FrontGesellschaftDie Alten kommen – mit oder ohne Freiwilligenmanagement!

Die Alten kommen – mit oder ohne Freiwilligenmanagement!

Wer pensioniert wird, wird plötzlich freier, weil er über mehr Zeit verfügt, sein Denken nicht mehr von seiner Berufsrolle einschränken lassen muss, wählen kann, was seinen persönlichen Werten entspricht, also tun und lassen kann, was er will.

Er kann endlich sich dem widmen, wozu er früher keine Zeit hatte: Soziale Kontakte pflegen, ohne ständig auf die Uhr schauen zu müssen; bisher verborgene Talente ausgraben, zu malen, tanzen, schreiben beginnen; mehr für seine hochbetagten Eltern sorgen, Freizeit mit Kindern und Grosskindern verbringen und auch gern einspringen, wenn die eigenen Kinder Betreuungsbedarf für Enkelkinder anmelden.

Panikmacher, die vor einer Überalterung der Gesellschaft und der damit verbundenen Kostenexplosion warnen, sollten einsehen, dass die fitten Alten sich auch gerne zur Förderung des Gemeinwohls einspannen lassen und damit einen bedeutenden gesellschaftlichen Nutzen erzeugen.

Aber braucht es dazu ein Freiwilligenmanagement? Sind nicht viele Alte freiwillig, ohne gemanagt zu werden, tätig in Vereinen, politischen Parteien, gemeinnützigen Institutionen? Dazu führte Seniorweb ein Gespräch mit Sigrid Haunberger, die zusammen mit Konstantin Kehl und Carmen Steiner vom Institut für Sozialmanagement der ZHAW ein Buch herausgegeben hat mit dem Titel: Freiwilligenmanagement in zivilgesellschaftlichen Organisationen. Anwerben, Begleiten und Anerkennen von freiwilligem Engagement im Alter.

Seniorweb: Was versteht man unter Freiwilligenmanagement?

Sigrid Haunberger: Freiwilligenmanagement ist ein vielfältiger Begriff, der sich etwa so definieren lässt: Unter Freiwilligenmanagement versteht man gezielte Bestrebungen einer Organisation, um Freiwillige zu gewinnen, zu begleiten und durch Anerkennung und Wertschätzung der geleisteten Arbeit zu behalten. Von einigen Organisationen wird Freiwilligenarbeit auch regelmässig evaluiert, optimiert und die Zufriedenheit der Freiwilligen und der Begünstigten überprüft.

Sigrid Haunberger mit dem neuen Buch über Freiwilligenmanagement

In welchen Bereichen braucht es Freiwilligenmanagement und wo «managen» sich Freiwillige selber?

Man unterscheidet zwischen formeller und informeller Freiwilligenarbeit. Das Freiwilligenmanagement hat seinen Ort in der formellen Freiwilligenarbeit, also im freiwilligen, unentgeltlichen Engagement etwa in kulturellen, sozialen und ökologischen Organisationen. Informelle Freiwilligenarbeit wird etwa im Quartier, in der Nachbarschaftshilfe für Menschen ausserhalb der Familie und der Angehörigen geleistet. Unterstützung, Pflege und Betreuung von Angehörigen fällt in der Regel nicht unter den Begriff der Freiwilligenarbeit.

Was tun ideale Freiwilligenmanager, ideale Freiwilligenmanagerinnen?

Sie sind am Puls der Zeit, kennen zivilgesellschaftliche Bedürfnisse des Gemeinwesens, die nicht durch den Staat oder den Markt abgedeckt sind. Sie kennen Wege, um Freiwillige zu gewinnen, auszubilden, sinnvoll einzusetzen und wertzuschätzen.

Mit welchen Argumenten gewinnt man fitte Alte für die Freiwilligenarbeit?

