FrontKolumnenGlaubenszweifel

Glaubenszweifel

Stellen Sie sich vor, es ist Ostern und Sie sehen am TV eine russisch-orthodoxe Messe, die der Patriarch Kyrill I. in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau zelebriert; in der prächtigen Kirche, die Stalin zerstört hatte und die zu Beginn von Putins Herrschaft, feierlich renoviert, eingeweiht wurde. Der Patriarch und die Priester am Altar strahlen im grossartigen Oster-Ornat. Die Kamera richtet den Blick auf das Gold und den Glanz der Kathedrale, immer wieder fängt sie auch den Patriarchen und seine Diener bei den religiösen Handlungen ein. Die Rituale dieser Ostermesse faszinieren die Gläubigen. Die dunklen Stimmen der Chöre klingen tief und feierlich. Der Patriarch predigt mit ernsten Worten und verkündet, dass Jesus nach den Tagen des Leids, den Tod besiegt und hoffnungsfroh auferstanden sei. Die Worte und das Geschehen in der Kathedrale berühren die Seelen. Der Patriarch, im pompösen Schmuck seines Gewandes, spricht endlich seinen Segen für Land und Volk. In der Nähe des Altars steht Putin. Der Patriarch geht auf ihn zu, segnet und umarmt ihn nach dem Ritual seines Glaubens.

Da geschieht etwas Unerhörtes. Putin flüstert: «Ihr habt gut gepredigt! Ihr habt den Gläubigen dargetan, dass das, was in der Ukraine geschieht, die Mission ist, um das Brudervolk vor dem Bösen zu retten und aus den Fängen des Teufels zu befreien. Das Brudervolk ist dem Sittenzerfall des Westens ausgesetzt und wird von Nazi-Verbrechern ins Elend geführt. Es stand in der Gefahr, dem Teufel Amerika zu verfallen». Noch einmal umarmt der Patriarch den Zaren und Putin dankt: «Sie haben die Mission verstanden und sie deshalb wie ich als Militäraktion bezeichnet».

Dem Patriarchen musste sich von Anfang an bewusst gewesen sein, dass es sich um einen Krieg handelt und nicht bloss um eine Mission. Er musste gewusst haben, dass Putin lügt und seinem Wort nicht zu trauen war. Russland war nicht bedroht. Das hatte ihm schon Papst Franziskus erklärt und ihm gesagt, dass in der Ukraine Ströme von Blut und Tränen fliessen, dass der Krieg Zerstörungen und massloses Elend bringe. Darum bat Franziskus den Patriarchen, den Krieg unmissverständlich als solchen zu benennen, so wie er es tat.

Die katholische Kirche hat die Lehre vom gerechten Krieg, den sie über Jahrhunderte selbst lehrte, aufgegeben. Selbst wenn es sich um einen Verteidigungskrieg handelt, schafft er Verbrechen. Im Gespräch mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. erlebte der Papst nun die bittere Enttäuschung, dass in einer der christlichen Kirchen noch immer eine Theologie des gerechten Kriegs verfochten wird, also handle es sich um einen «Heiligen Krieg». Das war für den Papst unsäglich und sprach gegen alles, was eine aufgeklärte Kirche lehrt.

Diese Ansicht von Patriarch Kyrill l. muss jeden gläubigen Menschen in ein Dilemma stürzen. Wie kann ein Kirchenfürst der sichtbaren Unwahrheit eines Politikers folgen? Das Böse des Krieges als eine Bedingung zum Heil eines Volkes erheben? Wie soll man der höchsten Instanz einer Kirche glauben und nicht zweifeln an deren Verkündigungen? Was Kyrill I. als Mission bezeichnet, verstärkt die Skepsis. In diesem Moment verliert seine Kirche die Glaubwürdigkeit. Sie entwürdigt die Botschaft Jesu, die von Liebe und Barmherzigkeit spricht. Die russisch-orthodoxe Kirche beruht genau auf diesen Werten und verleugnet sie nun. Die Haltung Kyrills I. beschädigt auch die verwandten christlichen Kirchen. Hätte Putin den russischsprechenden Ukrainern zu Hilfe kommen wollen, hätte er in Verhandlungen dank seiner Macht durchsetzen können, dass Russisch neben Ukrainisch zur Staatssprache wird. Er hätte den Patriarchen nicht zwingen müssen, von einer Mission zu reden. Aber Putin wollte den Krieg.

