Dank

Ich möchte meine Hände mit Papierschnipseln füllen. Und auf allen sollte geschrieben stehen: Danke! Dann würde ich sie in alle Himmelsrichtungen verteilen. Ein Windstoss sollte sie aus meinen Händen wehen. Wie lose Blätter von den Bäumen im Herbst!

Am Jahresende ist eine gute Zeit zum Danken! Rückblick und Ausblick sind sowieso auf der Tagesordnung. Erinnerungen an gute Erlebnisse und Erfahrungen, Erinnerungen an schmerzliche Ereignisse steigen hoch. Und wollen irgendwie «eingeordnet» werden. Dafür eignet sich Dankbarkeit besonders. Das Positive wird mit einem zusätzlichen Glanz versehen.  Das Negative verliert unmerklich seine Schärfe. «Wir sind auf jeden Fall noch da» hat jeweils eine alte Dame in meiner Umgebung gesagt. Das war ihr beim «Bilanzieren» das Wichtigste. Da kann ich ihr nur beipflichten.

An wen geht unser Dank? Da gibt es Adressatinnen und Adressaten zuhauf. Soll ich unten oder oben beginnen in der Hierarchie? Ich beginne unten, das liegt mir nahe. Und denke an all die guten Geister, die mir den Tagesablauf erleichtern. Die Angestellten im Kaffeehaus, die mich mit einem freundlichen Lächeln begrüssen und fragen: «Wie immer?» Und ich nicke als Antwort: «Gerne, wie immer»!

An den Pöstler, der in unserem Hause seine Pakete fristgerecht vor Weihnachten in den verschiedenen Milchkästen deponiert. Und dabei, wie ich mir habe sagen lassen, unter ständigem Zeitdruck steht. Wie lange seine Tour zeitlich dauern darf, ist genau bemessen. Für einen witzigen Spruch reicht es aber, wenn wir uns gerade kreuzen, allemal.

An die Verkäuferinnen und Verkäufer in den Geschäften, die uns mit Engelsgeduld zum Kaufentscheid verhelfen, den wir erst im Laden, angesichts all der Herrlichkeiten, fällen wollen. Ich könnte die Aufzählung beliebig fortsetzen.

Aber wer steht am oberen Ende der Hierarchiestufe? Wem gebührt der allergrösste Dank? Für mich ist es der «liebe Gott». Ich weiss, dass das eine kindliche Ausdrucksweise ist. Nicht gerade von grosser seelischer Reife zeugt. Aber ich falle immer wieder auf diese Vorstellung zurück. Wie soll ich denn die mächtige Kraft benennen, die mich trägt, mich schützt, mich ins Leben gesetzt und bis jetzt am Leben erhalten hat?

Natürlich hat sich diese Vorstellung im Laufe der Jahre verändert. Besonders das Adjektiv «lieb» ist, angesichts von Not, Ungerechtigkeit und Leid in der Welt, mit grossen Zweifeln behaftet. Aber das Gefühl der Dankbarkeit behält trotzdem seinen Platz.

Mein Primarlehrer der 4. – 6. Klasse, Emil Frank, hat uns seinerzeit zum Schluss des letzten Schuljahres ein wunderbares selbst verfasstes Gedicht mitgegeben. Das Wort «Dank» kommt nicht vor, durchweht aber die Zeilen:

Von Herzen hab ich euch gegeben/ Zu Herzen ging mir euer Streben/ Das Geben ward so zum Empfangen/ Beschenkt sind beide wir gegangen.

Ich kann mich erinnern, dass es mich mit Verwunderung und Stolz erfüllte, dass unser Lehrer unsere Bemühungen so würdigte. Auch er steht heute noch stellvertretend für all die Menschen, die mich während meines Lebens förderten und stützten. Denen ich heute noch dankbar bin.

Das erinnert mich an eine freche Bemerkung, die ich mir einmal nach einem heissen Wahlkampf zu äussern erlaubte, als ich mich bei meinen Unterstützern bedankte. «Ich danke allen, die mich unterstützt haben» sagte ich. «Ich danke aber auch allen, die mich nicht verhindert haben».

Da mischte sich in die Dankbarkeit noch ein Quäntchen Triumph. Ein sehr gutes Gefühl!

2 Kommentare

  1. Ein schöner und guter Beitrag, liebe Judith, das ist das Schöne am Leben, dass Dein Lehrer Frank noch mehr als siebzig Jahre später durch Dich zu wirken vermochte, ich denke nicht, dass er sich das je vorgestellt hatte.
    Wenn er könnte würde er sich wahrscheinlich eine kleine Träne der Dankbarkeit verdrücken.

    Herbert

  2. Vielen Dank Hanspeter Stalder für die spezielle sinnstiftende Kritik zu «Heilen stiftet Sinn»

    Dank an Frau Judith Stamm, ich empfand sie immer aufrichtig, gradlinig. Ich freute mich immer, sie in der Politik zu sehen, hören.

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