliegende, das wir so gerne übersehen, für das Langsame, für das wir keine Zeit haben, für die Kleinigkeiten, über die wir gewöhnlich hingweggehen.» Mit diesen Worten beschreibt der Autor und Kabarettist Franz Hohler den Berner Journalisten Walter Däpp.

«So alt wie hütt bin i no nie gsi.» Das sagte ein 108-Jähriger, der in jungen Jahren als Verdingbub «mängisch nüüt als usgnützt u plaget» worden war. In seinem hohen Alter haderte er aber nicht mit der Vergangenheit, er blickte gut gelaunt in die Zukunft: «I bi läbesluschtig, u das cha mer niemer näh.» Die Begegnung mit diesem zufriedenen alten Mann macht den Anfang dieser Sammlung alter und neuer berndeutscher Texte über das Älterwerden, die der Berner Journalist Walter Däpp geschrieben hat. Seniorweb publiziert diesen und zwei weitere Texte mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Damit wir in den vollen Genuss der berndeutschen Geschichten kommen, hat Walter Däpp die drei Geschichten speziell für die Leserinnen und Leser von Seniorweb vertont.

Das Audio der ersten Geschichte «Alt»: Es liest der Autor.

Walter Däpp, Journalist und Buchautor.

«Du bisch alt!», het mer es Grossching gseit. Grediuse. U de hets es no gnau wöue wüsse: «Was isch ‹alt›?»

«Alt isch, we me scho lang gläbt het, nümm jung isch wi du», han i gseit. U no überleit, was alt sy heisst – würklech alt, nid nume elter. Heissts Verluscht? Verzicht? Vergangeheit? Oder Erfahrig, Wüsse, Abklärtheit, Glasseheit? Heissts unsicher sy? Verwirrt? Truurig? Alei? Besorgt? Oder umsorgt? Betröit? Pflegt? Gschetzt?

Alt sy: Sy das Falte? Furche? Runzele? Altersfläcke? Schwabbligi Hut? Wyssi Haar? Oder keni Haar meh, ämu dert, wo si sötte sy? Heissts o, s chönne ruehiger näh? Oder sech müesse zämenäh? Müesse loslaa? Oder dörfe loslaa? Sech o mau chönne la gah? Ghört zum Altsy der Rollator? Der Rollstuel? Physiotherapie? Ergotherapie? Aktivierigstherapie? Oder jede Tag es Glesli Wy? Heisst alt sy, i Erinnerige schwelge? De Grossching Gschichte verzeue? Ghört zum Altsy Wehmuet? Oder Muet?

Alt sy: Das chönnt o Pro Senectute heisse. Oder Spitex. Rheuma, Arthrose, Tablette. Spital. Altersheim. Öppen öpper, wo eim chunnt cho bsueche. Pflegendi, wo luege, öb alls stimmt. Oder ds komische Gfüel, dass das vilech mau e Roboter übernimmt.

Alt sy: Heisst das aafa schittere? Zittere bim Twittere? Angerne zur Lascht faue? Oder nümm allne müesse gfaue? Heisst alt sy, sech o mit em Tod befasse ? Oder ändlech namittagelang chönne jasse?

Ds Grossching hets de no gneuer wöue wüsse: «Warum bin i jung u du bisch alt?»

«I weis es nid», han i gseit, «aber das isch äbe ds Läbe.» Was hätt i nem süsch söue säge?

Walter Däpp, «So alt wie hütt bin i no nie gsi», Zytglogge-Verlag, 2021, ISBN 978-3-7296-5063-3

Zytglogge-Verlag

Titelfoto: Pixabay

Die zweite Geschichte aus Walter Däpps Büchlein publizieren wir auf www.seniorweb.ch im Januar.

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