FrontKolumnenWie Sport verbindet und trennt

Wie Sport verbindet und trennt

Wie Sport verbindet und trennt, darüber diskutierten wir Ende November im Sissacher Kulturhaus Cheesmeyer. Selbstverständlich interessierte dabei auch die Fussball-Weltmeisterschaft (WM), die derzeit für Kontroversen sorgt. Medien erhellten bereits viel.

Das Strassenmagazin Surprise (20.10.2022) wollte von Murat Yakin im Vorfeld der WM wissen, was ihm der Sport bedeutet. «Ich lernte demütig sein,» erklärte der Nationaltrainer und ergänzte, «Ich bin in zwei Kulturen aufgewachsen, durch den Sport durfte ich weitere kennen lernen.» Und der Fussball habe dann eben die Integration gefördert. Der Sissacher Moritz Kamber kennt das. Er stammt aus einer neunzehnköpfigen Familie, fühlte sich in der Jugend immer wieder diskriminiert und hat, wie seine Brüder, im Eishockey reüssiert.

Walter Mundschin pendelte schon als Junior von Sissach ins Training zum FC Basel, für den er bis 1978 in der ersten Mannschaft spielte. Im Schweizer Nationalteam gelang ihm gegen Schottland (1973) das einzige Tor. Zum heutigen Nationalteam sagte er: «Schon die vielfältigen Namen zeugen davon, wie der Sport integriert.» Ja, fast alle, die über den Fussball gross geworden sind, haben einmal auf multi-kulturell belebten Plätzen klein angefangen. So auch Peter Tschudin, zusammen mit Migrierten aus Italien. Neben Fussball (und Eishockey) spielte der Sissacher Schmied noch mit einem sozial stark gemischten Team in der Handball-Nationalliga. Später lernte er als Metallbau-Unternehmer die Härten auf Katars Baustellen kennen.

«Falsches Bild von Katar», schrieb Rita Schiavi in der Gewerkschafts-Zeitung Work vom 4.11.2022. Die langjährige Funktionärin der Gewerkschaft Unia reagierte auf Jean Ziegler. Der Soziologe kritisierte in der Work-Ausgabe vom 21.10.2022 das «Fussballfest im Sklavenstaat», in das «viele Millionen Dollar an Korruptionsgeldern flossen.» Zudem seien seit der WM-Vergabe von 2010 über 6500 Bauarbeiter gestorben. Aber nein, entgegnete Schiavi, sie habe bei Inspektionen festgestellt, wie sich die Situation in Katar verbessert habe. «Insbesondere auf den Baustellen war die Sicherheit gut. Es hat weniger tödliche und schwere Unfälle gegeben als auf Schweizer Baustellen.» So Schiavi, die sich am 1.11.2022 schon im Tele Basel-Talk gegen einen Boykott der Fussball-Weltmeisterschaften aussprach. Das Online-Magazin Bajour erkürte sie dafür tags darauf zur Baslerin des Tages.

Daniel Woker, der frühere Schweizer Botschafter am Persischen Golf, hält die WM in Katar für Unsinn. Im Unterschied zum Krimi-Autor Wolfgang Bortlik, rief er im Kulturhaus Cheesmeyer zu keinem Boykott auf, erinnerte aber an die kurze Geschichte des autokratischen Landes ohne Gewaltentrennung, das eine Vorliebe für Falkenjagd habe. Mit seinen Erdgas-Milliarden handle der Familien-Staat, der eigentlich ein Unternehmen sei, auch über Schweizer Banken mit Sportclubs.

Wichtige Akzente für mehr Fairness setze der Frauen-Fussball. Davon zeigte sich die Trainerin Johanna Aeschbach überzeugt. Aus Sicht der ehemaligen Nationalliga-Spielerin überwiegt im Sport die gegenseitige Anerkennung, trotz gewalttätigen Ausschreitungen, forcierter Rivalität und Nationalität. Nun, dass Konflikte sogar verbinden können, ist mir aus der Friedensforschung bekannt, kommt aber selten von alleine. Im Sport engagieren sich Unzählige für ein soziales Miteinander. Damit sich jene verbindende Demut weiter verbreitet, die Murat Yakin verkörpert, sind demokratische Revolten bei der FIFA und im trennenden kommerziellen Profitum bitter nötig.

