FrontGesellschaftWie die Polizei Seniorinnen und Senioren schützen will

Wie die Polizei Seniorinnen und Senioren schützen will

Immer wieder machen Enkeltrickbetrüger, falsche Polizisten Schlagzeilen. Es sind Kriminelle, die sich an ältere Menschen heranmachen, sie auszutricksen versuchen, um an ihr Geld, möglichst an ihre Vermögen heranzukommen. Wie die Polizei dagegen vorgehen will, schildert Franziska Schubiger, Chefin der Zürcher Fachstelle Seniorenschutz, im Gespräch mit Seniorweb. 

Die Betrugsversuche geschehen einerseits über Telefongespräche, in denen sich Kriminelle wohlvorbereitet als direkte Verwandte, als lange nicht mehr gesehene Enkel ausgeben, andererseits durch direkte Besuche, angeblich als Polizisten, neuerdings auch als Bankmitarbeitende, um so die Glaubwürdigkeit ihres Auftrittes zu unterstreichen. Immer wieder fallen ältere Menschen auf diese Tricks herein oder bemerken den kriminellen Charakter der Telefonate, der Besuche nicht oder zu spät.

Der Zürcher Regierungsrat handelte, legte für die Legislaturperiode 2019 bis 2023 den Schutz von Seniorinnen und Senioren vor Gewalt- und Vermögens-Straftaten als einen Schwerpunkt der Regierungspolitik fest. Diesen Auftrag erfüllte in der Zwischenzeit die Sicherheitsdirektion des Kantons über die Kantonspolizei. Sie schuf auf den 1. Juli 2021 die «Fachstelle für Seniorenschutz». Angesiedelt ist die Fachstelle bei der Kriminalpolizei. Es ist die erste Fachstelle dieser Art in der Schweiz. Ziel der Fachstelle ist es, Vermögens- und Gewaltdelikte zum Nachteil von Seniorinnen und Senioren präventiv zu verhindern, sie aufzuklären, sofern sie auch angezeigt werden. Anton Schaller sprach mit Franziska Schubiger, Chefin der Ermittlungsabteilung «Allgemeine Kriminalität». Und in dieser Funktion ist sie auch Chefin der «Fachstelle Seniorenschutz».

Franziska Schubiger, in der letzten Zeit verschärfte sich die Situation, die Fälle nahmen stark zu. Ist das auf die Festtage zurückzuführen, bei denen die Betrüger verstärkt auf das Mitleid der älteren Menschen setzen oder sind neue Akteure, neue internationale Banden am Werk?

Franziska Schubiger (Bild): Die Zahlen von 2021 sind noch nicht aufbereitet, sie werden an der Medienkonferenz zur Polizeilichen Kriminalstatistik im März 2022 veröffentlicht, weshalb ich den Anstieg noch nicht kommentieren kann. Die Festtage können durchaus einen kurzfristigen Grund für eine (noch) höhere Vulnerabilität von betagten oder hochbetagten Menschen und ein kurzfristiges Ansteigen der Fallzahlen sein. Die erwähnten Betrugsmaschen sind jedoch nicht absolut neu. Mit der Digitalisierung und der gesellschaftlichen Entwicklung kommen auch immer wieder neue auf Seniorinnen und Senioren zugeschnittene Formen von Vermögensdelikten zum Vorschein; wie etwa beispielsweise die sogenannte Microsoft-, Romance Scam- oder sonstige Betrugsmaschen.

Sie haben eine Doppelfunktion. Können Sie beide Aufgabengaben voll wahrnehmen oder unterstreicht diese Konstellation die Wichtigkeit der Aufgabe, weil die Fachstelle direkt bei Ihnen angesiedelt ist?

Ja. Ich leite eine Ermittlungsabteilung mit rund 65 Mitarbeitenden. Das sind fünf Ermittlungsdienste und als Stabsorganisation ist die Fachstelle Seniorenschutz direkt mir unterstellt. Die direkte Leitung der Fachstelle und die Führung der fünf Dienste ist eine Herausforderung, aber machbar. Ich werde in meiner Aufgabe zudem von meinen unterstellten Dienstchefs sowie von meinem Stellvertreter unterstützt. Aus organisatorischen und strategischen Überlegungen haben wir die Fachstelle nicht in einen Ermittlungsdienst integrieren wollen. Das Aufgabengebiet unterscheidet sich und die Wichtigkeit der Aufgaben spielte in den Überlegungen sicher auch eine Rolle.

Seit gut einem halben Jahr ist Ihre Fachstelle nun an der Arbeit. Laut Schätzungen des Bundes sind in der Schweiz über 300’000 ältere Personen von Gewalt im Alter betroffen. Das bedeutet für den grossen Kanton Zürich rund 60’000 Personen. Sind es tatsächlich so viele?

