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Fifa vor dem Abgang aus Zürich?

Die Fédération Internationale de Football Association FIFA (Fifa), gegründet in Paris im Jahre 1904, gehört seit über 90 Jahren zur Schweiz. Der Sitz-Standort der Verbandsorganisation (Verein nach Schweizerrecht) liegt im Interesse der globalen Fussballszene in einem politisch neutralen Land. Nehmen wir es vorweg. Wie kam die Fifa überhaupt nach Zürich? Im Zuge einer geplanten Reorganisation stellte das Exekutiv-Komitee am 20. Fifa-Kongress in Berlin 1931 den Antrag, dass ein erster ständiger Unternehmensstandort für die Fifa eingerichtet werden sollte. Die Wahl fiel mit 14 zu 11 Stimmen auf Zürich. Nach diversen Standortwechseln innerhalb der Stadt konnte im Mai 2006 schliesslich der neue Hauptsitz an der Fifa-­Strasse 20 auf dem Zürichberg bezogen werden. Seither ist das 134 Meter lange, 41 Meter breite und 12 Meter hohe Gebäude der Schweizer Architektin Tilla Theus nicht nur Arbeitsplatz für die Fifa-Mitarbeitenden, sondern auch Ausflugsziel für viele Touristen, sondern auch Begegnungszentrum von Fussballfreunden aus der ganzen Welt. Der Weltfussballverband eröffnet inzwischen Büros im Herzen von Paris und möchte seine kommerzielle Abteilung in die USA auslagern. Dies könnte der Beginn des Abgangs der Fifa von Zürich sein.

Jahr für Jahr stand Zürich jeweils im Januar im globalen Schaufenster – wenn im Kongresshaus anlässlich der «Fifa Ballon d’Or-Gala» die besten Fussballerinnen und Fussballer ausgezeichnet wurden. Der Anlass besass nicht nur werbetechnisch grösste Ausstrahlung – auch das lokale Gewerbe profitierte in hohem Masse: die Luxushotels waren voll, die Fünfsterne-Restaurants empfingen spendable Gäste, die Bijouterien und Modeboutiquen an der Bahnhofstrasse überbrückten das Januarloch. Limousinen- und Catering-Service genossen Hochkonjunktur. Trotz Avancen aus dem Ausland für den Glamour-Event hielt der frühere Fifa-Präsident Sepp Blatter eisern am Standort Zürich fest.

Blätterns Nachfolger Gianni Infantino verfolgte anscheinend andere Pläne. Er benannte den Anlass in «The Best FIFA Football Awards» um – und zieht damit mittlerweile von Land zu Land. Und der Ballon d’Or kehrte nach Paris zurück. Aber nicht nur die Preiszeremonie ist aus Zürich verschwunden. Sukzessive verlagerten sich die Fifa-Aktivitäten ins Ausland. Die im Vierjahresrhythmus stattfindenden Wahlkongresse wurden ebenso abgezogen wie die früher zweimal pro Jahr am Fifa-Hauptsitzt durchgeführten Kommissionssitzungen. Es waren Anlässe, die die globale Fussballgemeinde an die Limmat zogen und beträchtlichen Umsatz generierten.

Das attraktive Fifa-Museum könnte jährlich mehrere Tausend Besucher in die Schweiz locken und ein attraktives Schaufenster für den Fussball bieten – bei richtiger Promotion und einem ehrlichen Bekenntnis. Doch die aktuelle Fifa-Leitung hat sich faktisch vom Projekt abgewendet und würde das Museum am liebsten schliessen oder ins Ausland verlegen. Trotzdem strahlt die Ära Blatter noch immer. Der jährlich an Auffahrt stattfinde Blue Stars/Fifa-Youth Cup wurde zu einem Fixpunkt im internationalen Kalender. Er gilt als bestbesetztes Junioren-Turnier der Welt und liefert eine eindrückliche Talentschau der Stars von morgen. Zudem investiert die Fifa in den lokalen Sport. In Blatters Präsidialzeit spendete der Verband allein 2012 25 Millionen Dollar an die Stadt Zürich, unter anderem für die Erneuerung der bestehenden Sportplätze und die Förderung des Mädchen- und Frauenfussballs.

