FrontKolumnenWas will Putin?

Was will Putin?

Die Kommentatoren der Welt rätseln: Was will der Herr im Kreml wirklich? Dafür eine rasche Antwort zu finden, scheint einfach, doch sie zu erhärten, ist weit schwieriger: Er will ohne Zweifel ein starkes Russland, letztlich ein ganz starkes Eurasien, er will zurück zum Herrschaftsbereich der ehemaligen Sowjetunion. Er fürchtet den «dekadenten Westen», weil der sein Volk verführen, seine Russen vom süssen Gift der Demokratie, der grenzenlosen Freiheit infizieren könnte. Wer einmal die Ausgangsmeile hinter dem Kreml in Moskau besucht und erlebt hat, spürt, welche Kraft in diesen jungen Menschen steckt, welche Sehnsüchte die jungen Russinnen und Russen beseelt, die sich da jeden Abend vergnügen, das Leben jetzt und nicht in Zukunft geniessen wollen.

Putin fürchtet aber auch die Freiheitsbewegungen in Belarus, in Kasachstan, in seinem Land selbst und weiss, dass ähnliche Bewegungen sich überall bilden, in der Folge Unruhen ausbrechen könnten. Er will seine autoritäre, auf ihn ausgerichtete «Demokratie», seine konservativen Vorstellungen von Familie und Gesellschaft durchsetzen, homosexuelle Männer und lesbische Frauen ausgrenzen; sie haben nichts in seiner Gesellschaft zu suchen.

Folglich will er, dass sich die Nato, die USA mit ihren Mittelstreckenraketen aus seinem Vorhof zurückziehen, insbesondere ihre Truppen in Estland, Lettland, Litauen und vorab  Polen abziehen. Am liebsten möchte er die Ukraine wieder in seinen Herrschaftsbereich integrieren, keinesfalls zulassen, dass sich das grosse Land der EU annähert, sich der Nato anschliesst.

Der Zeitpunkt scheint ihm günstig zu sein. Die USA sind gespalten, in einem inneren Kampf zwischen Demokraten und Republikaner gefangen. Präsident Biden scheint der riesigen Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Trump giesst, wo er nur kann, Öl ins Feuer. Er bereitet sich auf ein Comeback vor, schwächt damit die USA, was Putin gerade jetzt ins Kalkül passt. Als moralische Instanz haben die USA eh stark an Bedeutung verloren. Als Grossmacht mit der bestausgerüsteten Armee, die an Durchschlagskraft der Riesenarmee Putins in technologischer Hinsicht weit überlegen ist, haben die USA ihre Rolle als d i e Weltpolizei in der Zwischenzeit verloren.

Die EU mochte Putin nie. Wirtschaftlich vor allem, aber auch wissenschaftlich ist Westeuropa seinem Land in jeder Hinsicht überlegen, hat eine Strahlkraft, die seine Menschen zu sehr in den Bann der EU ziehen könnte. Was Putin gefällt: Europa befindet sich in einer Transformationsphase. Boris Johnson hat mit seinem Brexit Europa massgeblich geschwächt, selbst wird er aktuell gar von den eigenen Leuten als Premierminister in Frage gestellt. Emmanuel Macron muss in einen aufreibenden Wahlkampf um die erneute Präsidentschaft in Frankreich. Italien sucht ab dieser Woche einen neuen Staatspräsidenten, könnte sich mit Silvio Berlusconi, der sich zwar zurückgezogen hat, aber dennoch über der Wahl schwebt, weltweit blamieren. Und Olaf Scholz hat noch nicht das Format, um gegenüber Putin Zeichen setzen zu können, seine Aussenministerin Annalena Baerbock, entgegen vielen Kommentatoren, schon eher, weil sie im Gegensatz zu Scholz härter gegen Putin vorgehen möchte.

Das Vakuum wird Putin gefallen. Seinem anmassenden Ziel, in Europa eine beherrschende Rolle zu spielen, gar die USA als Schutzmacht dabei abzulösen, sieht er sich wohl näher denn je. Seit seiner Jahrespressekonferenz am 22. Dezember 2021 schweigt er zwar öffentlich dazu, dafür lässt er Konstantin Kossatschow, einer der einflussreichsten Aussenpolitiker in seinem Umfeld, sagen, was er denkt: «Europa ist auch unser Kontinent, den man uns wegnehmen will. Gerade Russland ist das Vorbild des künftigen Europa – eines einigen, souveränen Kontinents von Lissabon bis Wladiwostok.»