Es wird ziemlich viel Motivforschung betrieben, etwa auch im Freiwilligenmonitor. Jüngere sagen oft: «Das bringt mir auch was für meine berufliche Laufbahn.» Pensionierte wollen in erster Linie für andere etwas Sinnvolles tun, sich sozial engagieren, oft nach dem Motto: Für andere was zu tun, tut mir selber gut. Zeitgutschriften oder andere Formen der Anerkennung sind zweitrangig. Freiwilligenarbeit hat oft nicht mit der Nutzung von Kompetenzen aus dem früheren Beruf zu tun, oft will man in der Freiwilligenarbeit neue Tätigkeitsfelder entdecken, erfahren, erleben.

Gute Argumente allein genügen nicht, es braucht auch eine gute Marketingstrategie. Die beste ist immer noch die Mund-zu-Mund-Propaganda von einer Freiwilligenorganisation zu Interessierten oder wenn Freiwillige in ihrem Freundeskreis von ihrer Freiwilligenarbeit schwärmen und so andere zum Mitwirken animieren.

Wenn Interessierte sich bei einer Organisation einfinden, braucht es eine gute Abklärung der Bedürfnisse, Kompetenzen, Erwartungen von beiden Seiten, damit für alle klar wird, was für ein Einsatz passend ist.

Was sollte auf kommunaler Ebene getan werden, um das Potential der Pensionierten für die gemeinnützige Freiwilligenarbeit besser zu nutzen?

Es braucht von den Gemeindebörden eine Sensibilität für Freiwilligenarbeit. Je nach Grösse der Gemeinde sind Stellenprozente zu schaffen für die politischen Behörden und Verwaltungsangestellte. Sie sind zuständig für die Übersicht der in der Gemeinde angebotenen Freiwilligentätigkeiten.  Sie wertschätzen diese und  unterstützen bei Bedarf Initiativen, um neuen Formen der Freiwilligenarbeit zu etablieren. Bei Covid und im Umgang mit Flüchtlingen beispielsweise hat man in letzter Zeit je nach Gemeinde Erfolge und Misserfolge, Schwierigkeiten und gutes Freiwilligenmanagement beobachten können. In vielen Gemeinden könnte die Steuerung der Freiwilligenarbeit optimiert werden, so dass Freiwillige, die Begünstigten und die Gemeinde mehr profitieren könnten.

Was können Unternehmen zusammen mit politischen Behörden tun, um beim Übergang in die Pensionierung mehr Personen in sinnstiftende Freiwilligenarbeit hinein zu lotsen?

Unternehmen sind gefordert, diesen Übergang zu begleiten, indem die Personalabteilung des Unternehmens sich vernetzt mit Freiwilligen- und Altersorganisationen, so dass Mitarbeitende nicht «blind» entlassen werden, sondern ihnen Möglichkeiten aufgezeigt werden, was nach der Pensionierung getan werden könnte. Da könnten Profit- und Nonprofit-Organisationen sicher besser zusammenarbeiten.

Viele Freiwillige machen ihre unbezahlbare Arbeit kostenlos, aus purer Freude und weil sie sich für das Wohl der Gemeinschaft einsetzen wollen. Andere hätten gern neben der Übernahme von Spesen auch noch ein kleines Honorar oder ein Zeitgutschrift. Was halten Sie davon?

Ich habe da eine klare Meinung. Ich denke, freiwilliges Engagement sollte wirklich freiwillig und unentgeltlich bleiben. Klar, Spesen werden abgerechnet, kleine Geschenke, wertschätzende Anlässe und andere Formen der Anerkennung sind willkommen. Von Zeitgutschriften hat man sich viel erhofft, aber der Freiwilligenmonitor hat gezeigt, dass sie nicht prioritär von den älteren Freiwilligen gewünscht werden.

Ein Beispiel eines wertschätzenden Anlasses: Nach der Hauptversammlung des Spitex-Fördervereins Thurvita wird Lotto gespielt. Der Verein hat 1132 Mitglieder, davon 155 aktiv. Weiteres unter https://spitex-foerderverein.ch ( Foto Freddy Kugler)

Ich kann mir aber schon vorstellen, dass man für wichtige Arbeiten bestimmte Pensionierte gewinnen kann mit finanziellen Entschädigungen. Aber das ist ein anderes Modell und müsste etwa als «nachberufliche Erwerbsarbeit» bezeichnet werden.

