FrontKulturMerkwürdiges zwischen Himmel und Erde

Merkwürdiges zwischen Himmel und Erde

Alle Erzählungen der Baslerin Adelheid Duvanel, einer der bedeutendsten Stimmen der Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts, sind kürzlich erstmals in einer Gesamtausgabe «Fern von hier» erschienen.

Was wäre Adelheid Duvanel wohl in den Sinn gekommen, hätte sie als 85-Jährige den gewichtigen Band mit ihren gesammelten Erzählungen in die Hand nehmen können? Sie starb leider schon 1996. Fern von hier, ein Titel, der zu vielen Assoziationen einlädt, spielt auf die Atmosphäre an, die den Hintergrund der meisten Szenen bildet. Die Geschichten spielen in einer nicht näher definierten Gegenwart, nebenan oder im nächsten Quartier – und doch entsteht zuweilen der Eindruck, es seien Geister, denen dies und das begegnet. Viele sind kurz, Miniaturen, in unheimlich klarer Sprache geschrieben.

Da ist Die Seifenblase: Sie handelt von einer Lehrerin, die sich als Aushilfe beim Rektor vorstellen soll. Da sie zu früh kommt, beobachtet sie das Treiben der Kinder auf dem Schulhof, dann erst geht sie hinein. Während sie dem Rektor zuhört, reisst sie sich auf der Innenseite der linken Hand ein Stück Haut weg, ein «Wundmal» – und hofft, der Rektor, der nichts zu bemerken scheint, würde dies als etwas Verbotenes ansehen. Und dann schwebt eine riesige Seifenblase durchs Fenster hinein, «wunderbar wie eine runde, sanfte Blüte». Das Fenster scheint daraufhin ganz verklebt, nicht mehr durchsichtig – und ob die Lehrerin nun die Stelle antritt oder nicht, ahnt nur, wer die Bilder zu deuten versteht.

Begleitet vom Schatten des Unwirklichen

Zu ihren Lebzeiten schrieb Adelheid Duvanel für Zeitungen und Zeitschriften. Im Luchterhand Verlag konnte sie verschiedene Sammelbände veröffentlichen. Die gerade erwähnte stammt aus «Das Brillenmuseum», 1982 erschienen. Ihr Schreiben wurde durchaus wahrgenommen. Die Schriftstellerin Friederike Kretzen schreibt in einem berührenden Nachwort, wie sie Adelheid Duvanel in einem Basler Literaturzirkel kennengelernt hatte. Ganz nüchtern und trocken habe sie ihren Text vorgelesen – Kretzen war wie elektrisiert, Adelheid Duvanel sei still sitzen geblieben. So ist ihr Stil: nüchtern, klar, genau, so erfahren die Lesenden, was jenseits unseres Alltagsverständnisses schwebt.

Einige Jahre später fanden sich die beiden Schriftstellerinnen an den Solothurner Literaturtagen noch einmal. Kretzen hatte die Aufgabe, die Lesung ihrer Kollegin einzuleiten. Kretzen schreibt, das Publikum sei gebannt gewesen von diesen Erzählungen, schliesslich habe Duvanel angekündigt, sie lese noch zwei Geschichten. «So, wie wenn sie hätte sagen wollen: Meine Geschichten bestehen aus Wörtern, Namen, Wolken, Bäumen, aus Himmel, Erde, Sonne, Mond. Sie können allem entsprechen und widerstehen», kommentiert Kretzen und fügt an, das sei ihre letzte Lesung gewesen, im Mai 1996. Am 8. Juli des gleichen Jahres starb Adelheid Duvanel unter Medikamenteneinfluss an Unterkühlung im Wald bei Basel.

Nur ein Schritt bis ins Surreale

Die Personen in den Erzählungen haben nicht immer Namen. Oft geht es um eine Stimmung und eine Befindlichkeit, so in der ersten Kurzgeschichte Der Dichter. Hier erzählt der Dichter selbst von seinem allmählichen Rückzug von der Welt. Schon im dritten Satz kommt Surreales auf: «Am frühen Morgen liefen die Augen der jungen Frauen und Männer aus, sickerten warm über die Hälse, . . . Ich aber sass nüchtern wie Cellophan im zerschlissenen Sessel.» Auf zwei Seiten entfaltet Adelheid Duvanel einen ganzen Bilderbogen von Faszination und Trauer.