Und die bange Frage lautet: Wird Putin gerade jetzt auch militärische Mittel einsetzen, um möglichst rasch diesem Ziel näherzukommen, oder will er einfach nur drohen? Einen Hoffnungsschimmer gibt es aber: Das Muskelspiel Putins könnte aber auch die Nato stärken. Die EU-Länder Schweden, Finnland, gar auch Österreich überlegen sich zurzeit, wie sie mit der Drohung aus Moskau umgehen, ob sie der Nato, dem westlichen Verteidigungsbündnis, der Nordatlantischen Allianz beitreten wollen. Das würde dem Mann im Kreml zweifellos nicht gefallen, seine Pläne belasten, gar durchkreuzen.

Und welche Bedeutung haben diese Muskelspiele für die Schweiz? Noch können wir unsere guten Dienste anbieten. Am letzten Freitag trafen sich die Aussenminister der USA und Russland in Genf. Noch wird Gott sei Dank verhandelt und das in der Schweiz. Bundespräsident Cassis sagte, nachdem er beide getroffen hatte: «Man spürt den Ernst der Lage» und unterstrich «die ungebrochene Bedeutung Genfs, wenn es darum geht, Lösungen für Herausforderungen der Gegenwart zu suchen». Doch das genügt nicht. Der Bundesrat ist gut beraten, wenn er sich dieser sicherheitspolitischen Frage umgehend annimmt, sie gründlich analysiert und daraus eine Position definiert, wie die Schweiz sich zu den möglichen Szenarien verhalten will, nicht wartet und nur Gastgeber spielt, bis es zu spät ist. Denn indirekt betroffen sind wir schon jetzt: 40 % der Erdgasimporte kommen aus Russland. Und Putin sitzt am Schalthebel des Exports dieser heute noch so wichtigen Energiequelle.

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6 Kommentare

  1. Ich finde den Artikel des Herrn Anton Schaller zu Einseitig. Er sollte auch an die Rede Putins im Deutschen Bundestag denken was er dort auf Deutsch gehalten hat. Wenn diese Rede für eine Gesprächsgrundlage genommen würde hätten wir heute diese Schwierigkeiten nicht. Die Gedanken die der Vizeadmiral Schönach auch der General Kujat geäußert haben sollten sich unsere Politiker nochmal durch den Kopf gehen lassen um die Sachen nicht noch schlimmer zu machen wie jetzt schon ist. Jeder Schritt zur Entkrampfung der Lage muß geprüft werden!!!!

  2. Der Ex Geheimdienstler Putin ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten, wo die Grösse eines Landes an seiner Flächenausdehnung und an seiner Armee gemessen wurde. Dabei spielen das BIP und der Wohlstand der eigenen Bevölkerung keine Rolle. Putins Russland (das praktisch nur Rohstoffe und Rüstungsgüter verkaufen kann) wäre ein Auslaufmodell, wenn er sich nicht modernster elektronischer Methoden zur Destabilisierung des Westens bedienen könnte (ihm nützende Fake news noch und nöcher, anonym über alle möglichen Kanäle….). Einerseits mittelalterliche Denke, anderseits top moderne Methoden zur Kontrolle des eigenen Volkes und zur Destabilisierung der ausländischen Demokratien, letztlich aber zur Irreführung beider, ergeben einen explosiven Mix.

