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Glücksgefühle

Das Glück ist wie ein Frosch, der von Zeit zu Zeit auf eine Seerose hüpft, habe ich in einem Gedicht geschrieben. Der Frosch wartet zufrieden im Wasser, bis der Moment kommt, wo er Lust hat, auf ein Blatt zu springen, um sich von der Sonne wärmen zu lassen. Ähnlich geht es dem Menschen, der zufrieden wartet, bis ihm das Glück hold ist. Vor mehr als vier Wochen kam eine Familie aus Kalifornien zu ihren Verwandten in die Schweiz mit dem Wunsch, wieder einmal Regen zu erleben. Schon mehr als fünf Monate war es wolkenlos trocken, einfach schrecklich schön. Jeder Tag wiederholte den vorigen. Die Hitze verwandelte die Landschaft in eine unfreundlich staubige Welt. Das Meer wurde so warm, dass es wenig Abkühlung bot. An dem Tag, als die Amerikaner auf dem Flughafen in Zürich ausstiegen, regnete es.

Am Freitag vor zwei Wochen fuhr ich mit der Bahn nach Rorschach und von dort dem Bodensee und dem Rhein entlang nach Schaffhausen. Als sich die Bahn vom Fluss entfernte und vor Schaffhausen über Land fuhr, betrübte mich zu sehen, was die Hitze angerichtet hatte. Die Wiesen waren braun, ganze Salatfelder lahmten so, dass das Gemüse weggeworfen werden musste. Die Maisfelder und das Korn blieben verstümmelt klein. Die Sonnenblumen senkten trostlos ihre Köpfe und strahlten eine unendliche Traurigkeit aus. Obwohl ich das langanhaltende schöne Wetter genoss, erging es mir bei diesem Anblick wie den Sonnenblumen auf den Feldern.

Auf einer weiteren Fahrt nach Appenzell, in das Dorf, das selbst bei Regen leuchtet, einzig die schmucken Fassaden und die Giebel der Häuser die Farben etwas zurücknehmen und blasser wirken lassen als im Sonnenlicht, fand ich den Ort poetisch hell. Ich schlenderte vom Bahnhof langsam durch die Gassen dem Landsgemeindeplatz zu. Ich war nicht der Einzige. Appenzell liegt in einer lieblichen Landschaft, umsäumt von den Bergen, über die ich schon gewandert bin. Sie blieben an diesem Tag wolkenverhangen und ich stellte mir das Alpsteingebirge wie hinter grauen Kulissen vor.

Auf der Fahrt zurück erlebte ich ein einmaliges Glücksgefühl. Es war plötzlich da. Ich legte das Buch, von dem aufblickend ich immer auch auf die Landschaft sehe, beiseite. Die Hügel unter der grauen Wolkendecke lagen in sattem Grün. Sanft zogen sie vorbei und änderten ihre beruhigende Farbe nicht. Nur die Landschaftsformen und die zerstreuten Bauernhäuser an den Hängen sorgten für Abwechslung. Das Grün erschien mir schöner als jeweils im Sonnenlicht. Im Grau des Tages hatten die Hügel kaum markante Konturen, aber das zart fliessende Grün, das die Hügel und ihre Wellenbewegungen in seltenem Gleichklang verband und die Dörfer fast zärtlich umspannte, löste in mir ein Gefühl von Harmonie aus. Ich hatte dies noch nie so intensiv erlebt und sagte mir: «Bist du nicht ein glücklicher Mensch!» Dieser eine Moment des selten erlebten Glücks, wo Ruhe herrschte, keine Sensation und nichts Lautes mich störte, erfuhr ich wie eine Oase in der weiten Welt. Wie schön war es, wenn es leicht regnete!

Nun sitze ich am PC, draussen leichter Regen und ein Grau, das die Landschaft vermummt. Das Gefühl von gestern ist nicht verklungen. Ich empfinde es mit einer seltsamen Leichtigkeit und mit einem nicht beschreibbaren Glück. Es besitzt eine Dauer, die die Gegenwart mit der Vergangenheit und einer hoffnungsvollen Zukunft verbindet. Als ich endlich auf meine App im Handy schaue, schlagen mir die Bilder und Berichte über gewaltige Zerstörungen von Starkregen entgegen. Menschen hatten Angst und Schrecken erlebt. Bei uns aber ist der Regen ein Glück. Ich stehe vom Schreibtisch auf, ziehe meine Regenjacke an, lasse den Schirm bewusst liegen und gehe aus dem Haus. Der wundersam heilende Regen tut der Erde und meiner Seele gut.

2 Kommentare

  1. Nach Ihren gefühlvollen Impressionen fehlt doch eigentlich nur noch ein Gedicht. Hier eines über das erlösende Nass:

    Regen

    Mensch nimmt in Kauf
    Hitzesglut.
    Atmet jetzt auf.
    Regen tut gut.

    Erde verdorrt.
    Jetzt gierig sie trinkt.
    Am dürren Ort,
    der Regen versinkt.

    Blumen verschmacht´t
    Haupt gesenkt.
    Über Nacht,
    Leben geschenkt.

    © Irmgard Adomeit, 2011
    Aus der Sammlung Natur

  2. Ihre Kolumne, Herr Iten, habe ich zum dritten Mal gelesen. Sie gefällt mir sehr und spricht mir aus dem Herzen. So gehaltvoll und poetisch! Danke!

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