FrontKolumnenVon der Macht und der Ohnmacht von Bildern

Von der Macht und der Ohnmacht von Bildern

Immer wieder sind es Bilder, Filmsequenzen, News-Beiträge, die weltweit Empörung auslösen, zu drastischen Entscheiden führen. Bilder, die von den grossen Newsagenturen dieser Welt vermittelt werden und in den Nachrichtensendungen weltweit ausgestrahlt werden und zu verheerenden Folgen führen. Wie im März/April die Bilder aus Butscha bei Kiew: Eine Strasse übersät von Leichen, Menschen, die willkürlich von russischen Soldaten einfach niedergemacht wurden. Wo die von Putin verführten Soldaten zu gnadenlosen Kriegsverbrechern wurden, bevor sie sich zurückziehen mussten, weil sie von der ukrainischen Armee aus Butscha vertrieben wurden. 280 Leichen mussten in Massengräbern beigesetzt werden, weil die drei Friedhöfe der Stadt noch in der Reichweite des russischen Militärs lagen. Butscha wurde zum weltweiten Medienthema, zum Mahnmal, zum Besuchsziel westlicher Politikerinnen und Politiker. Annalena Baerbock, die deutsche Aussenministerin, sagte bei ihrem Besuch in Butscha zur Weltpresse eindrücklich und nachdenklich zugleich: «Das könnten auch wir in Berlin sein.»  

Putin offenbarte durch seine Armee sein wahres Gesicht, seine Entschlossenheit, der ukrainischen Zivilgesellschaft vorzuführen, was sein Ziel tatsächlich ist: die Vernichtung der ukrainischen Identität. Und Selenskyj zog folgenschwere Konsequenzen. Er brach die Verhandlungen mit Moskau ab. War er bis zu diesem Massaker noch bereit gewesen, auf einen Beitritt in die Nato zu verzichten, sich als neutrales Land zu etablieren, Putins Forderungen nachzukommen, musste er erfahren, dass Putin nicht zu trauen ist, dass der von seinem Ziel nicht lassen wird.

Wenn Selenskyj seinem Volk den so ersehnten Frieden in einem unabhängigen, autonomen Land sichern will, muss er sich Putin mit seiner Armee stellen, ihn in die Schranken weisen. Erst nach und nach realisierten die Regierenden im Westen, dass es Putin ernst ist, dass auch unsere Demokratien in den Fokus seiner imperialen Herrschaftsansprüche rücken, dass sie deshalb im eigenen Interesse der Ukraine beistehen müssen, allen voran die USA, erst zögerlich der deutsche Bundeskanzler Scholz. Doch Putin lässt nicht locker, neben dem Krieg in der Ukraine, hat er jetzt den Energie- und Nahrungs-Krieg eröffnet. Wir sind tatsächlich in seinen Fokus gerückt. Die Angst vor dem Wohlstand-Verlust greift zunehmend um sich, die entsprechenden Bilder alarmieren, erzeugen ihre Kraft.

In den Schatten dieses umspannenden Konflikts geraten andere Ereignisse in der Welt in den Hintergrund, obwohl sie genauso fürchterlich, genauso unermesslich traurig sind. Eine Filmsequenz, am letzten Mittwoch in der Tagesschau des Schweizer Fernsehens ausgestrahlt, lässt mich einfach nicht los. Es ist das Gesicht eines 10jährigen Mädchens, aufgenommen in einem Lager in den Bergen Afghanistans. Es ist von seiner Mutter für 2200 Dollar an einen 20 Jahre älteren Mann für eine «Hochzeit» ohne Feier verkauft worden. Auf die Frage der Reporterin, wann es denn abgeholt werde, meint es ernst: «Bald». Dann reibt es mit der rechten Hand über sein besorgtes Gesicht und beginnt herzzerreissend zu weinen.

In mir steigen schrecklich Bilder auf, ich beginne zu assoziieren, was dem Mädchen alles blüht, ein Leben ohne Heirat, ausgeliefert einem Mann, der mit ihm macht, was er will, beschützt von den regierenden Taliban. Ein Bild der Ohnmacht. Ein beschämendes Gefühl kommt in mir hoch. Ich bin ratlos, bin entsetzt über meine Hilflosigkeit. Ich schäme mich über meine Scham.

Wenn nun landauf, landab an den Bundesfeiern ein Loblied auf die Neutralität angestimmt wird, wenn Christoph Blocher die Schweiz mit seiner Initiative noch stärker isolieren, mit seiner «immerwährenden bewaffneten Neutralität» uns international Fesseln anlegen will, macht mich das wütend. Er will, dass wir uns nicht einmischen, die Ungerechtigkeiten in dieser Welt einfach tatenlos dulden, nur zusehen, die Hände in den Schoss legen. Ich werde in meiner Hilfslosigkeit noch hilfloser. Das darf nicht sein: Wir sind gerade aufgrund unseres Wohlstandes der Welt gegenüber verpflichtet. Verpflichtet, einen Beitrag zu leisten zum Frieden, zur Gerechtigkeit. Wir brauchen nicht eine «kooperative Neutralität» (Ignazio Cassis), sondern eine aktive, eine «solidarische Neutralität». Solidarisch mit den Unterdrückten, den Hungernden, den Vergessenen, vor allem den vergessenen, hungernden Kindern, aber auch mit den Ländern, die angegriffen, die unterworfen werden sollen, wie aktuell die Ukraine.

Ja, die Bilder aus der Ukraine entfalten ihre Macht, sie zwingen uns zur Solidarität, noch. Das Bild aus Afghanistan bleibt wirkungslos, wenn es nicht verbreitet wird, uns nicht immer wieder vor Augen geführt wird. Schauen Sie den Beitrag über den untenstehenden Link doch an:

https://www.srf.ch/play/tv/redirect/detail/341efe2b-3830-4193-bb79-ba0bab2b7b7d

Den Link hat die Seniorweb-Leserin Regula Mosimann zu ihrem treffenden Kommentar zu meiner Kolumne vom letzten Sonntag gestellt. Dafür, Regula Mosimann, herzlichen Dank.

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1 Kommentar

  1. Das habe ich auch gesehen, und ich kann kaum glauben, wessen Menschen nicht im Mittelalter, sondern heutzutage fähig sind.

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