  3. Eine geopolitische Auslegeordnung bringt immer das gleiche Resultat. Europa, die EU ist schwach, reibt sich mit woken Nebensächlichkeiten auf, wie Gendergerechtigkeit, dreierlei Toiletten… Frauenquoten, verwöhnten Klimajugendlichen usw. während die Grossmächte von Russland, China bis zu den USA ihre puren, opportunistischen Eigeninteressen verfolgen und vorantreiben. Trump hat die USA als Weltpolizist abgemeldet (MAGA Bullshit…) und zusammen mit der Schwäche der EU Putin erst ermuntert, seine hegemonialen Ziele der Wiederherstellung des russiches Reiches voranzutreiben. Der Test Putins: Die Annektion der ukrainischen Krim und die Zurückholung ins russische Reich blieb ohne Folgen. Halbherzige Sanktionen bewirken kaum etwas. Klar sind die nationalistischen hegemonialen Strategien Putins ein Ablenkungsmanöver für das Volk von misslichen wirtschaftlichen Zuständen und mangelnden Perspektiven für die Zukunft – zu (fossil) energielastig. Putin kann auf Lebenszeit Präsident bleiben und die Wiedereinverleibung der Ukraine ins russische Reich, wird sein Ziel bleiben . Ob die Russen diese nationalistischen Blendungsmanöver Putins auf Dauer mitmachen, wenn sie wirtschafltich zurückfallen, bleibt eine interessante, offene Frage. Wenn Europa und die Nato die aktuelle Zuspitzung nicht als endgültigen Weckruf wahrnehmen und die Drohungen und Forderungen Putins klar ablehnen, dann steht es mittel- bis längerfristig schlecht um die Sicherheit Europas! Die Schweiz darf da nicht einfach abseits stehen sondern muss ihren Beitrag im europäischen Kontext liefern. Heisst inkl. unabdingbare Luftsicherung mit neuen Kampfjets. Alles andere wäre naiv und unverantwortlich.

  4. Der Artikel von Herrn Schaller ist interessant. Allerdings beleuchtet er den Sachverhalt aus heutiger Wahrnehmung und greift deshalb zu kurz.
    Um Russland richtig einzuordnen ist es wichtig die «russische Seele» zu verstehen, die so ganz anders tickt, als bei uns Westeuropäern. Ein tieferer historischer Blick in die letzten 300 Jahre kann das verdeutlichen.
    a) Russland hat alle Völker östlich des Urals bis zum Pazifik unterworfen. Ist also de facto noch heute eine der letzten grossen Kolonialmächte dieser Erde.
    b) Dennoch fühlte sich das zaristische Russland gegenüber dem Westen – mit dessen Dynastien alle Zaren blutsmässig verwandt waren – minderwertig und von allen Seiten militärisch und wirtschaftlich bedroht.
    c) Die zahlreichen europäischen Kriege vom 18. Bis 20. Jahrhundert gingen fast alle von den zentralen, westlichen und südlichen Grossmächten aus (Preussen, Deutschland, Österreich, Frankreich, Spanien, England, Osmanisches Reich). Russland war eher Opfer (Napoleon Feldzug, Osmanisch – russischer Krieg). Das beflügelte seine Ängste vor dem Westen (siehe b).
    d) Entsprechend wurde Zar Nikolaus II während der Oktoberrevolution von seinen Verwandten im Westen allein gelassen. Stattdessen unterstützten sie direkt und indirekt die bolschewistischen Anführer (siehe Lenin in Zürich).
    e) Trotz dem Ziel den Kommunismus über die ganze Welt zu verbreiten, hat auch die Sowjetunion keinen Staat direkt militärisch angegriffen. Die Interventionen in der DDR (17. Juni 1953), Ungarn 1956, Polen und der CSSR 1968 dienten dem Machterhalt nicht der Machterweiterung. Ob die UdSSR tatsächlich einen Aggressionskrieg gegen den Westen geplant hat ist historisch nicht geklärt.
    f) Ende der 1980er Jahre entwickelte Michael Gorbatschow, der damalige Präsident der Sowjetunion neben Glasnost und Perestroika die Vision vom «gemeinsamen Haus Europa». Jeder europäische Staat sollte darin «ein Zimmer haben». Eine Vision die vor allem bei den Menschen in der Sowjetunion grosse Hoffnungen und Erwartungen weckte. Sie erfüllten sich nicht.
    g) Stattdessen weitete der Westen seinen Machtanspruch nach Osten aus und Russland fiel in den 1990er Jahren unter Boris Jelzin in Korruption, Kriminalität, Depression und Anarchie. Entsprechend fühlte sich das russische Volk vom vermeintlich segenbringenden Demokratisierungsprozess getäuscht und verraten. Vielen Russinnen und Russen erschien Wladimir Putin deshalb wie eine Lichtgestalt. Wollte er doch Russland zur alten Grösse führen und wirtschaftlich voranbringen. Dahinter steht nach wie vor der Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem «Westen».
    Putin ist sicherlich alles andere als ein «weisser Ritter». Seine Handlungsweise darf man aber nicht nur auf Grund seines Egos und Machtstrebens sehen, sondern auch unter diesen Aspekten. Das er die Krim «heim ins Reich» geholt hat, hat ihm bei der Mehrzahl der Russen und Russinnen hohes Ansehen gebracht. (Was bei uns ignoriert wird, ist wie die russische Krim nach 300 Jahren, 1954 überhaupt erst zur Ukraine kam.)
    Das derzeitige Säbelrasseln Putins ist unter den erwähnten Aspekten einzuordnen. Natürlich darf das von unserer Seite nicht einfach hingenommen werden und erfordert scharfe Gegenmassnahmen. Daneben wäre es an der Zeit ein Angebot zu unterbreiten das Russland und dem russischen Volk einen echten Nutzen verspricht. Wie wäre es, den Gedanken vom «gemeinsamen Haus Europa» wieder aufzugreifen? Auf der Grundlage der europäischen Union sollte gemeinsam eine Architektur weiterentwickelt werden, die wirklich jeder europäischen Nation «ein Zimmer» ermöglicht.
    Jetzt, unter den für Alle gleichermassen schmerzhaften Erfahrungen der Pandemie wäre der ideale Zeitpunkt, so ein Projekt in die Wege zu leiten und Russlands Drohungen die Spitze zu brechen. Wann sonst?