9 Kommentare

  1. Einverstanden mit dem Geschriebenen. Doch es gibt nicht nur hinsichtlich des aktuellen Krieges, sondern im Blick auf noch andere verstörende Zeitereignisse erhebliche Glaubenszweifel. Zum Beisöpiel: «Also hat Gott die Welt geliebt…» – Wirklich? Die Welt vermutlich schon, jedoch die Kinder…?

  2. Seit mehr als 2000 Jahren begehen wir Ostern. Und wo stehen wir, die Menschheit, heute?
    Gibt es darauf eine Antwort? Eher nicht!

  3. Dank Ihrer eindrucksvollen Schilderung der russisch-orthodoxen Ostermesse mit dem Patriarchen Kyrill 1 in der prächtigen Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau, kann man sich die andachtsvolle Atmosphäre in diesem Gotteshaus gut vorstellen.

    Die Aussage des flüsternden Putins zeigt einmal mehr, dass Herrscher die Kirche und ihre Botschaft der Gottesliebe schon immer für ihre Zwecke missbraucht haben. Das theatralische Szenario, mit ihrem Glanz und ihren Ritualen, gehörte und gehört noch immer zur Legitimation der Kirchenmacht. Es soll die Gläubigen beeindrucken und demütig werden lassen, damit die Kirchenväter sich über sie erheben können und ihre Macht ausüben können. Damit ist der Patriarch Kyrill 1 im selben Milieu einzuordnen wie der Despot Putin.

    Eigentlich ist dieses Verhalten das Gegenteil von dem, was Jesus, gemäss den Niederschriften in der Bibel, sagte und lebte und von den Menschen forderte: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“

  4. Entschuldigung aber die Aussage «Putin hätte in Verhandlungen dank seiner Macht durchsetzen können, dass Russisch neben Ukrainisch zur Staatssprache wird» ist total falsch. In den Verhandlungen hat Putin nur die Zusicherung velangt, dass Ukraine nicht zum NATO Mitglied wird. Das arrogante Westen hat dieses Anliegen abgelehnt, obwohl nach dem Auseinanderfallen des Sowjetischen Imperiums Westeuropa den Russsen zugesichert hat, dass die neuen Länder nicht NATO Mitglieder werden. Also hat Putin nicht mal dieses Anliegen duchsetzen können, trotz seiner Macht.

    • Lassen Sie uns in Ruhe mit putinschen Propagandalügen! Es gab NIE eine schriftliche Zusicherung, dass sich souveräne Staaten nicht selber entscheiden können, welchem Bündnis und welcher Weltordnung sie angehören wollen. Es gab und gibt aber sehr wohl das Budapester Memorandum von 1994, das Russland mitunterzeichnet hat, das der Ukraine, Georgien und Kasachstan im Gegenzug zum Abzug sämtlicher nuklearen Waffen durch die Russen, die nationale Souveränität in ihren Grenzen garantierte! Putin hat dieses Abkommen schon mit dem Überfall auf Georgien und spätestens mit der Krim Annektion 2014 zur Makulatur gemacht.

