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Erkenne dich selbst

Mir gefällt der Satz: «Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.» Ich habe ihn oft zitiert, denn die Farben bringen Heiterkeit ins Leben und sie hinterlassen im Gemüt einen Abglanz. Dieses wird einem bewusst, wenn es einige Tag grau und regnerisch ist. Man sehnt sich nach Sonne, die die Landschaft und alles was in ihr leuchtet, im farbigen Licht erstrahlen lässt. Der zitierte Satz taucht im zweiten Teil von Goethes Faust auf. Für mich war er nicht nur ein vollkommener Satz, eine poetische Lebenserkenntnis, sondern er enthielt auch eine Philosophie. Was ich mit den Sinnen erkenne, ist für mich Realität und die Farben machen es möglich die Dinge voneinander zu unterscheiden. Sie gaben ihnen Profil und Charakter. Für Goethe selbst hatten Farben eine charakteristische Bedeutung. Max Lüscher entwickelte einen Farbentest und glaubte, darin den Menschen in seiner Art und in seinen Neigungen zu erfassen. Die Farbe der Kleidung bringt zum Ausdruck, wie Menschen sich selber sehen und darstellen wollen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass dem Kauf eines Kleidungstückes oft längeres Zögern und Abwägen vorausgehen. Passt es zu mir oder nicht?

Nun wissen wir längst, dass die Sinne keine gültige Wahrheit über die Dinge hervorbringen. Schon Newton brauchte für die Erforschung der Farbe technische Hilfsmittel und erkannte, dass die verschiedenen Farben alle im weissen Licht enthalten sind. Das blosse Auge hätte diese Wirklichkeit nicht entdeckt. Für die technischen Entwicklung waren Instrumente notwendig, die tief in die Realität der Dinge vordringen konnten. Von blossem Auge ist ihre Atomstruktur nicht zu erkennen. Erst die Hirnforschung entdeckte die Zentren, die das menschliche Leben steuern. Dennoch bleiben für die Lebenswelt des Menschen die Sinne entscheidend, auch wenn der Verstand verschiedene Wirklichkeiten unterscheiden kann.

Mit einer gewissen Hartnäckigkeit halte ich an Goethes Ausspruch fest, denn er spricht vom gelebten Leben. Ich weiss, dass die physikalische und biologische Struktur der Dinge die Grundlage der modernen Welt ist. Ich lebe wie wir alle in einer technisierten Welt, ohne darüber lange nachzudenken, wie sie möglich geworden ist. Das interessiert die Forscher und die Fachleute. Die vielen Menschen, die stundenlang ihr Natel traktieren, fragen nicht, wie es funktioniert, dass sie in Sekundenschnelle mit einer Person in Rom verbunden sein können. Wenn ich höre, dass soziologische Untersuchungen ergeben haben, dass Jugendliche und süchtig gewordene Erwachsene täglich zwischen vier und fünf Stunden im Internet surfen, ist dies eine neue Wirklichkeit, die sich der realen Lebenswelt überstülpt. Wenn jemand aber die Frage stellt, was die Welt und wer er selbst in dieser Welt sei, findet er keine bestimmte und schon gar nicht eine farbige Antwort. Mit solchen und ähnlichen Fragen steht der Mensch vor einem Wirklichkeitsbereich, den er nicht entschlüsseln kann.

Mit dem farbigen Abglanz wird er sich nicht begnügen. Er sucht in der Philosophie oder in der Theologie Antworten und gerät so in die farblose Welt der Unbestimmtheit und Vermutungen. Der Philosoph Peter Sloterdijk* hat eine bestechende neue Farbenlehre geschrieben, in der er behauptet und begründet: «Wer noch kein Grau gedacht hat, ist kein Philosoph.» Er legt an zahlreichen existenziellen Situationen und philosophischen Theorien dar, dass der Mensch bei den letzten Dingen stets im Vorläufigen bleibt, welches er mit der Farbe Grau veranschaulicht. Der Mensch ist mit dem Auftrag «Erkenne dich selbst», der Inschrift am griechischen Apollo-Tempel in Delphi, überfordert und bleibt in der grauen Zone stecken, ohne konkrete farbige Antwort. Horcht er in sich hinein, weiss er nicht endgültig, wer er ist. Er sucht sich dann oft in der Farbigkeit der Welt und muss sich zufriedengeben, wenn er ihren Abglanz spüren kann.

*Peter Sloterdijk: Wer noch kein Grau gedacht hat. Eine Farbenlehre. Suhrkamp

 

1 Kommentar

  1. Beim Lesen Ihrer Kolumne frage ich mich, gehören nebst der Farbigkeit im Leben, die Grautöne, das Unvollkommene und das Vorläufige, das Unsichere und die Fragen nach Sinn und Wahrheit, nicht natürlicherweise zum Menschsein dazu? In meiner Vorstellung umfasst das Leben die ganze Farbpalette von Tiefschwarz bis Schneeweiss und in allen möglichen Farbmischungen. Wenn der Philosoph Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch zu seinem 75. Geburtstag das „Grau in dieser Welt“ entdeckt hat, beschreibt er, zwar in seiner originellen und klugen Art, jedoch nichts wirklich Neues.

    Die Aufforderung: Erkenne dich selbst! halte ich für eine überfordernde Aussage aus einer längst vergangenen Zeit. Jeder Mensch hat seine eigene Wirklichkeit, die sich jeden Tag ändern kann. Nebst unserer eigenen Einschätzung, wer wir sind, spiegeln uns auch die Mitmenschen, denen wir im Laufe unseres Lebens begegnen, mannigfaltige Bilder unseres Wesens zurück. Vom «guldige Sünneli» bis zur «grauen Eminenz», können wir alles sein.
    Ich glaube deshalb nicht, dass wir uns am Ende mit dem Abglanz der farbigen Welt begnügen müssen. Es liegt an uns selbst, ob wir das Grau akzeptieren und die farbigen Momente im Leben erkennen und sie mit allen Sinnen geniessen und bis zuletzt lebhaft in Erinnerung behalten. Ein tröstlicher Gedanke.

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