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Die Hirten und die Schafe

Wer bekommt mehr Mitgefühl, die Hirten oder die Schafe? Der Satz meines Freundes auf einer Wanderung im Advent bleibt mir im Gedächtnis. Es lag Schnee und der Blick ging bis zum Alpstein. Unten lag Nebel, in der Höhe war es schon tagelang schön.

Beim Abstieg kamen wir an einer Herde Schafe vorbei. Unerwartet rannte die kleine Herde auf uns zu. Zuerst ein Tier durch den Schnee, dann zwei, drei dazu und zuletzt der ganze Trupp. „Schafe sind halt Herdentiere“, bemerkte mein Freund und fügte bei: „Heutzutage kümmern wir uns mehr um das Wohlergehen von Tieren als um das von Menschen!“ Ich war etwas verblüfft, denn ich sah zunächst keinen Zusammenhang mit unserem Thema, über welches wir sprachen, die Flüchtlinge. Anderthalb Jahre war es in den Hintergrund gerückt, denn nun beherrscht die Corona-Epidemie den Alltag der Menschen seit vielen Monaten.

Ich spitzte meine Antwort provokativ zu: „Wenn du von den Schafen sprichst, da auf der Wiese vor uns, denen geht es nicht schlecht, sie sind kältegewohnt und leben nebelfrei – wir hocken unten im Nebel!“

– „Nein, nicht Schafe oder andere Haustiere meine ich. Ich denke an die Versuchstiere in den Labors der Pharmaindustrie, die halbnackten Hühner im Dichtestress des Massenstalls, an die Makaken und Hunde in den Labors der Neurophysiologen,» antwortete er. Und ergänzt: „Wir machen uns mehr Gedanken über das Tierwohl – das Leid und die Qual von Menschen lässt uns kalt. Ich denke an die Flüchtlinge, die in zerbrechlichen Booten übers Mittelmeer oder über den Ärmelkanal setzen.» Tausende sässen an der Grenze zwischen Belarus und Polen fest, in der Kälte, ohne Nahrung mit blutenden Händen und Armen, aufgeritzt durch Stacheldraht: „Sie sind kalkulierte Menschenopfer für eine menschenunwürdige Politik – zum Verabscheuen!“

Dialog beim Wandern frei nach Heinrich von Kleist: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. Foto: Justin Koller

Auf unserem Wegstück zeigte sich der verschneite Alpstein in der Abendsonne. „Geht es dir nicht auch so, dass du manchmal zu grübeln beginnst über unser unwahrscheinliches Glück, sicher zu leben?“ nahm mein Freund den Dialog wieder auf. „Aus unserer Sicht ist das Unglück, das den Menschen aus der sogenannten unterentwickelten Welt passiert, weit weg. Doch jetzt sind sie da. Sie sind die Hirten auf den Feldern von Bethlehem.“ Ich musste ihm beipflichten. „Das sehe ich gleich wie du, aber was hat das mit dem Tierwohl zu tun?“

– „Es ist doch ganz einfach: wenn ich an eine Weihnachtskrippe denke, sehe ich neben den Hirten auch die Schafe. Sie bekamen als kleiner Bub von mir am meisten Zuwendung. Die Schafe stellte ich immer mit besonderer Sorgfalt auf, nahm sie heraus und streichelte sie, gab ihnen von den Strohhälmchen zu fressen. Obwohl die eine andere Bestimmung hatten. Unsere Mutter hielt uns Kinder an: wenn ihr brav seid, dürft ihr ein Strohhälmchen fürs Christkind in die Krippe legen. Die war noch leer, das Christkind erschien ja erst am 24. Dezember.»

Bicci di Lorenzo, um 1440. Fogg Museum, Cambridge, Mass. «Und es waren Hirten auf dem Felde, die hüteten des nachts die Schafe.»

