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Orlando und Transidentität

Menschen, die ihr angeborenes Geschlecht nicht akzeptieren, hat es wohl schon immer gegeben. Das Fotomuseum Winterthur zeigt, wie Kunstschaffende heute mit Transidentität umgehen.

Sein Blick ist misstrauisch, ja düster, als hätte er in seinem jungen Leben schon viele Enttäuschungen erlebt. Sein Gesicht ist männlich – dunkle Haut, Oberlippen- und Kinnbart. Die Augenbrauen, teils wegrasiert, sind mit dem Kajalstift stirnwärts hochverlegt. Er trägt verlängerte Wimpern und Silbercreolen in den Ohren. Die Schulterpartie ist eingehüllt in ein blaues, tüllartiges Gewebe. Männlich oder weiblich? Die Figur lässt sich nicht einordnen. Immer wieder wandert der irritierte Blick auf das Porträtfoto, das zur neuen Ausstellung im Fotomuseum Winterthur einlädt.

Vorproduktionsbild von Regisseurin Sally Potter, um die Finanzierung des Films Orlando zu sichern, 1988 © Sally Potter

«Orlando» ist die Sammlung von Werken zeitgenössischer Kunstschaffender überschrieben, benannt nach dem Titel eines Romans von Virginia Woolf aus dem Jahr 1928. Woolf erzählt darin das Leben eines jungen Adligen im England des 16. Jahrhunderts, der 300 Jahre lang verschiedene Zeitepochen durchlebt und während dieser Zeit eines Morgens als Frau erwacht. Aus dieser Geschichte entstand 1992 ein gleichnamiger Film (Regie: Sally Potter) mit der schottischen Schauspielerin Tilda Swinton in der Hauptrolle. Sie spielt die Rolle eines Menschen, der sich im Laufe seines Lebens von den traditionellen Normen aufgrund seiner angeborenen Geschlechtszugehörigkeit befreien kann und schliesslich sein Geschlecht wechselt.

Die Thematik hat Tilda Swinton nicht losgelassen, und so hat die ehemalige Protagonistin im Mai 2019 eine Ausgabe des Fotomagazins Aperture mit entsprechenden Beiträgen zeitgenössischer Fotokünstler und eine begleitende Ausstellung kuratiert, die in der New Yorker Aperture Gallery eröffnet wurde. Das Projekt der Aperture Foundation ist jetzt im Fotomuseum in Winterthur zu besichtigen. Es geht um die Infragestellung der binären Geschlechteridentität, die Sichtbarmachung von Transidentität, die Vielfalt menschlicher Erscheinungsbilder, um alternative Lebensentwürfe und die Wahrnehmung marginalisierter Communities.

Der Fotograf und Künstler Jamal Nxedlana zum Beispiel realisierte das oben beschriebene Porträt. Er widmet sich der Mode und Strassenkultur in Johannesburg und setzt sich für die Sichtbarkeit von Schwarzen und «queeren» Identitäten ein.

Jamal Nxedlana, FAKA Portrait, Johannesburg, 2019 © Jamal Nxedlana

Oder die Fotografin Mickalene Thomas: In einem Rückgriff auf ikonische Gemälde im 19. Jahrhundert inszeniert sie ironisch die musenähnliche Beziehung in Woolfs Roman zwischen Königin Elisabeth I. und Orlando, indem sie die Figuren in prachtvollen Gewändern vor einem Studiendekor mit Kunstrasen und Plastikpflanzen ablichtet. Thomas ist in den USA sehr bekannt. In der Schweiz sind erstmals Fotos von ihr zu sehen.

Mickalene Thomas, Untitled #2 (Orlando Series), 2019 © Mickalene Thomas und Yancey. Richardson Gallery, New York

Collier Schorr hat das junge Model Casil McArthur auf ihrer Transition vom knabenhaften Mädchen zum mädchenhaften Knaben begleitet. Eine Serie Fotos zeigt die verschiedenen Stadien ihres Wegs. Darunter ist eins, auf dem die Brüste amputiert wurden und die entsprechenden Narben noch frisch sind. Das geht im wahren Sinne des Wortes unter die Haut. Man möchte das nicht wirklich sehen.

Collier Schorr, Untitled (Casil), 2015–2018 © Collier Schorr und 303 Gallery, New York

Die transsexuelle Multimediakünstlerin Zackary Drucker wiederum präsentiert ihre Muse Rosalyne Blumenstein als Botticellis Venus. Blumenstein war mit 16 Jahren vom männlichen zum weiblichen Geschlecht transitioniert und wurde später Direktorin des Gender Identity Project am Lesbian, Gay, Bisexual & Transgender Community Center in New York.

Weitere zeitgenössische Künstler von Rang und Namen in dieser Schau: Lynn Hershman Leeson, Paul Mpagi Sepuya, Elle Pérez, Walter Pfeiffer, Viviane Sassen und Carmen Winant.

Frida Orupabo, Closed Fists, 2021 © Frida Orupabo und Galerie Nordenhake Berlin |
Stockholm | Mexiko-Stadt

Nicht zu verpassen sind zwei weitere Ausstellungsräume. Dort zeigt die norwegisch-nigerianische Künstlerin Frida Orupabo Schwarz-weiss-Collagen und Videoarbeiten. Das verwendete Bildmaterial findet sie online. Zu Grunde liegt eine Mischung aus historischen Fotos der Kolonialzeit und aktuellen Bildern.

Orupabo zu ihrem Ansatz: «Ich interessiere mich dafür, was wir sehen und wie wir sehen. Meine Beschäftigung mit Bildern aus dem kolonialen Archiv und mit der Collage als Medium untersucht deren Vermögen, Dinge aufzubrechen, zu zerlegen und in neue Zusammenhänge zu stellen.» Die Beschränkung auf Schwarz-Weiss, die Reduktion bei den Collagen auf einzelne Sujets sind ein wohltuender Gegenpol zu den – zumindest aus Seniorensicht – schrillen Aussagen der farbigen Welt nebenan.

Frida Orupabo, Girl on Horse, 2021 © Frida Orupabo und Galerie Nordenhake Berlin |
Stockholm | Mexiko-Stadt

Titelbild: Tilda Swinton als Orlando. Vorproduktionsbild von Regisseurin Sally Potter, um die Finanzierung des Films Orlando zu sichern, 1988 © Sally Potter
Bis 29. Mai
Hier finden Sie weitere Informationen zu den Ausstellungen «Orlando» und «Frida Orupabo» im Fotomuseum Winterthur.

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