StartseiteMagazinLebensartSkyros – Insel im wilden Westen

Skyros – Insel im wilden Westen

Die Sporaden in der ostgriechischen Ägäis sind schön und wild. Und sie kennen noch keinen Massentourismus. Was sie auszeichnet, sind eine üppige Vegetation und ursprüngliche Städtchen. Ausgedehnte Kiefernwälder, feine Strände und eine abwechslungsreiche Landschaft sind ihre Stärken.

Der Begriff Sporaden bedeutet „die Verstreuten“. Wir haben die nördliche Gruppe mit den vier Inseln Skyros, Skiathos, Skopelos und Alonnisos kennen gelernt. Sie liegen alle zwischen der Insel Euböa und der türkischen Küste.

Euböa und die Sporaden. Bild: Bgabel, CC BY-SA 3.0

Von Athen nach Chalkida und weiter auf der grossen Insel Euböa sind es etwa 150 Kilometer bis Kymi. Skyros, unsere erste Insel erreichen wir mit der Fähre von diesem Hafen aus.

Abfahrt von Kymi Plateia

Erstaunlich viele Autos und Lastwagen warten noch oder rollen schon donnernd über die Auffahrtsrampe. Die Passagiere drängen ins Schiff. Der kontrollierende Matrose will unsere Billette nicht akzeptieren. Auf unseren Fahrkarten stehen griechische Namen, obwohl wir ja leicht als Touristen zu identifizieren sind. Er will uns zur Ticketausgabe zurückschicken, was angesichts des Ansturms der Passagiere mehr als nur mühsam wäre.

Auf der Fähre: Wer seinen Platz gefunden hat, kann sich entspannt zurücklehnen.

Wir wehren uns, er berät sich mit einem Offizier und winkt uns kopfschüttelnd endlich durch – der Fehler geht auf das Konto der Ausgabestelle. Gültig sind nur personalisierte Tickets. Wenn etwas passieren würde, geht mir durch den Kopf, wären wenigstens die Namen der Opfer bekannt – wie bei einem Flugzeugabsturz.

Ankunft im Hafen von Linaria auf Skyros

Es ist schon dunkel, als wir im Hafen von Linaria einfahren. Eine Idylle: im Halbkreis um die Piers liegen hell beleuchtet die Tavernen. Nach der Fahrt in der Dunkelheit eine Abwechslung. Wenig Gäste – und die griechischen Lammbuletten mit Anissauce und Zitronenkartoffeln schmecken.

Am nächsten Morgen erlauben wir uns vor der ersten Entdeckungsreise ein ordentliches Frühstück. Aus der Bar gleich neben dem Hotel sehen wir, wie die morgendliche Fähre ablegt. Das heisst auch, der Linienbus zum oben in den Bergen liegende Hauptstädtchen Skyros Chora ist ohne uns weggefahren.

Skyros Chora – eine Landschaft wie in den Kykladen, weisse Häuser und oben Kloster und Burg. Bild: Wikimedia Commons

Zum Glück finden wir ein Taxi, das uns hinauf in die Chóra bringt, wie in Griechenland das in den Hügeln liegende Hauptdorf heisst. Bis zum Rand des Ortskerns – nun ist Gehen angesagt. Der Ort mit engen und steilen Gassen und Treppen gilt als eines der schönsten KLeinstädte der Ägäis. Das Städtchen ist terrassenartig um einen kegelförmigen Felshügel gebaut. Von diesem Felsen soll Theseus hinabgestürzt worden sein, erzählt uns der Taxifahrer. In den Gassen überholen uns Motorradfahrer, steigen artistisch, aber mit gehörigem Geknatter, die engen Treppen hoch, indem sie die zwischen den Stufen eingesetzten kleinen Steinrampen benützen. Die gut unterhaltenen und kunstvoll ausgestatteten Häuser bis hoch hinauf zum byzantinisch-venezianischen Kastro sind offensichtlich mehrheitlich Ferienwohnungen. Auf kleinen Terassen blühen noch Bougainvilleas und Oleander.