Für den Kanton Zürich existieren keine aktuellen, repräsentativen Studien zur Viktimisierung von Senioreninnen und Senioren. Es lässt sich aber auch ohne eine solche mit Sicherheit sagen, dass die der Polizei bekannten Straftaten nur einen geringen Teil der tatsächlich begangenen Straftaten abbilden. Die Fachstelle Seniorenschutz möchte zusammen mit ihren internen und interdisziplinären Partnern an dieses Dunkelfeld herankommen. Wir möchten Anzeige- und Aufklärungshindernisse beseitigen.

Wie viele Fälle hatte ihre Fachstelle im ersten Halbjahr zu bewältigen?

Die Fachstelle nahm ihren Betrieb anfangs Januar 2021 auf, gleichzeitig mit ihrer Aufbauarbeit. Im Sommer 2021 wechselte sie in den definitiven Regelbetrieb über. Seit Januar 2021 musste die Fachstelle rund 1000 polizeiliche relevante Situationen näher betrachten. Dabei ging es z.B. um Vermögensdelikte, um Übergriffe auf Seniorinnen und Senioren, aber auch um nicht strafrechtlich relevante Konstellationen wie z.B. Verwahrlosungsthemen. In rund einem Drittel hat die Fachstelle Ermittlungen koordiniert und/oder weitere Massnahmen angestossen und dabei andere Berufsgruppen involviert.

Ihre Fachstelle unterscheidet zwischen Vermögens- und Gewaltdelikten. Welchen jeweiligen Anteil nehmen die einzelnen Delikte ein?

Wie vorher ausgeführt, vermuten wir ein erhebliches Dunkelfeld im Bereich der Gewaltdelikte. Von daher kann ich ihnen nicht sagen, welchen Anteil die jeweilige Deliktsgruppe effektiv einnimmt. Das Hellfeld – also die angezeigten Delikte – waren schwerpunktmässig im Bereich der Vermögensdelikte. Ans Dunkelfeld zu kommen, wird für uns eine grosse Herausforderung sein, die wir nun verstärkt angehen möchten.

Was können Sie ausrichten mit einem dreiköpfigen Mitarbeiterteam und neu mit einer Gerontologin?

Da wir erst am Anfang stehen, ist eine abschliessende Beurteilung schwierig; auch, ob dieser Personalkörper reichen wird. Ich stellte aber fest, dass wir offene Türen eingerannt haben – intern und extern. Das Bedürfnis nach Koordination war und ist gross. Die Aktivitäten aller verschiedener Berufsgruppen zu koordinieren und auch die Informationen an die richtigen Stellen weiterzuleiten.

Wie geht Ihr Team vor?

Meine Mitarbeitenden nehmen verschiedenen Aufgaben wahr: Anlauf- und Koordinationsstelle (intern und extern), Leisten von Support und Beratung, Betrieb des interdisziplinären Netzwerkes „Seniorenschutz“ im Kanton Zürich, Aufbau von polizeilicher Fachkompetenz im gerontologischen Bereich, Ermittlungs- und Massnahmenkoordination, Beobachtung der Lage im Kanton Zürich, Anstossen von Prozessoptimierungen (intern und extern).

Welche Aufgabe hat die Gerontologin?

Unsere Gerontologin hat zwei Hauptaufgaben: Sie beschäftigt sich mit dem polizeilichen Wissensaufbau im gerontologischen Bereich und ist zuständig für das interdisziplinäre Netzwerk. Wir verstehen sie indes als Bindeglied zwischen den Strafuntersuchungsbehörden und den anderen interdisziplinären Netzwerkpartnern.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang von «Aufklärungshindernissen». Aus welchen Gründen werden Straftaten von älteren Menschen nicht angezeigt?

Aus sehr unterschiedlichen Gründen: Loyalitätskonflikt zur Täterschaft, Abhängigkeiten, Scham, Tabuthemen, Angst vor Reputationsschaden (in Pflegeinstitutionen beispielsweise) bis hin zur Tatsache, dass schwer demente Menschen vielleicht gar nicht realisieren, dass sie Opfer oder Geschädigte einer Straftat sind.

Sind es beispielsweise auch Pflegeeinrichtungen, die Angst vor einem Reputationsschaden haben?

Genau. Oder Angestellte, die Angst haben, ihre Stelle zu verlieren, wenn sie Missstände melden.

Wo liegen die Schwerpunkte der Aktivitäten? In der Kommunikation, im Monitoring, in der Koordination, in der Ermittlung?

Einerseits im Fallmonitoring und der Ermittlungskoordination – hier fällt auch z.B. das Erkennen von Delikteserien oder –phänomenen darunter. Andererseits die Arbeit im interdisziplinären Netzwerk, um Massnahmen ausserhalb der Strafuntersuchung einzuleiten, ganzheitliche Lösungen anzustreben, Anzeigehindernisse zu senken und generell auf die Thematik zu sensibilisieren.