Einige Kurzgeschichten haben einen Bezug zur Lebensgeschichte der Autorin, «Mein Schweigen» erzählt von den Versuchen des 13-jährigen Mädchens Miriam in einem Erziehungsheim, sich dem hartnäckigen Disziplinierungsbemühen der Erzieherinnen zu entziehen. Der letzte Satz lautet: » . . . mein Schweigen gleicht einem elektrisch geladenen Drahtgeflecht, in dem Ich gefangen bin.» – Was für eine präzise Beschreibung der Unmöglichkeit, die Gefühle in der Pubertät auszudrücken!

Fantastisches, oft geprägt von Traurigkeit

Um Adelheid Duvanel zu verstehen, hilft es, den Lebenslauf zu lesen, den ihr jüngerer Bruder Felix Feigenwinter zusammengestellt hat. Er schreibt, dass sie durch einen Aufenthalt in einem Internat und nach dem Umzug der Familie tief verstört erschien, worauf sie in die psychiatrische Klinik Liestal eingewiesen wurde. Ob sie dadurch nicht noch mehr verstört wurde oder ob sie mit der Zeit lernte, ihr inneres Chaos als Reichtum an Fantasie selbst zu begreifen, darüber lesen wir nichts. Der anschliessende Besuch der Kunstgewerbeschule 1953 inspirierte sie offensichtlich, sich mit dem Zeichenstift und mit Worten zu entfalten.

Es gibt auch Geschichten, in denen das Heitere überwiegt, «Eine Reise ans Meer» zum Beispiel. Die Ich-Erzählerin ist hier wohl wiederum die Autorin selbst. Sie reist mit zwei Begleitern nach Südfrankreich und beschreibt die Fahrt ans Meer – für sie die erste Reise ans Meer – mit viel Humor. Im berühmten Les-Saintes-Maries-de-la-Mer beschreibt Duvanel in ihrem einmaligen Stil, wie sie das Meer, den Strand, die Landschaft erlebt: «Wie weisse Tränen fallen Möwen vom Himmel . . .». Die Autorin erzählt hier vermutlich den Beginn ihrer Beziehung zum Maler Joseph Duvanel. Die beiden werden heiraten und eine Tochter bekommen. Aber eine glückliche Ehe wird es nicht. Nach einigen Jahren gehen sie auseinander. Ihre Tochter erkrankt an Aids, Adelheid Duvanel sorgt für ihre Enkelin, die laut Angaben im Buch verschollen ist.

Adelheid Duvanel blieb zu Lebzeiten in der Schweizer Literaturszene nicht unbekannt. Dass ihre Kurzgeschichten nach und nach im Luchterhand Verlag in Erzählbänden erschienen, verdankte sie der Vermittlung von Otto F. Walter. Mit der Bernerin Maja Beutler, die viele ihrer Zeichnungen und Bilder sammelte, war sie befreundet. 1981 war sie eingeladen, beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis zu lesen. Sie erhielt verschiedene Preise, als wichtigsten 1988 den Preis der Schweizer. Schillerstiftung für ihr Gesamtwerk.

Fast märchenhaft können Duvanels Texte sein: Der Hut erschien in den Basler Nachrichten. Er erzählt von Kaspar, einem jungen Mann, der Frauenfiguren modelliert, um sie zu verkaufen. Eines Abends fliegt eine Fledermaus durchs Fenster und hilft ihm, ein schönes Mädchen zu modellieren, die schönste Figur, die er je geschaffen hat, sagt Kaspars Mutter. Die Fledermaus verschwindet, die alte, mürrische Mutter auch, das schöne Mädchen bleibt. – Auf drei Seiten die zarteste Liebesgeschichte, die wir uns vorstellen können.

Adelheid Duvanel: Fern von hier. Sämtliche Erzählungen.
Herausgegeben von Elsbeth Dangel-Pelloquin.
Mit Texten von Friederike Kretzen und Elsbeth Dangel-Pelloquin.
Limmatverlag 2021. 792 Seiten. ISBN 978-3-03926-013-3

Auf SRF2 Kultur wurde am 2. Januar 2022 ein Vorlesetag veranstaltet, an dem in fünf Teilen aus diesem Buch vorgelesen wurde.

Titelbild: Crystal Tree of Life / commons.wikimedia.org

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