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Altwybersömmerli

Es verwundert mich nicht, dass der im PC eingebaute interne Korrektor, den Titel rot anstreicht. Das Wort ist weder geläufig noch entspricht es dem, was mein Vater unter Altwybersömmerli jeweils gemeint hatte. Er konnte den Ausdruck niemals abwertend verstehen, vielmehr freute er sich, dass seine betagte Mutter jeweils spät im Oktober noch kurz aufs Sonnenbänkli vor dem Haus sitzen konnte. Der Ausdruck scheint von althochdeutschen «weiben» zu stammen, das so viel hiess, wie Spinnfäden weben, knüpfen.

Dass mein Vater Altwybersommer so frisch von Leber weg sagte, war gängig. Niemals wäre ihm Altfrauensömmerchen aus dem Mund gefahren. Vaters Ausdruck hatte einen ganz und gar unschuldigen Ton. Er gehörte eben zu den überall selbstverständlichen Redewendungen. Jene, die gewissen Leuten heute despektierlich vorkommen, werden systematisch ausgerottet. Gottlob ist die Mundart in gewissem Sinne vogelfrei und lässt sich nicht bannen.

Wie dem auch sei. Ich machte mir das Vergnügen, das wie immer genannte oder zu nennende Sömmerchen, welches sich jeweils im Oktober meldet, für eine vergnügliche Fahrt zu nutzen. Ich fuhr mit dem Zug nach Flüelen und beabsichtigte, eine Schifffahrt nach Luzern zu machen. Der See lag unbeweglich im Schoss der Berge, deren Gipfel sich mit den Spitzen nach unten im Wasser spiegelten. Die stolzen Berge rechts und links schienen sonnengefleckt herausgeputzt und zeigten sich im Wasser wie matt gemalte Schönheiten. Ich war beglückt vom Anblick des sanften Farbenspiels im See. Als nach einiger Zeit der Wind das Wasser ganz leicht streichelte, begann der See zu tanzen. Die Sonnenflecken bewegten sich, als stiegen Wasserwesen aus der Tiefe auf. Undinen! Schöne anmutige Wesen und wunderbar natürlich. Sie sind Geister der Natur und verwirren den Menschen. Peter Rühmkorf besingt sie und rät: Zieh sie an Land, / die säuselnde Sirene; / frag nicht, wer dich belügt …

Als ich so am Ufer sass, dachte ich an das Leben eines Taugenichts, der mit seiner Geige fröhlich übers Land durch Länder streicht und vor einem Schloss zu fiedeln beginnt. In diesem Geiste bestieg ich mit vielen Menschen das Schiff und in dem Moment, wo die Schiffsirene mir durch Mark und Bein fuhr, war der Zauber vorbei. Wenn Hunderte das Gleiche tun, was weitere Hundert auch begehren, dann wird es halt eng für das Träumen. So stieg ich gegen meinen ursprünglichen Wunsch bald wieder vom Schiff und blieb, wo ich ausstieg dennoch in der Masse stecken. Ich fand im Restaurant am Quai nirgends ein freies Plätzchen, um das Mittagessen zu geniessen. Schliesslich setzte ich mich auf eine Bank, schaute begeistert auf das Massiv des Urirotstock und dachte, dass Undinen die Träume nur bevölkern, wenn man allein ist.

Mein Vater hätte dieses Oktoberwetter auch als Altmännerwetter bezeichnen können. Sein buschiges Haar war grau, aber es hatte halt nicht die feinen Seidenfäden eines Frauenhaars. Der Blick auf die unverrückbaren Berge stimmte mich weltfromm. Ich fand an ihnen Halt und vergass die Masse, die mir an diesem von mir sensibel gestimmten Tag zu laut war. Meine Hoffnung ist, dass uns der November noch ein Martinisömmerchen schenken wird.

2 Kommentare

  1. Herzlichen Dank, Herr Iten, für Ihre erneut wunderschöne Kolumne! Ich liebe den Vierwaldstättersee, wo ich gerne am Wasser, auf dem Wasser und ab und zu im Wasser die grandiose Natur geniesse. Der Urnersee mit dem spektakulären Reussdelta ist zu jeder Jahreszeit ein Juwel. Der Altweibersommer könnte ewig dauern….

  2. Letzte Woche war ich mit einer Meditationsgruppe im Wald.Eine halbe Stunde sassen wir, jede Person für sich allein, zwischen Buchen und Tannen und ich liess den Zauber und die Mystik dieses wunderbaren Morgens auf mich wirken. Es waren die kleinen Dinge, die mich berührten und von Herzen glücklich machten. Mehr solche kostbare Momente sollten wir uns öfter gönnen.
    Danke , Herr Iten für diesen wertvollen Beitrag .

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