Titelbild: Ueli Mäder. Foto: © Christian Jaeggi

Das nächste Gespräch im Kulturhaus Cheesmeyer (Hauptstrasse 55, Sissach) findet am Donnerstag, 15. Dezember 2022 von 19.00-20.30 mit Benjamin Schenk statt. Der Professor für Osteuropäische Geschichte geht auf Hintergründe des Krieges in der Ukraine ein.

2 Kommentare

  1. Mit Ihrem letzten Satz bin ich völlig einverstanden und, dass Frauen im Sport langsam Fuss fassen können und dabei Fairness und Teamgeist hochhalten, ist ein grosser Fortschritt in dieser Männerwelt.
    Was ich als Feministin und nicht an Sport interessierte, nicht verstehe, warum ist der Fussball, der Sport allgemein, dermassen immer und so präsent in unserer Gesellschaft? Warum waren es noch bis vor kurzem vor allem die Männer, die Sport ausübten und damit ein Riesengeschäft mit vielerlei Abhängigkeiten und neue Helden schufen? Aus welchen Gründen verdient der Sport, mit all seinen Schattenseiten, diese öffentliche Aufmerksamkeit und Toleranz gegen Verstösse?

    Diese Fragen erinnern mich an die vergangenen und aktuellen Gemetzel auf Kriegsschauplätzen. Krieg ist in der Regel Männersache und, von einigen Ausnahmen abgesehen, ebenfalls von Männern initiiert. Frage: Ist der Sport die (fast) gewaltfreie und der Krieg die gewalttätige Art, ein «echter» Mann zu sein und trotzdem intensive Gefühle wie Hass und Glückseligkeit für alle sichtbar zuzulassen? Sport und Krieg beinhalten immer Wettbewerb, Aggressivität, Leistung, Gier nach Anerkennung, Macht und Profit. Ich frage mich, wären Frauen auch in diesem Ausmass gewalttätig wie Männer, wenn man(n) sie nicht Jahrhunderte lang mit Gewalt unterdrückt hätte?
    Anmerkung: Jede zweite Woche wird eine Frau in der Schweiz durch ihren (Ex)Partner ermordet und die Frauenhäuser sind schweizweit voll, der Staat will kein Geld für notwendige Anpassungen und Unterstützungen ausgeben.
    Das Thema Gewalt an Frauen durch Männer, übrigens auch im Sport, hätte m.E. ein weit grösseres Potenzial, das Zusammenleben auf diesem Planeten zum Besseren zu verändern, als das der Sport oder Kriege jemals vermögen.

    • Liebe Frau Mosimann
      vielen Dank für Ihre wichtige Rückmeldung. Ich lasse Ihre bedenkenswerten Fragen gerne so stehen und äussere mich nur ganz kurz – quasi assoziativ fragmentarisch: Wie der Teamsport verbinden kann, erlebte ich selbst aus einer randständigen Position. Drum bin ich dem Sport sehr dankbar. Dass die spielerische Rivalität in Brutalität kippen kann, ist leider wahr. Zumal der Sport die Konkurrenz auch reproduziert, die unsere geldgetriebene Gesellschaft forciert. (Wir lernten sogar in der Handball-Nationalliga zu foulen, ohne dass es der Schiedsrichter merkt.) Ich fragte mich immer wieder: Was verliere ich, wenn ich nicht gewinne? Das half – ein wenig, die Bedeutung von Sieg und Niederlage zu relativieren, die oft chauvinistisch überhöht ist. Und sich in der Nestwärme von Stadien steigert, die auch Geborgenheit vermitteln. Erfreuliche kulturelle Vielfalt erlebe ich immer wieder auf den hinteren Plätzen grosser Stadien. Das ist aus meiner Sicht für den sozialen Zusammenhalt von unschätzbarem Wert.
      Alles Gute und beste Wünsche.

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