Blick nach Nordwesten: Hier oben auf dem Burgberg ist es fast still.

Unter der Burg lieg das Kloster des Heiligen Georgios Skyrianos. Er ist auch der Hauptheilige Griechenlands. Offensichtlich ist heute sein Gedenktag. Gläubige kommen mit grünen Büscheln von Kräutern in der Hand aus den Kirchen. Der Kirchendiener oben beim Kloster fordert für alle die Schutzmaske und bittet die Frauen, eine Schürze zu tragen – trotz langer Hosen. Durch einen dunklen Gang gelangt man hinein in die Festung, erbaut aus Zyklopensteinen.

Ikonostase in der Kastro Kapelle

Auf der anderen Seite der Stadt besuchen wir das sehenswerte private Faltaits-Museum, das Kunsthandwerk, Malerei und eine grosse Keramik-Ausstellung zeigt. Spannend ist eine Vitrine mit Exponaten der Volkskunst.

Im Faitais-Museum: Geschichte und Brauchtum

Dabei stossen wir auf eine unerwartete Entdeckung. In einer Vitrine werden Fasnachtskostüme gezeigt, die frappant an die Silvesterchläuse im Appenzellerland mit ihren „Wüeschten“ und «Halbwüeschten“ erinnern. Es sind Figuren des Fasnachtsbrauchs (griechisch Apokriá) auf Skyros. In den Kostümen stecken Männer, die zu einem langen, klagenden Lied Schrittfolgen ausführen, während ein als Braut verkleideter Mann um sie herum tanzt.

Glockenmänner oder auch Jeri (alte Männer) mit ihren Schellen. Einmal fotografiert…

In ganz Griechenland ist der urtümliche und mystische Karnevalsbrauch auf Skyros bekannt. In Ziegenhaarjacken mit Kapuze verhüllte furchteinflößende Gestalten mit Fratzenmasken ziehen mit Lärm und Getöse durch die Gassen. Sie haben Ziegenfelle über den Kopf gestülpt und Dutzende von schweren Ziegenglocken umgeschnallt, die sie durch Tanzen und Springen rhythmisch scheppern lassen. Oben soll der Jeros wie ein Tier (eine Ziege) aussehen, unten wie ein Mensch, genauer wie ein Hirte.

… einmal auf einer Grafik aus der Museumssammlung.

Die Jeri mit ihren taillenlangen zotteligen Kapuzenjacken, Hirtenstöcken und mehrreihigen grossen und kleinen Viehglocken und Schellen müssen kräftig sein. Je nach Träger können die Glockengürtel bis 30 Kilogramm wiegen.

Am nördlichen Ende des Strandes von Molos neben Gyrismata gibt es die enigmatische Kapelle von Agios Nikolaos.

Am Nachmittag wandern wir zum ehemaligen Marmor-Steinbruch Pouria im Nordosten der Stadt. Unter einem Felsklotz wurde eine kleine Kirche ausgebrochen – eine urtümliche Szenerie. Stehen gelassene Marmorrippen und aus dem Felsen geschlagene Wannen und dahinter eine weitere Kapelle runden das Bild ab.

Der Fischerhafen von Linaria

Bald liegt Skyros hinter uns, denn wir wollen zwei weitere Inseln der Sporaden besuchen und darüber berichten, nämlich Skiathos und Skopelos.

Titelbild: Meerblick auf Skyros
Bilder: Justin Koller

Zwei Webadressen für Reiselustige:
– Hellas 365
– Feelgreece

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1 Kommentar

  1. Seit Jahren bester Artikel über eine griechische Insel Und nicht Mykonos, sondern die Sporaden, die noch
    kaum touristisch zerstört sind. Ich kenne Skiathos und Skopelos, danke für Skyros, zum Entdecken ideal!

    Ich bin völlig neu in Seniorweb, habe noch nie einen Kommentar abgegeben, nirgends!

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