FrontKolumnen„Pardon Erwin, du riechst etwas streng“

„Pardon Erwin, du riechst etwas streng“

Seniorinnen und Senioren und Körpergeruch. Das ist ein heikles Thema. Wir gehen es hier mit der nötigen Rücksicht und Souplesse an.

Der Autor outet sich. Als Jugendlicher war ich überzeugt, dass alte Leute, pardon, stinken. Dabei hatte ich es bei meinem Eltern und Grosseltern gar nie so erlebt. Pubertieren entschuldigt eben fast alles, Erwachsenwerden macht übergriffig. Der Grossvater, Kunstschlosser, hatte nach seiner Pensionierung bei uns zuhause eine kleine Werkstatt. Dort, hämmerte, lötete und schweisste er. Metall, Feuer, Oel, das gab den Grossvater-Duft, unverwechselbar und gar nicht störend, im Gegenteil. Der Vater roch nach Brusthaar, etwas Schweiss und Rössli-Stumpen, auch nicht schlecht.

Friede, Freude, Wohlgeruch also? Nein, das dann doch nicht. Ich wollte das Urteil/Vorurteil über die olfaktorischen Immissionen alter Leute untersuchen (vgl. Fremdwörter-Duden). Gar nicht so einfach. „Hallo Erwin, grüss Gott Frau Ägerter … äh… riechen Sie, riechst du, nicht etwas streng?“ Nein, da geht zu viel Porzellan kaputt.

Ich suchte nach Erkenntnis in meinem engeren Bekanntenkreis, bei jenen älteren Leuten, die sich bei einer solch intimen Frage nicht gleich angewidert abwenden. Und siehe da: Alle erklärten, dass sie bei sich selbst mehr Körpergerüche wahrnehmen als früher.

Wir fragen die Wissenschaft

Sie, die Wissenschaft, hat vorerst eine einfache Antwort: Anhand des Körpergeruchs kann man das Alter bestimmen, sagt sie. Ach herrje, wir tätigen Grosseltern wissen das allerdings schon längst. Kleine Kinder, vor allem Babys, riechen anders. Nein, wir meinen nicht die Windeln. Ein US-amerikanisches Forscherteam hat nun aber noch weitere Erkenntnisse gewonnen. Nämlich, dass wir erst bei den über 75-Jährigen einen anderen Geruch wahrnehmen.

Wer sagt, dass nur Seniorinnen und Senioren Probleme haben?

Wir stellen uns die dafür nötigen Experimente wie Weinproben vor: Schnüffeln, nachdenken, schnüffeln. Oder, wieder zurück zu den eigenen Erfahrungen: Im Seniorenheim oder zu Besuch bei Betagten, rümpfen wir zwar höflicherweise nicht die Nase, nehmen aber einen ungewohnten Geruch wahr.

Wir fragen nach den Gründen

Meine persönlichen Schnüffeleien ergeben, dass die meisten Ü65 bei sich selbst Veränderungen wahrnehmen. Die zitierte US-Studie hingegen stellt das erst bei den über 75-Jährigen fest. Sicherheitshalber gehen wir davon aus, dass alle, oder wenigstens viele, im Rentenalter ihren Körpergeruch anders wahrnehmen.

Ausstrahlung ist gut. Ausscheidungen sind es weniger. Wir benennen die Schuldigen. Stoffwechsel. Wir Senioren haben häufiger Organstörungen, zum Beispiel der Niere und Leber. Wenn Ältere nach Urin riechen, müssen sie nicht unbedingt inkontinent sein. Sie können auch unter einer gestörten Nierenfunktion leiden.

Fast alle kennen das: Wenn wir Knoblauch gegessen haben, sind wir nur beschränkt sozialtauglich. Daran ist nicht unser Atem schuld – der Geruch wird über die Haut abgegeben. Wenn wir die Ernährung umstellen, kann dies zu Körperausdünstungen führen. Es muss nicht Knoblauch sein.

Weil wir uns weniger bewegen, duschen oder waschen wir uns nicht mehr so oft und  wechseln die Wäsche in längeren Abständen. Wir werden aber auch nachlässiger, weil wir unseren Körpergeruch weniger intensiv wahrnehmen. Im Alter nimmt unser Geruchsempfinden ab.

Alte Möbel, alte Teppiche oder Tapeten entwickeln eigene Geruchsnoten. Weil wir frieren oder nicht daran denken, lüften wir unsere  Räume ungenügend. Dies führt dazu, dass die Kleider abgestandene Gerüche aufnehmen.

Wir haben kein geeichtes Geruchsempfinden. Was dem einen ein duftender Rosengarten, ist der anderen ein gegülltes Feld. Das ist zugespitzt. Aber ganz sicher beeinflussen unsere Gefühle unsere Wahrnehmung. Wenn sich diese verändern, können wir plötzlich den anderen nicht mehr riechen, auch wenn sich dessen Geruch gar nicht verändert hat.

Wir wissen uns zu helfen

Jetzt gehts am Schluss noch darum, was wir tun können. Eigentlich wissen wirs. Duschen (aktuell zu zweit, keinesfalls baden), Kleider wechseln und waschen (aktuell nicht über 40 Grad). Lüften (aktuell stosslüften). In Notfällen: Deo. In besonders dringenden Notfällen: Abstand halten.

Wir bekommen Antworten von der Wissenschaft

 Bild: Pixabay. Video: Life goes on

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