StartseiteMagazinKolumnenAngreifen oder nur anfassen?

Angreifen oder nur anfassen?

Nein, in meiner Kolumne geht es nicht um den Krieg in der Ukraine. Aber um Politik. Genauer: Um Politiker. Also um einen. «Er ist ein Politiker zum Angreifen», wird ein lokaler Platzhirsch beschrieben. Also einer, der schnell zum Angriff über geht? Oder den man straffrei ohrfeigen darf? Nichts von alledem. Er ist leutselig, eröffnet Verkaufsmessen, schüttelt bei jeder Gelegenheit Hände, ist an jedem Dorffest präsent – kurz, ein Politiker zum Anfassen.

Weshalb dann die doch recht aggressive Beschreibung? Weil zwei sich nahe stehende Begriffe verwechselt wurden. Zugreifen und anfassen beschreiben ja einen ähnlichen Vorgang. «Greifen Sie zu!» ist ebenso eine Aufforderung wie «Fassen Sie doch mal an!». Nur beim Politiker stimmt das nicht. Und ein Greifvogel ist keine Fassdaube, eine Fassstrasse im Militär lädt nicht zum Anfassen, wohl aber zum Zugreifen ein. Aber wer etwas nicht fassen kann, begreift es wohl auch nicht.

Eine Verwechslung auch bei dieser Beschreibung: «Der Garten ist verwuchert.» Oder vielleicht überwildert? Oder etwas von beidem?

Und hie und da gibt es gar keinen Unterschied, auf den ersten Blick: «Zusammenstoss führt zur Kollision» ist so ein schöner Titel, der dringend aufgeklärt werden muss. Denn das Bild, wie zwei Autos zusammenstossen und dann noch kollidieren, ist falsch. Das ist dem Polizeibericht zu entnehmen: Nach der Kollision zweier Autos stiessen die beiden Unfallwagen noch mit einem dritten Wagen zusammen. Manchmal lohnt es sich, nicht nur die Überschriften zu lesen.

«Sein Kopfball sorgt für eine Explosion der Gefühle» steht, natürlich, in einer Sportreportage. Und man ist beim Lesen froh, dass nur die Gefühle und nicht etwa der Kopf explodiert ist. Aber das lässt aufhorchen: «Danach ignoriert er den Gegner weg». Wegignorieren, das ist doch ein schöner Begriff. Der Wiener sagts anders: Nur net ignorieren.

Manchmal braucht man einfach ein paar neue Wörter, für all die Nachrichten. «Sie wurden gebrainwashed» zum Beispiel, was auf Deutsch gehirngewaschen heisst. Beides etwa gleich blöd. Da ist «entfolgen» ja noch besser. Das tut man auf Instagram: man folgt jemandem – oder eben nicht mehr. Dann entfolgt man halt.

Jetzt noch etwas Substantivistisches (oder so): Da wird von einer verkehrlichen Erschliessung geschrieben. Ist wohl das Gegenteil eines füssigen oder wanderlichen Systems. Und damit ist das parkplätzige Problem noch gar nicht aufgegriffen. Merke: Nicht jedes Substantiv kann so ohne weiteres in ein Adjektiv oder ein Verb umgepolt werden. Ich verkehre, du verkehrst … ist im Zusammenhang mit einer Verkehrsplanung – verkehrt.

Fast zum Schmunzeln: «Der Fundort der Leiche wurde grosszügig abgesperrt.» Da hat also ein Polizeikommandant gesagt, egal, was es kostet, da wird jetzt mal an nichts gespart. Wir müssen auch mal grossflächig denken. Wäre fast lustig, wenn es kein so trauriger Anlass gewesen wäre.

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2 Kommentare

  1. Liebe Bernadette

    habe geschmunzelt. Fühlte mich mehrmals angesprochen.
    Frage: wie sollte es heissen beim Fundort der Leiche? Wurde grossräumig abgesperrt? Oder gibt es etwas anderes?

    Gutes Wochenende und herzlich
    Judith

  2. Vielen Dank für diesen Artikel.
    Mir fällt auf, dass – lese meist Online – immer mehr das geschriebene Deutsch fehlerhaft wird. Bin selber nie gut in Gramatik gewesen….. aber selbst mir fällt das jetzt zunehmend auf.
    Wortspielereien mag ich sehr! Daher hat mich Ihr Beitrag wirklich sehr gefreut. Er macht Spass und Freude. Dahinter auch etwas traurig. Sie verstehen sicher, was ich damit meine.

    Freundliche Grüsse und ich hoffe auf weitere Beiträge!

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