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Die goldenen Riesen

Was wäre ein September ohne Sonnenblumen? Tournesol heissen sie im Französischen, weil ihre Blütengesichter im Tageslauf dem Stand der Sonne folgen. Von Sonnenblumen seien alle Pflanzenteile essbar, habe ich kürzlich gehört. Die Schnecken wissen das schon lange.

Wenn sich die Sonne ganz langsam etwas verabschiedet, die Tage kürzer werden, die Morgen nebliger, dann leuchten in den Gärten «Ersatzsonnen» auf. Die Sonnenblumen verleihen mit ihren Blüten auch dem trübsten Septembertag etwas Glanz. Obwohl jetzt Botaniker korrigierend einwenden würden, dass die Blütensonnen genau genommen nur Scheinblüten seien, die echten Blüten, die Röhrenblüten bilden zusammen den braunen Blütenboden.

Die wahren Blüten der Sonnenblumen, sogenannte Röhrenblüten. Daraus entwickeln sich die Sonnenblumenkerne. 

Sonnenblumen werden im Mai ausgesät, dann vor Schnecken geschützt, aufgebunden, vor Schnecken geschützt und ihnen zum Schluss eine richtig lange Stütze verpasst. Und dann vor Schnecken geschützt. Weshalb ich das so genau beschreibe? Weil Sonnenblumen zwar riesig werden können, schon mal um die zwei Meter hoch, aber trotzdem verletzlich sind.

Beliebtes Schneckenfutter

Die Schnecken lieben sie in fast allen Stadien. Ich habe es in regnerischen Sommern schon erlebt, dass die Schnecken einen richtig dicken Sonnenblumenstängel einfach durchgenagt haben, damit sie sich über die Blätter und Blüten hermachen konnten. Mussten wohl Biberschnecken gewesen sein.

Auch in dieser Saison musste ich drei Mal säen, bis die jungen Pflänzchen schneller wuchsen, als die Schnecken fressen konnten. Die Sommerhitze hielt dann zwar die schleimigen Biester fern, dafür trocknete der Boden so aus, dass die Sonnenblumen nicht mehr so richtig wachsen mochten. Und mit Giesswasser gehe ich sparsam um: Nur die Topfpflanzen und das Hochbeet werden damit versorgt, der Rest des Gartens muss sich selber „durchbeissen“.

Die Sonnenblumen orientieren sich nach der Sonne. Alle. Im Garten sollte man darauf achten. Sonst bewundert man vielleicht fast den ganzen Tag nur ihre Rückseiten.

Im Regen der letzten Wochen starteten sie dann aber nochmals durch. Und bald dienen die anmutigen Sonnenräder mit ihren braunen Gesichtern wieder als Futterstelle für die Vögel. Diese wissen gar nicht, welch mathematische Formel sie mit ihrem Picken zerstören, folgt doch die spiralförmige Anordnung der Sonnenblumenkerne den Fibonacci-Zahlen. Was heisst, und jetzt zitiere ich aus dem Internet, «dass der Winkel zwischen architektonisch benachbarten Samen bezüglich der Pflanzenachse der Goldene Winkel ist». Ohne fachchinesisch, dass die Samen so angeordnet sind, dass alle optimal Sonne bekommen. Auch die Blätter und Blütenstände richten sich nach der Sonne aus – deshalb der französische Name Tournesol.

Vielseitige Nutzpflanze

Die Sonnenblume hat aber noch einige andere verblüffende Eigenschaften: Alle Pflanzenteile sind essbar. Wurzeln, Blätter, Stiele, Blütenböden – diese können wie Artischockenböden gekocht werden – und natürlich die Kerne. Ihre Wurzeln reichen fast zwei Meter tief in die Erde und bilden dort ein dichtes Geflecht. Deshalb überstehen sie auch Trockenzeiten – wenn auch nur knapp, wie in diesem Sommer. Sonnenblumen stammen aus Nord- und Mittelamerika. In ihrer ursprünglichen Heimat nutzten bereits die Azteken die Pflanze. Sonnenblumenkerne und das daraus gewonnene Öl sind auch bei uns weit verbreitet – und könnten, bedingt durch den Krieg in der Ukraine, einem der grossen Lieferanten von Sonnenblumenöl, knapp werden.

In der Pflanzenmedizin werden die braunen Kerne, von denen es in einer einzigen Blütenscheibe bis zu 1000 Stück hat, als Mittel gegen Sodbrennen angepriesen. Sonnenblumenöl wirkt cholesterinsenkend Die gelben Blütenblätter sollen als Tee Atemwegsinfektionen lindern und die Konzentration stärken. Den Wurzeln von voll ausgereiften Pflanzen wird eine grosse Heilkraft gegen Nieren- und Gallensteinen zugeschrieben. Aber auch die grünen Blätter sind, zubereitet wie Spinat, essbar und die Stiele können, von den zähen Faser befreit, als Spargelersatz auf den Tisch kommen.

Ein natürliches Futterhäuschen. Sonnenblumen werden von viele Vogelarten geschätzt. (pixabay)

Dass die Sonnenblumen auch den Boden von Schadstoffen reinigen können, wissen wohl die Wenigsten, die in ihrem Garten die goldenen Riesen heranziehen. In Tschernobyl reinigten Forscher radioaktiv verseuchte Areale mittels Sonnenblumen, die in ihren Wurzeln grosse Mengen an Cäsium- und Strontium-Isotopen speichern können. Die Pflanzen wurden damit allerdings zu «Atommüll» und mussten entsprechend endgelagert werden.

Freuen wir uns also lieber an unseren Sonnenblumen, schneiden grosse Sträusse im Wissen, dass mit genügend Nährstoffen im Boden und Wasser immer neue Blütentriebe aus den Blattachseln treiben. Bis die dunklen Wochen des Jahres kommen und auch die kleinen Gartensonnen nach und nach verlöschen.

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