Eine Studie zum wirtschaftlichen Einfluss von internationalen Sportorganisationen in der Schweiz zeigt auf, dass der Weltfussballverband mit 408 Millionen Schweizer Franken zur Bruttowertschöpfung beiträgt. Der Geschäftsbericht der Fifa weist zudem für Zürich Steuern von 17 Millionen US-Dollar aus – in der Schweiz sind es 37 Millionen Dollar. 2021 ist die Fifa mit rund 1000 Jobs in Zürich einer der attraktivsten und verlässlichsten Arbeitgeber.

All diese Aspekte wurden am 27. Mai 2015 ausgeblendet – als die Schweizer Bundespolizei im Hotel Baur au Lac am Vorabend des Wahlkongresses sieben hochrangige Fussballfunktionäre mit dem Verdacht, Bestechungsgelder in Millionenhöhe angenommen zu haben, in Untersuchungshaft holte. Sepp Blatter gehörte übrigens nicht zu den Verdächtigen. Details und Fakten sind aktenkundig.

Sechs Jahre später gerät Zürich als Fifa-Standort weiter ins Abseits. Der Verkauf des Hotels Ascot durch den Verband war ein erstes Zeichen, das Verbot an die Betreiber des Fifa-eigenen Restaurants Sonnenberg, den Namen des Weltverbandes in irgendeiner Form zu verwenden, ein anderes. Auch von diversen Immobilien am Zürichberg will sich die Fifa trennen. In einem Schreiben an die Mieter heisst es: «Falls Sie am Erwerb der Liegenschaft interessiert sind, bittet der Eigentümer, sich direkt an UBS Real Estate zu wenden. Bitte beachten Sie dabei, dass nur der Verkauf der ganzen Liegenschaft geprüft wird und nicht der Verkauf einzelner Wohnungen».

Und nun kommt die Ankündigung, diverse Abteilungen und Dienstleitungen der Fifa nach Paris zu verlegen – in jene Stadt also, in der der Verband 1904 gegründet worden war. Wie die Zeitung «Le Monde» berichtet, bezieht die Fifa Büroräumlichkeiten auf einer Fläche von 6000 m2 im «Hôtel de la Marine» am Place de la Concorde. Zwar liess der Verband eine Anfrage auf eine Bestätigung dieser Information unbeantwortet, doch mittlerweile ist der Umzug vollzogen. 32 Mitarbeitende wurden aus Zürich nach Paris abkommandiert. Nicht alle gingen mit Begeisterung. Beim Umzug spielen offensichtlich auch die Verbindungen zwischen Frankreich und dem nächsten WM-Veranstalter Katar eine Rolle? Denn es ist kaum ein Zufall, dass das Hôtel de la Marine im katarischen Besitz ist und dort ab diesem Herbst die königliche Kunstsammlung aus Katar zu sehen ist – mit mehr als 6000 Werken und Objekten.

Geht es nach Infantinos Plänen, könnte es damit schon bald vorbei sein – und der Fifa-Hauptsitz zu einer seelenlosen Hülle verkommen? Sepp Blatter bemerkt dazu: «Es ist ein Szenario, das es unbedingt zu verhindern gilt. Denn was wir in der Schweiz an der Fifa haben, werden wir erst merken, wenn sie nicht mehr da ist.»

Bekannt ist inzwischen, dass der Fifa-Chef Infantino auch seinen persönlichen Wohnsitz nach Katar verlegt hat. Hatte die Fifa diesen Umzug noch lange dementiert, begründet sie ihn nun auf erstaunliche Weise: Infantino verbringe die Hälfte der Arbeitszeit in Doha, das Haus in der katarischen Hauptstadt ermögliche es ihm, vermehrt mit seiner Familie zusammen zu sein. Dass Infantinos Ehefrau den Umzug in den Nahen Osten angeblich gar nicht mitgemacht hat, sei nur nebenbei erwähnt.

So ist Paris als «Vorposten» wohl nur eine Momentaufnahme. Denn zwischen Staatspräsident Macron und Infantino soll eine Absichtserklärung bestehen, wonach eher früher als später der offizielle Sitz der Fifa in die französische Hauptstadt verlegt wird – nach 90 Jahren in Zürich. In den bisherigen Räumlichkeiten auf dem Zürichberg und in der Innenstadt werden wohl nur einzelne Abteilungen verbleiben. Damit würde eine neun Jahrzehnte lange Geschichte zu Ende gehen. Bedauernswert für Zürich und die Schweiz!

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