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Was uns Landschaft bedeutet

Wie Mensch und Landschaft zueinander stehen, ist eine Frage, die nie abschliessend beantwortet werden kann. Unter dem Titel «Mensch und Landschaft» widmet sich das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen diesem Thema.

«Eine interdisziplinäre Werkstattausstellung» nennt Direktorin Katharina Epprecht das Projekt, das sich auf Neuland wagt. Es setzt voll auf die aktive Beteiligung der Besucherinnen und Besucher, es geht den Themenkomplex aus verschiedenen Perspektiven an und bezieht Stoff und Informationen von mehreren Disziplinen: aus Geografie, Biologie, vom Umwelt- und Naturschutz und nicht zuletzt aus der Kunstgeschichte, dem alten und aktuellen Kunstschaffen. Katharina Epprecht formuliert den Anspruch so: «Das Museum will sich aus dem Kokon der Innen- und Rückschau befreien, es will seine Aufgabe des Konservierens erweitern.» Dazu wurden verschiedene Aussenstationen geschaffen, wo nämlich die Landschaft direkt vor uns liegt.


«Landschaft ist ein Theater der Erinnerung.»
Raimund Rodewald, Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz.


Im Museum selbst treten wir in einen kleineren Raum, an dessen Wänden eine Anzahl Gemälde aus der Schaffhauser Umgebung hängen. Von Otto Dix, der sich vor den Nazis an den Bodensee geflüchtet hatte, sehen wir ein Werk, das mehr Stimmung ausstrahlt als Landschaft – und genau darum geht es den Kuratoren. Sie stellen uns permanent die Fragen: Welche Vorstellung von Landschaft haben Sie? Sehen Sie Bilder oder Erinnerungen? Haben Sie eine Lieblingslandschaft oder sind es eher Stimmungen, die in bestimmten Landschaften in Ihnen aufsteigen?

Klodin Erb und Eliane Rutishauser, Felsen 2, 2005, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen

Die Besucherinnen und Besucher erhalten innerhalb des Museums Anregungen, ebenso wichtig für die Konzeption der Schau sind die Aussenstationen, von denen später die Rede sein soll. Dem multidimensionalen Ansatz entsprechend gibt es nicht nur Objekte zum Anschauen, sondern auch Höreindrücke. So begleiten uns im erwähnten ersten Raum die Aussagen verschiedener Persönlichkeiten, die darüber sprechen, wie Landschaften auf sie wirken. Wenn ein Gemälde die berühmteste Schaffhauser Landschaft darstellt wie dasjenige der Schweizer Malerinnen Klodin Erb und Eliane Rutishauser, den Rheinfall, fühlt sich wohl jeder angesprochen, Stellung zu beziehen.

Im 19. Jahrhundert, der Epoche, in der Landschaft fast untrennbar mit «Romantik» in Verbindung gebracht wurde, war auch der Landschaftsmaler fast eine ikonische Gestalt. Das Gemälde von Jakob Ritzmann ist dafür ein sprechendes Beispiel. Der Zürcher Künstler stellt hier seine beiden Freunde dar, die sich aufgemacht haben, in der Natur selbst zu malen.

Jakob Ritzmann, Die Maler Hans Sturzenegger und Wilhelm Hummel, 1934, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen

Die Ausstellungsmacher haben klar eine Botschaft, versuchen jedoch, jegliche auffällige Didaktik zu vermeiden. Der Durchgang zum grössten Raum ist so ein Ort, der auffordert, auf die Landschaft, auf die Aussenwelt zu achten, und uns zugleich zum Schmunzeln bringt. An der Fensterfront hängen drei Videos, Fenster, die verschiedene Ausblicke eröffnen – Fenster im Fenster.


«Landschaften schützen heisst, ihre Erkennbarkeit aufrechterhalten.»
Lucius Burckhardt, Schweizer Soziologe und Nationalökonom, gilt als Begründer der Promenadologie.


Die Absicht, die konventionelle Museumspraxis aufzubrechen, erkennen wir im folgenden Raum: Statt auf die ausgewählten Landschaftsbilder blicken zu können, sehen wir sie zuerst einmal von hinten, dicht aufgehängt an sogenannten Archivgittern, wie in einem Schaulager. Interessant, das auch einmal zu sehen. In aller Ruhe anschauen können wir die Gemälde aus mehreren Jahrhunderten, die ausnahmslos dem Museum zu Allerheiligen gehören, von der Mitte des Raumes. Ein Bild – das aktuellste – beeindruckte mich besonders: Der Scan eines düsteren und doch vielfältigen Waldbodens des Basler Fotografen Serge Hasenböhler.

Blick in den «Bildersaal». Hasenböhlers Scan hängt unten, Mitte rechts. (Foto mp)

Grosse Videoaufnahmen verschiedener Landschaften und zwei ebenso riesige Bildschirme von Livestreams einer Aussenstation bilden die Platzhalter für alle entstehenden Ausstellungsobjekte, die von den Besucherinnen und Besuchern erwartet – oder erhofft werden. Beginnen kann man schon im Innenhof vor dem Museumseingang. Dort ist Lehm bereitgestellt für alle, die Lust haben, ihre Lieblings- oder Traumlandschaft zu formen. Alle Modelle werden oben im grossen Raum gesammelt. Auch die Aussenstationen, Forschungsstationen genannt, laden zur aktiven Teilnahme ein. Es wundert nicht, dass auch der Rheinfall selbst als Museumsstation dient, mit dem Titel «Landschaft als Kulisse»; weiter der Höhenweg Schaffhausen als Beispiel für einen Panorama-Spazierweg, wie ihn viele Städte angelegt haben; schliesslich die Station in einem früheren Steinbruch und seiner Umgebung, wo die Geschichte von Landschaftsgestaltung und der Wandel unserer Umgebung im letzten Jahrhundert aufeinandertreffen. Wer dann noch in der Landschaft wandern will, kann die Station «Hochsitz» besuchen. Dort geht es nur um Beobachtungen und Wahrnehmungen.

Monika Ursina Jäger, Liquid Time. Ausstellungsansicht (Foto mp)

Nicht verpassen sollten Sie die Videoarbeit der Zürcher Künstlerin Monika Ursina Jäger Liquid Time. Die Installation befindet sich in einem etwas abgelegenen Raum des Museums. Dieses Werk zeigt in Ton und in eindrucksvollen, starken Einstellungen, wie Felsen sich in Sand verwandelt, der für das moderne Bauen unabdingbar geworden ist. – Man hört von Zeit zu Zeit, dass Sand als Baumaterial knapp werden könnte. – Die Künstlerin wurde bei einem Aufenthalt in Singapur auf die Dringlichkeit dieses Themas aufmerksam. Singapur vergrösserte seine Landfläche durch immense Sandimporte, die mit den Jahren in den Nachbarländern Umweltschäden verursachten, so dass diese Länder den Export von Sand nach Singapur verboten.

«Mensch und Landschaft. Eine Werkstattausstellung» bis 30. Oktober 2022.
Mit einem umfangreichen Begleitprogramm.

Monika Ursina Jäger «Liquid Time» bis 7. August 2022

Titelbild: An der Forschungsstation am Rheinfall können Selfies in die Ausstellung geschickt werden. Aussenstation 02 / Museum zu Allerheiligen Schaffhausen

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