Wie überzeugen Sie Frischpensionierte, die in ihrer Alltagsgestaltung hin und herschwanken zwischen Eigensinn und Gemeinsinn, zwischen Eigenwohl und Gemeinwohl, zwischen Eigennutzen und Gemeinnutzen?

Ich sag einfach, Freiwilligenarbeit ist freiwillig und soll es bleiben.  Man könnte ja auch jeden zu einem Freiwilligenjahr verpflichten. Aber das scheint mir in eine falsche Richtung zu gehen.  Es gibt aber Pensionierte, die trauen sich nicht zu, Freiwilligenarbeit zu leisten. Einige davon haben Migrationshintergrund. Dabei wäre Freiwilligenarbeit eine gute Chance für gesellschaftliche Integration. Hier gilt es Hürden und Ängste abzubauen. Menschen fühlen sich wegen der Sprach- oder Bildungsbiographie gehemmt, Freiwilligenarbeit zu leisten. Da braucht es Öffentlichkeitsarbeit und mehr Ermutigung. Aber die letztendliche Entscheidung, ob man Freiwilligenarbeit macht oder nicht, soll jeder selber fällen. Alle sollen auch die Freiheit haben, nicht Freiwilligenarbeit zu leisten, obwohl Forschungsbefunde immer wieder den grossen Nutzen der Freiwilligenarbeit für die Gesellschaft und für die Freiwilligen herausstreichen.

Sigrid Haunberger, Prof. Dr., ist Dozentin und Projektleiterin am Institut für Sozialmanagement, Departement Soziale Arbeit, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Wirkungs- und Evaluationsforschung, quantitative Forschungsmethoden, Qualitätssicherung und Freiwilligenmanagement.

Literatur: Sigrid HaunbergerKonstantin KehlCarmen Steiner (Hrsg.): Freiwilligenmanagement in zivilgesellschaftlichen Organisationen. Anwerben, Begleiten und Anerkennen von freiwilligem Engagement im Alter. Zürich 2022. Kostenlos runterzuladen über open access unter https://www.seismoverlag.ch/de/daten/freiwilligenmanagement-in-zivilgesellschaftlichen-organisationen/

Markus Lamprecht, Adrian Fischer, Hanspeter Stamm (Hrsg.): Freiwilligen-Monitor Schweiz 2020. Zürich 2020. Kostenlos runterzuladen über open access unter https://www.seismoverlag.ch/de/daten/freiwilligen-monitor-schweiz-2020/

Titelfoto: Jahresausflug der freiwilligen Fahrerinnen und Fahrer des Spitex-Fördervereins Thurvita in die Kartause Ittingen. (Foto Freddy Kugler)

 

8 Kommentare

  1. Hier wird «Freiwillig»-enarbeit schon wieder vermarktet.
    Mit 40ig hatte ich mir mal vorgenommen, in einer Gesellschaft, die Freiwillige nutzt, die Boni aber denen verteilt, die den Kragen nie voll kriegen, nie wieder Freiwilligenarbeit zu leisten.
    Inzwischen mach ich das wieder….. aber solche Aussagen und Bücher bringen mich schon fast wieder dahin, damit wieder aufzuhören. Klar hat die Gemeinde, der Kanton, der Staat ein Interesse an Freiwilligen.
    Vielleicht lassen sie sich ja züchten?!?
    Um nicht unhöflich zu werden, spar ich mir den Rest!

  2. Das finde ich auch.frauen sollen jetzt länger arbeiten und dann noch freiwilligen Arbeit leisten.viele haben eine kleine Rente und würden sich gerne wenigstens die Krankenkasse dazu verdienen.ich hab bei der Pensionierung viel herum gefragt .nicht mal für Spesen gab es was.hab mein leben lang gearbeitet.so hab ich gedacht freiwillig mach ich nicht mehr mit.hab damals Frau Leuthard geschrieben.sie meinte da wird noch was geregelt.das ist 15 Jahre her.