    • Herr Albrecht, ihre Geschichtskenntnisse in Ehren… die zwar meist einer eigenen subjektiven Interpretation folgen und nicht den wirklichen Gegebenheiten. Nur weil die europäische Landkarte nach dem ersten und zweiten Weltkrieg anders aussah, daraus territoriale Ansprüche der Russen, quasi auf Ewigkeit, abzuleiten, ist abwegig. Bekanntlich ist der «real existierende Sozialismus» 1991 endgültig und grandios gescheitert. Und damit die ehemalige Sowjetunion. Die Länder und Völker Osteuropas wurden in diesem System wie Geiseln gefangengehalten und es sind die Menschen, die von diesem System geflüchtet sind und die Freiheit Westeuropas und der Europäischen Union wollten. Und es gibt nicht nur eine «russische Seele» genauso gibt es eine britische, französische und eine deutsche Seele usw. Es käme den Deutschen ja auch nicht in den Sinn, die Territorien des Deutschen Kaiserreichs wieder einzufordern. Oder den Türken das frühere Osmanische Reich oder den Griechen das alexandrinische Reich Alexander des Grossen…wie ich gesagt habe und das deckt sich mit den meisten geopolitischen Analysen, nutzt Putin vorallem ein Zeitgap des amerikanischen Rückzugs als Weltpolizist, einer institutionellen Schwäche der EU, um seine nationalistisch hegemonialen Ansprüche der Reinstallierung des ehemaligen Russischen Reiches voranzutreiben und von den eigenen wirtschaftlichen Schwächen das Volk abzulenken. Und so lange Putin Oppositionelle und Journalisten ermordet, vergiftet und wegsperrt und Russland ganz klar eine Diktatur ist, ist Russland sicher nicht das Modell, das mit der EU konkurrenzieren kann und als europäisches Modell in Frage käme. Dafür gibt es im europäischen Hotel kein Zimmer! Dagegen gilt es seitens der Nato, der EU und den USA ganz klare Kante zu zeigen. Begrüssenswert wären auch weitere Nato-Beitritte von Schweden, Finnland und Oesterreich, um damit das westliche Sicherheitsbündnis weiter zu stärken.

  5. Hallo Herr Herren
    Wem wäre denn geholfen wenn Ihre Meinung umgesetzt würde ? Beschreiben sie doch mal was das Ergebnis dieser Aufrüstung sei soll, wenn es immer so weiter geht und der Westen so stark ist wie sie das wollen, was ist dann?? Egal was früher auf der einen und der anderen Seite geschehen ist.
    Jetzt brauchen wir Abrüstung und zwar für alle. Wenn man keinen Krieg will kann eine Verbesserung nur über Verhandlungen erreicht werden, egal wie groß die Unterschiede sind. Deshalb sind die Aussagen der Deutschen Regierung der letzten Zeit Klug und Richtg.

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