Auch mich berührten diese Erinnerungen, da war alles viel einfacher, Gedanken, Haltung und Feier passten zusammen. Sogleich war er zurück aus der Welt der Kinderweihnacht und sagte nochmals eindringlich, dass Schafe heute mehr zählten als Hirten. Menschen für den Tierschutz zu gewinnen sei einfacher als die Suche nach Lösungen für Geflüchtete. Es würden zwar viele Vorschläge gemacht. Einzelpersonen und auch Städte würden Flüchtlinge aufnehmen. Aber politisch gebe es Widerstand. Und die Regierungen zeigten wenig Mut: «Das lähmt. Wir Europäer, die EU inklusive Schweiz, haben versagt.» Und weiter: „Es hat sich in den vergangenen Jahren etwas verschoben. Die drängenden Probleme überfordern und lähmen uns. Klimakrise, Überkonsum an Ressourcen, die Corona-Pandemie und immer wieder neu die Migration, das alles bedrängt uns. Unsere Enkel werden es nicht leicht haben mit diesen existenziellen Fragen. Wir sind weit entfernt von einer gerechten Weltordnung. Und wir schauen weg, weil wir es kaum ertragen.»

Auch mir kam eine Erinnerung hoch: „Erinnerst du dich noch an die Mahnwachen in der Adventszeit: Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung. Das waren die Themen. Wir waren betroffen und engagiert. Viele bezeichneten uns als naive Gutmenschen.

– «In vielen Bereichen hat unsere Gesellschaft wichtige Schritte gemacht. Doch Flucht und Migration werden gar nicht mehr als existenzielle Grundprobleme unseres Planeten wahrgenommen. Sie laufen im Hintergrund mit, unhinterfragt.»

Francisco de Goya: Wenn sie von anderer Herkunft sind. 1812-14. Aus: Desastres de la guerra

– „Das stimmt, wir nehmen diesem Thema seine wirkliche Bedeutung. Ab und zu erfassen uns Gedanken der Mitverantwortung, die wir mit hundert Franken an die Caritas oder Helvetas abgelten. Wir sind guten Willens, aber hilflos.»

Eine Zeitlang wanderten wir schweigsam. Ich spürte eine Ohnmacht in mir. Und einen Vorwurf: „Ehrlich gesagt, ich habe genug davon, dass uns immer wieder ein schlechtes Gewissen gemacht wird.“

Mein Freund wandte sich in einer heftigen Drehung mir zu. „Das mach ich doch nicht. Ich sage nur, dass wir uns ungleich einsetzen. Es geht mir um Zusammenhänge und nicht um Anklagen. Es geht darum mit Weitblick das Wichtige zu unterstützen. Es geht um die drei Ziele Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Für unsereiner ist es einfacher, uns für Kühe mit Hörnern oder den Schutz des Wolfes einzusetzen. Das ist in Ordnung – Tiere sind unsere Mitgeschöpfe. Doch es reicht nicht, da sind auch die Hirten – nicht nur die Schafe.

Dass in Syrien, im Irak, in Somalia oder in Afghanistan eine Generation von Kindern und Jugendlichen weder Bildung noch eine Zukunftsperspektive hat und zu Hass erzogen wird, finden wir zwar bedrohlich, aber wer setzt sich wirklich für sie ein? Dass Schweine schmerzvoll kastriert werden, empört uns. Wir lassen es aber zu, dass Tausende von Kindern im Nahen Osten getötet werden: Kollateralschaden heisst das im militärischen Jargon. Es ist beschämend, sagen wir, aber was soll man machen? Wo ist der Unterschied zum Gastwirt, der Maria und Josef abweist? Was konnten sie dafür, dass sie in unsicheren Zeiten lebten. Das Aufgebot des Kaisers, ihre Armut, die Reise der Schwangeren mit ihrem Verlobten nach Bethlehem und die Flucht mit dem Neugeborenen nach Ägypten waren nicht selbstverschuldet. Die meisten Migranten sind Opfer, niemand verlässt ohne Grund seine Heimat.»

Albrecht Dürer, 1494/97: Die sieben Schmerzen Mariä, Mitteltafel, Szene: die Flucht nach Ägypten 

Titelbild: Dezembersonne über dem Alpstein. Foto: Justin Koller

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