Gibt es einen typischen Fall, aus dem wir alle Lehren ziehen können?

Aus dem Bereich der Vermögensdelikte: Die Fachstelle Seniorenschutz koordinierte ein Fall, bei dem ein 94-jähriger Mann im Zusammenhang mit einem Liebesbetrug ausgenommen wurde. Wir haben exemplarisch erkannt, wie wichtig die Koordination mit der Staatsanwaltschaft, mit der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde, mit den Angehörigen, aber auch intern mit unserer Polizeistation war. Durch die Koordination haben alle „an einem Strick gezogen“ und der Fall kam zu einem sehr guten Abschluss – im strafrechtlichen Sinne (Verurteilung der Täterschaft) und im Sinne des hochbetagten Mannes (Unterstützung/Beistandschaft).

Damit Betrügerbanden gar nicht erst Erfolg haben, «sei ausschlaggebend», sagten sie in einem Interview, dass die Fachstelle interdisziplinär arbeiten würde, dass alle Einrichtungen und Institutionen miteinander vernetzt seien. Sind sie schon so weit?  

Ich würde sagen, wir haben sehr gut gestartet mit einem konsolidierten Netzwerk. Alle Partner sind engagiert und wollen sich für eine gute Sache einsetzen. Es ist klar, wir stehen am Anfang und die Zusammenarbeit muss sich noch weiter einspielen und optimieren.

Wie sieht denn Ihr Beziehungsnetz aus?

Wir haben gegen 30 interdisziplinäre Netzwerkpartner wie z.B. die KESB, Verbandsvertreter der Spitexorganisationen, Pro Senectute, die UBA (unabhängige Beschwerdestelle für das Alter), das Institut für Rechtsmedizin, Opferberatungsstelle usw.

Entscheidend ist doch, dass Ihre Stelle bekannt wird, dass sich die Leute getrauen, bei Ihrer Stelle vorzusprechen, sie zu kontaktieren? Was unternehme Sie, um bekannter zu werden?

Mit sogenannten Sensibilisierungskampagnen über das Netzwerk oder wir stellen uns vor, gehen aktiv auf relevante Partner zu. Wir planen auch, Informationsmaterial aufzubereiten – dieses Jahr möchten wir einen Flyer im Namen des Netzwerkes herausgeben.

Nicht in ihrem Bereich angesiedelt ist die Frage der Fahrtüchtigkeit der Senioren im Strassenverkehr. Viele sorgen sich um ihre älteren Eltern, die das Autofahren nicht sein lassen. Sie können ihre Eltern nicht von der Abgabe des Führerscheins überzeugen, möchten Hilfe von der Polizei in Anspruch nehmen, wenn auch anonym. Hat man diese Aufgabe bewusst nicht in Ihre Fachstelle aufgenommen?

Ja, der Regierungsratsschwerpunkt befasst sich mit der seniorenzentrierten Kriminalität. Also mit dem kriminalpolizeilich relevanten Kontext. Bei solchen Wünschen/Anfragen ist es am besten, wenn man den Kontakt mit der Polizei direkt beim nächsten Posten sucht.

Sie haben bereits eine lange Karriere hinter sich, als Polizistin, als Ermittlerin, als Chefin «für allgemeine Kriminalität», jetzt zusätzlich auch Chefin für den Schutz von Senioren. Aus den unzähligen Krimis im Fernsehen sind es eigentlich die Ermittlerinnen, die Kommissarinnen, die im Mittelpunkt stehen. Nicht so die Chefinnen, die Chef, die stören meistens eher.

(lacht) Ich bin überzeugte Polizistin, die ihre Erfahrung an der Basis und in der Praxis in die Führungsarbeit mitnimmt. Insbesondere meine langjährige Erfahrung im Bereich Sexualdelikte und Kindesschutz bringen mir jetzt auch im Thema Seniorenschutz viele Vorteile. Ich kann in meiner Position die Erfahrung einfliessen lassen und die Erledigung der Aufgaben gewinnbringend steuern.


Franziska Schubiger (50) absolvierte nach der kaufmännischen Lehre die Ausbildung zur Polizistin, durchlief verschiedenen Stationen und lernte die Polizeiarbeit von der Pike auf kennen. Während ihrer kriminalpolizeilich geprägten Laufbahn sammelte sie reiche Erfahrungen insbesondere im Bereich Sexualdelikte und Kindesschutz. Sie legte die höhere Fachprüfung ab und durchlief im Rahmen eines CAS  polizeispezifische Führungslehrgänge. Seit 2010 ist sie in einer leitenden Funktion tätig; aktuell als Abteilungsleiterin einer Ermittlungsabteilung bei der Kriminalpolizei.

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