StartseiteMagazinKolumnenEin Bach als Dieb und ein Sturm mit Luft nach oben

Ein Bach als Dieb und ein Sturm mit Luft nach oben

Der Titel über einem Text ist so etwas wie ein Angelhaken. Er fängt die Aufmerksamkeit der Lesenden ein, in der Hoffnung, dass sie den ganzen Artikel lesen. Titel allein haben oft schon einen gewissen Unterhaltungswert. Sie regen die Fantasie an.

Stellen sie sich mal dieses Bild vor: «Chiemlibach stiehlt der Dorfentwicklung die Show.» Da gibt sich die Dorfentwicklung alle Mühe, die Bevölkerung zu unterhalten – das ist schliesslich der Zweck einer Show – und dann kommt der Bach angerauscht, macht Wellen, vielleicht einen kleinen Tsunami, spritzt das Publikum nass und bewirft alle mit Fischchen. Ja, da kann die Stadtentwicklung natürlich einpacken, einem solchen Auftritt ist sie nicht gewachsen.

Auch das Wetter ist immer für einen Titel gut: «Im Sturm haben sie am meisten Luft nach oben.» Im Allgemeinen geht man ja davon aus, dass bei einem Sturm die Luft vor allem unten ist, in den Bäumen, den Haaren, den Regenschirmen, den nicht gesicherten Blumenkistchen. Nur: Bei diesem Sturm mit der Luft nach oben geht es nicht ums Wetter, sondern um Unihockey. Wo Stürmer das Tor attackieren. Die Luft nach oben bezieht sich auf die Spieler, nicht auf das Goal.

Noch so ein Bilderbuchtitel, der gar nichts mit einem Bild zu tun hat: «Vorstoss fordert ein Auge auf Nebenerwerb.» Da werden nicht Augen eingefordert, mit dem Vorstoss ist auch keine Schlägerei gemeint. Eine kryptische Überschrift, sagt man dem, weil keiner versteht, was eigentlich gemeint ist. Der Text dann klärt auf: Die Nebenerwerbseinkommen der Staatsangestellten sollen untersucht werden. Nichts mit Augen, aber eine Lesebrille wäre empfehlenswert – für den Journalisten.

«Er fällt ihm auf die Nerven.» Etwa so, wie wenn man sich einen grossen Stein auf den Fuss fallen lässt. Da trifft man auch etliche Nerven. Und Sehnen, Und Muskeln. Aber ansonsten geht einen etwas auf die Nerven. Und wer jetzt meint, fallen oder gehen , das sei doch Hans was Heiri, soll sich nur mal an seiner Fortbewegung orientieren. Ob man geht oder fällt, macht da einen Unterschied. Und wenn es nur ein blutiges Knie ist.

Apropos fallen: «Ich kann ihnen nicht garantieren, dass Sie schon morgen tot umfallen» wird in der Presse ein Arzt zitiert. Da ist ein zweites «nicht» verloren gegangen. Denn eine solche Garantie will ja wohl niemand. Das erinnert mich an eine französische Werbekampagne, die warnte: Alkohol tötet langsam. Und alle fanden, das mache nichts, so schnell müsse es gar nicht gehen.

Lassen wir das mit dem Alkohol und wechseln zu den Avocados: «Avocados wachsen in Regionen, die ein hohes Wasserrisiko besitzen». Was immer das heisst. Dass Avocados dringend schwimmen lernen müssten, damit sie bei Hochwasser nicht untergehen? Dass sie mit dem risikobehafteten Wasser nicht gewaschen werden sollten? Oh nein. Nötig wäre einfach die «Implementierung eines Wasserstandards.» Alles klar? Ich erklär es zum Schluss noch ganz simpel: Avocados brauchen zum Wachsen viel Wasser.

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