      Die NATO ist ein reines Verteidigungsbündnis und hat noch nie einen Staat angegriffen. Ganz im Gegensatz zum stalinistisch-putinschen-faschistischen Russland mit seinen imperalistischen Grossmachtphantasien aus dem 19. Jahrhundert, das sämtliche widerrechtlichen Kriege in Europa seit dem 2. Weltkrieg zu verantworten hat. Ungarn 1956, Prag 1968, zwei Mal Tschetschenien, Georgien, die Krim Annektion, die Infiltration des Donbas mit russischen Agenten und Terroristen und nun den Überfall auf die Ukraine. Vom Völkermord in Syrien durch die Russen, reden wir hier nicht mal. Die Ukraine ist bekanntlich weder Nato noch EU Mitglied und hatte bis zum Überfall und Völkermord der Russen keinerlei konkrete Anträge laufen. Selbstverständlich geht es dem Putin-Regime nie um den Nato Osterweiterung sondern um die Gefahr der Demokratie und einer freien Gesellschaft in der Ukraine und ein Überschwappen auf Russland und demzufolge eine Gefahr für die Putin Diktatur. Und ein Russland, das sämtliche politische Opposition entweder ermordet oder weggesperrt hat, das nur noch die eigene Gehirnwasch-Lügenpropaganda duldet, die dem Naziregime in nichts nachsteht und Demonstranten und mutige Bürger, welche die Wahrheit sagen 15 Jahre einlocht, dieses Russland hat sich auf der Weltbühne längst selber diskreditiert und läuft auf einen Staatsbankrott zu und Zustände wie in Nordkorea. Und ein Diktator und Volksmörder Putin, der vor zwei Tagen Mörder und Vergewaltiger von Bucha ausgezeichnet und ihnen Orden umgehängt hat, gehört als Kriegsverbrecher mit einem internationalen Haftbefehl versehen, vor ein Kriegsverbrecher Gericht.

      • Lassen Sie uns in Ruhe mit Propagandalügen von Zelensky. Ja, Putin hat sich total verrechnet und informiert so, wie es ihm passt. Zelensky und westlichen Medien sind aber um kein Haar besser. In meinem Kommentar ging es aber nur darum, dass der Westen auf die einzige Forderung von Putin, die den Krieg verhindert hätte, nicht eingehen wollte. Westeuropa hat nach dem Zerfall der Sowjetunion den Russen zugesichert, dass Ukraine nicht zum NATO Mitglied wird, nicht schriftlich sondern mündlich. Dies wurde unter anderen von Frau Merkel und heutigem Bundespräsident Steinmeier bestätigt. Aus dem Grund hat Zelensky kürzlich den Bundespräsidenten ausgeladen. Im Minsker Abkommen vom 12.02.2015 steht im Pkt.11:
        «Durchführung einer Verfassungsreform in der Ukraine und Inkrafttreten einer neuen Verfassung bis Ende 2015, die als Schlüsselelement eine Dezentralisierung der einzelnen Gebiete der Oblaste Donezk und Lugansk aufweist.»
        Putin wollte mit der Dezentralisierung erreichen, dass ohne Zustimmung von Donezk und Lugansk NATO Mitgliedschaft Ukraine nicht möglich wäre. Die Verfassungsreform wurde aber nie durchgeführt. Also ist vollkommen klar, Putin ging es nur darum, dass keine Stationierung NATO Atomraketen und Marschflugkörper in Ukraine, d.h. unweit von Moskau, stattfindet, auch wenn Sie Hr. Herren das nicht glauben. Nur warum hat Putin von 1991 bis jetzt die demokratische Entwicklung in baltischen Ländern und Ukraine geduldet, wenn er so viel Angst von der Demokratie hat?.
        Es stimmt nicht, dass die Ukraine den Wunsch nach EU und NATO Mitgliedschaft nicht angemeldet hat, ansonsten wäre es kein Hauptthema für Putin.
        Die NATO ist ein reines Verteidigungsbündnis und hat noch nie einen Staat angegriffen, sagen Sie. NATO Staaten UA und GB haben den souveränen Staat Irak angegriffen und im 8-jährigen Krieg laut USA Studien mindestens 500’000 Menschen umgebracht, weitaus die meisten mit Bomben und Artilleriebeschuss. Und was haben wir heute in Irak? Chaos. Dasselbe mit dem Einsatz in Libyen und Syrien. In beiden Ländern Chaos und Islamisten.
        Für Jo Biden ist Putin ein Kriegsverbrecher. So, dann können wir die USA Präsidenten Johnson und Nixon auch als Kriegsverbrecher bezeichnen. Im Vietnamkrieg hat USA Napalm Bomben und hochgiftige Chemiewaffe Agent Orange eingesetzt. Mit Agent Orange wurden Wälder entlaubt, Ernten vernichtet und 3 Mill Zivilopfer verursacht. Agent Orange wirkt noch heute und führt zu Fehlbildungen bei Neugeborenen.
        Die Russen müssen sich noch anstrengen, um die Zahlen zu erreichen.