  3. Besten Dank, Frau Güttinger und Frau Huber, für Ihren Kommentar. Darin drücken Sie was Wichtiges aus, denn gerade Frauen, die in Ihrer Berufs- und Familienphase viel unbezahlte Betreuungsarbeit geleistet haben, erhalten ein kärgliche Rente. Dabei wären sie aufgrund ihrer reichen Erfahrung prädestiniert für gemeinnützige Arbeit nach der Pensionierung. Aber da muss ein Honorar her. Freiwilligenarbeit ist nicht bloss was Schönes für «Gutbetuchte». Vgl. dazu den Artikel über das Sozialzeitengagement der Pro Senectute des Kantons St. Gallen unter https://seniorweb.ch/2022/05/08/sozialzeit-engagement/

  4. Zu den obenerwähnten Kommentaren, die ich nur unterschreiben kann, habe ich noch Zusätzliches anzufügen: Diejenigen, die Freiwilligenarbeit benötigen, müssen dafür der Organisation ein Honorar bezahlen. Die Freiwilligen gehen leer aus.

  5. «Freiwilligenarbeit» scheint mir ein irreführender Begriff. Die meisten arbeiten freiwillig und nicht unter Zwang. Die Berufsarbeit wird in der Regel aber entlöhnt.
    Viele Missverständnisse könnten vermieden werden, wenn konsequent von unentgeltlicher Tätigkeit gesprochen würde, darum geht es doch bei diesen Diskussionen.

    • Lieber Herr Bühler, unter «Freiwilligenarbeit» wird tatsächlich verschiedenes verstanden. Unter dem Titel «Das Wichtigste in Kürze» des Freiwilligen-Monitor Schweiz 2020 (vgl. S. 9 – 13) wird festgehalten, dass es in der Freiwilligenarbeit «verschiedenste Formen von Engagement und unterschiedlichste Tätigkeitsbereiche gibt und dass sich Motive, Potenziale, Herausforderungen und Unterstützungsmassnahmen jeweils stark unterscheiden können.» (S. 9). Dann wird zwischen formeller Freiwilligenarbeit in Vereinen und Organisationen und informeller Freiwilligenarbeit (46 % der Freiwilligen) unterschieden die «ausserhalb von Vereinen oder Organisationen Betreuungs- und Pflegearbeit leisten, anderen Personen beistehen oder bei Anlässen und Projekten mithelfen.» (S. 9). Freiwilligenarbeit werde «per definitionem unentgeltlich verbracht», aber bestimmte Formen gemeinnütziger Tätigkeiten werden «finanziell vergütet oder materiell entschädigt» (S. 11) und von den Befragten trotzdem als Freiwilligenarbeit empfunden.
      Bei der informellen Freiwilligenarbeit «handelt es sich oft um unbezahlte Care-Arbeit, und die Personen, die dabei betreut und gepflegt werden, sind häufig Verwandte oder Bekannte der Helfenden.» (S. 10) «Betreuungsarbeiten im familiären Umfeld können wegen bestehender moralischer Verpflichtungen streng genommen nicht als Freiwilligenarbeit gelten, selbst wenn die befragten Engagierten diese Dienste subjektiv als Freiwilligenarbeit empfinden und bezeichnen. Im Freiwilligen-Monitor wird deshalb zwischen informeller Freiwilligenarbeit im eigentlichen Sinne und informeller Freiwilligenarbeit im weiten Sinne unterschieden.»
      Sie sehen, lieber Herr Bühler, wie «Freiwilligenarbeit» definiert wird und was als Freiwilligenarbeit empfunden wird, ist oft nicht dasselbe. Es besteht also Klärungsbedarf.

  6. Dass die gut betuchten die in rente sind gern noch freiwillig was tun ist doch gut aber wenn ich sehe dass im altersheim solche dann arbeiten.und die die eine kleine rente haben keine chance haben sich was dazuzuverdienen ist doch was falsch daran.es sieht keiner hin .dass da was schräg lauft.

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