        • Übelste Propagandalügen, Geschichtsklitterung und Verharmlosung eines altersparanoiden, völkermordenden Diktators, der mit seinen Kriegsverbrechen Stalin und Hitler in nichts nachsteht!! Hier die Grenzen der freien Meinungsäusserung im freien Westen ausreizen und dumm provozieren aber zu feige, um ins angebliche Land der Begierde: Russland auszuwandern!

  5. Auch die letzten Putinversteher werden bald verstummen, wenn erneut ein kranker, grössenwahnsinniger Diktator, nun Putin, die Welt in Schutt und Asche legt. Eh nur eine Frage der Zeit: Entweder werden die ukrainischen Städte und Dörfer von den russischen Horden wie Grosny und Aleppo dem Erdboden gleichgemacht. Die Zivilbevölkerung entweder geflüchtet oder mit grausamstem Terror, wie systematischer Vergewaltigung von Mädchen und Frauen, gezielte Ermordung von unschuldigen Zivilisten, nach Putin: sog. «entnazifiziert»… oder wenn das Putin Regime nicht weiterkommt, bald vermeintliche Sündenböcke gefunden und der Westen für das Scheitern Putins verantwortlich gemacht und angegriffen wird. Diesen dritten Weltkrieg werden wir mit grosser Wahrscheinlichkeit alle nicht überleben. Es gibt nie eine Rechtfertigung für einen Krieg! Und wer hier versucht die Greueltaten des Putin Regimes zu rechtfertigen, indem er diese mit früheren Kriegen des Westens vergleicht und aufrechnet, versteigt sich in einen unmenschlichen Zynismus und macht sich zum Fürsprecher Putins. https://www.handelsblatt.com/politik/international/sarmat-raketen-putin-droht-dem-westen-mit-neuer-atomwaffe-doch-die-usa-winken-ab/28266066.html

  6. Wer sich für Fakten, anstatt russische Lügenpropaganda interessiert, kann das in der ausführlichen Publikation der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin, die vorallem Studien für den Deutschen Bundestag erstellt, nachlesen. Die Destabilisierung der Ukraine durch das faschistische Putin-Regime wurde schon vor der Krim-Annektion 2014 gezielt vorbereitet. Die revisionistische Lügenrhetorik Putins, dass die Ukraine im Donbas einen «Genozid» begehe… ist Teil des Lügennarrativs Putins.

    Es gilt als erwiesen, dass das Putin Regime die Destabilisierung der Donbas-Region mit Infiltration eigener regimetreuer Agiteure gezielt provoziert hat: Zitat SWP: «Das frühe Eingreifen russischer Akteure ist vielfach belegt. Unter den bewaffneten Aufständischen fand sich neben lokalen Freiwilligen und Mitgliedern lokaler Eliten38 eine zunehmende Anzahl russischer Staatsangehöriger und Personen, die lange in Russ­land gelebt hatten. Viele von ihnen waren in den sowjetischen und russischen Streitkräften oder Ge­heimdiensten tätig gewesen. Andere hatten enge Verbindungen zur extremistisch-nationalistischen Szene in Russland. Auch Kosakenverbände beteiligten sich aktiv an den Kampfhandlungen.39»

    So funktioniert die russische Doktrin der gezielten Destabilisierung ihr nicht genehmer souveräner Nachbarstaaten, die revisionistische Lügenpropaganda und dann schlussendlich die «Entsendung von Friedenstruppen» wie der aktuelle Überfall auf die souveräne Ukraine.

    https://www.swp-berlin.org/en/publication/donbas-konflikt-schwieriger-friedensprozess

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel