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Vereint in den Vereinen

Die Menschen im urnerischen Maderanertal haben gelernt, in der Abgeschiedenheit zu leben – sie pflegen die Gemeinschaft und die Vereinstätigkeit intensiver als anderswo im Land. Eine Reportage aus dem spannendsten Tal der Zentralschweiz.

Wie wäre es denn mit dem Maderanertal? Fragt mich mein Kollege auf meine Frage, ob er ein abgelegenes Tal in der Zentralschweiz kenne. Und wunderschön sei es da überdies.

Das Maderanertal also. Gemäss Wikipedia liegt es im östlichen Seitental des Reusstals, am nördlichen Fusse des Gotthardmassivs und ist seit 1977 im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung. Auf Nachfrage bei der Einwohnergemeinde Silenen heisst es, dass die Gemeinde Bristen im Maderanertal, die wie Amsteg zur politischen Gemeinde Silenen gehört, derzeit ganze 447 Einwohnerinnen und Einwohner zählt.

Kennst du das Maderanertal,
das schönste Tal im Urnerland,
wo Bäche rauschen, wo Tannen lauschen,
dem hohen Liede der Natur,
wo Gottes Spur sich zeiget überall,
da ist mein schönes Heimattal,
mein liebes Maderanertal.

Ein Tal, das derart blumig besungen wird wie in diesem Volkslied, da wollen wir hin. Um zu sehen, ob die Menschen da wirklich so abgeschieden wie vermutet leben und womöglich deswegen auch etwas eigen sind. Um mit eigenen Augen zu sehen, wie es sich lebt in diesem wildromantischen Tal.

Ein erstes Mal zum Staunen kommen wir bei der Fahrt von Amsteg hinauf nach Bristen. Vor über 100 Jahren für den Fuhrverkehr angelegt, führt die enge Strasse buchstäblich den Fels hinauf. Mehrere halsbrecherische Tunnelkehren sind es, die wir bewältigen müssen, bis wir Bristen erreichen. Und wir fragen uns, wie das wohl in früherer Zeit gewesen sein muss, als die Menschen noch zu Fuss hier hinaufkamen und nicht per Auto oder Postauto. Das Bergdorf Bristen bildet der ideale Ausgangspunkt, die eindrückliche Natur und Bergwelt im Urnerland zu geniessen.

Wir steigen im Gasthaus Alpenblick ab. Auch, weil sich das sagenhafte Hotel Maderanertal ganz zuhinterst im Tal bereits in den letzten Oktobertagen in seine Winterpause verabschiedet hat. Obwohl theoretisch ebenfalls geschlossen, lässt uns das Wirtspaar Margret und Heinrich Tresch im Alpenblick übernachten.

Einwanderer aus Madrano

Bei einem Kaffee geben uns die beiden bereitwillig einen ersten Einblick in Leute und Leben des Tals. Sie sagen uns, dass das Tal vor vielen Jahrhunderten noch Chersolon, dann Kerstelental (benannt nach dem Chärstelenbach) geheissen hatte. Bis im 15. Jahrhundert Leute aus Madrano (heute zu Airolo TI gehörend) über die Alpen nach Altdorf und ins Tal einwanderten. Hans Jakob Madran war es, der von der Obrigkeit die Abbaukonzession für Eisenerz erhalten hatte. Das in nur schwer zugänglichen Steilhängen im Windgällengebiet gewonnene Erz sei dann auf Kuhhäuten des Winters in einen grossen Schmelzofen in Hinterbristen verbracht und dort verarbeitet worden. So entstanden später zum Beispiel Hellebarden, Nägel, Kreuze und Anderes. Weil die Madraner Arbeit ins Tal brachten, habe man schon bald nur noch vom Maderanertal gesprochen, sagt Heinrich Tresch (80). Bis heute.

Das Ehepaar Tresch wirtet zusammen schon 60 Jahre. Kennengelernt haben sich der Bristener und die zwei Jahre jüngere Schwyzerin in Andermatt, einer seiner Stationen als Koch und Gastwirt. Einige Jahre – bis Mitte der 1980er Jahre – stand Tresch sogar am Herd der Basler Traditionsbeiz Hasenburg, während dem der eigene Betrieb in Bristen verpachtet war. Vor ein paar Jahren kam das Paar zurück und führte den Alpenblick (wenn auch in reduziertem Umfang) weiter. Die vier Gästezimmer können sie ebenso bewältigen wie die Tatsache, dass sie jeweils morgens ihr Lokal öffnen, damit die Dorffrauen und ein paar Männer am runden Tisch ihren Kaffee trinken und sich über das neueste im Tal austauschen können.

Heinrich Tresch, Wirt im Alpenblick

„Im Tal bleibt nicht lange etwas geheim“, sagt Heinrich Tresch. Wenn jemand zum Zahnarzt müsse oder sonst was passiert sei, wisse es sofort das ganze Tal. Wir werden an seine Worte denken, als wir Stunden später auf dem Heimweg sind von unserem Ausflug zum Golzernsee und angesprochen werden mit den Worten „Ihr seid sicher die beiden Reporter aus Basel…“.

Wir ahnen ein erstes Mal: Nein, das Tal ist mitnichten abgeschottet. Und doch, die Menschen sind liebenswürdig und pflegen die Gemeinschaft wie kaum irgendwo. Ein Blick auf die Vereinsliste der Gemeinde Silenen zeigt eindrücklich die grosse Vereinsvielfalt.

Dann gibt Heinrich Tresch uns noch ein paar Tipps mit auf den Weg, was wir uns unbedingt ansehen sollten und wen wir treffen sollten. Und er verrät uns, dass es in Bristen noch bis vor Kurzem keine Hausnummern gegeben hat. Und doch habe jeder im Dorf gewusst, wo zum Beispiel er, „s Schwarze Heiri“ zuhause sei.

Tresch, Jauch, Fedier, Gnos

Apropos: Personen mit Familiennamen Tresch gibt es in Bristen gemäss Angaben der Gemeindeverwaltung deren 82 – inklusive dem bekanntesten Kopf, dem ehemaligen Skirennfahrer Walter Tresch (74). Damit ist dieses Geschlecht im Tal am meisten verbreitet, knapp vor Jauch (80 Personen), Fedier (36) und Gnos (33). Um die Treschs besser unterteilen zu können, werden sie noch heute in Weisse, Rote und Schwarze unterschieden. Dies, sagt er schmunzelnd, habe weder mit politischer Gesinnung, noch mit Religionszugehörigkeit zu tun. Stattdessen mit der Haarfarbe der Sippen: „Ich gehöre zu den Schwarzen, obwohl ich mittlerweile weisse Haare habe…“. Zu den „weissen Treschs“ gehören die Blondschöpfe, die „Roten“ sind selbsterklärend.

Die Familien im Tal seien halt früher sehr kinderreich gewesen, erklärt Tresch. 14 oder mehr Kinder pro Familie seien durchaus üblich gewesen. Heute jedoch sei dies nicht mehr der Fall. Immerhin reiche es zum Glück noch, um die Primarschule im Dorf halten zu können. Aktuell werden in Bristen 39 Kinder vom Kindergarten bis zur 6. Klasse unterrichtet. 13 Kinder besuchen die Oberstufe in Silenen. Als er noch zur Schule gegangen ist, habe er einen einstündigen Schulweg gehabt. Nach der Mittagssuppe – gekocht von der Sigristenfamilie für alle Kinder – habe man sich wieder auf den Heimweg machen dürfen.

Bevor wir uns aufmachen zu unserer Erkundungstour, erzählt uns „s Schwarze Heiri“ noch, dass das Ziel des seit 1951 alljährlich an Auffahrt stattfindenden Velo-Bergrennens Silenen-Amsteg-Bristen genau vor dem Alpenblick sei. Die schnellsten schaffen es jeweils unter 13 Minuten, die Kehren hinaufzuwuchten. Dann lässt er uns ziehen mit dem Versprechen, extra für uns ein Nachtessen zu kochen: Kutteln mit Rösti.

Kennst du das Maderanertal,
das schönste Tal im Urnerland,
im braunen Häuslein, die schmalen Geisslein,
sie trippeln froh auf dem Gestein,
da weilen auch so gern wir Bristner all,
im herrlich schönen Heimattal,
im lieben Maderanertal.

Bei schönstem Herbstwetter lassen wir uns von Luftseilbahn Golzern zum gleichnamigen Weiler hinaufbefördern. In der Kabine hat es Platz für 8 Personen und pro Jahr seien es um die 60 000 Leute, die die Bahn nutzen, wie uns der Bahnwärter Christian Jauch (30) erklärt.

Der Golzernsee, im Hintergrund der «Gross Düssi»

Beeindruckt von der prächtigen Bergkulisse und dem tiefblauen Himmel – der „Gross Düssi“ (3256 m ü. M.) trägt bereits eine weisse Haube – wandern wir genüsslich zum Golzernsee. Jetzt, im Herbst, sind es nur noch vereinzelte Wanderer oder hie und da Biker, die den kleinen See umwandern oder weiterziehen. In den Sommertagen, sagt Walter Jauch (67), Gastwirt des Restaurant Golzernsee, komme es teilweise zu „regelrechten Völkerwanderungen“, und im See werde gebadet. Auf der Sonnenterrasse seines Lokals machen wir Bekanntschaft mit zwei rastenden Bikern. Und wir vereinbaren einen Besuch tags darauf beim Hobbystrahler und Bienenzüchter Hansruedi Fedier.

Bernhards’s Wyyberkapelle

Bevor wir die Gondel nach unten wieder besteigen, wagen wir einen Abstecher zu Bernard Jauch (71), denn es ist uns zu Ohren gekommen, dass er bis vor Kurzem im Tal für volkstümliche Klänge gesorgt hat. Zuerst, sagt der rüstige Rentner, habe seine Tochter Martina begonnen, Handorgel zu spielen. Weil er in jungen Jahren selber auch gerne gespielt hätte, aber es keine Möglichkeit dazu gab, hat er sie jeweils nach Schattdorf zum Örgelilehrer gefahren. „Mit der Zeit habe ich halt auch angefangen damit – und weitergemacht, als sie damit aufhörte“, berichtet Bernhard Jauch.

Bernhard Jauch tritt mit «Bernhards Wyyberkapelle» an zahlreichen Anlässen auf.

So kommt es, dass Bernhard sich mit den beiden Handörgelerinnen Therese Loretz und Anni Lussmann sowie der Kontrabassistin Ruth Epp zusammentut, gemeinsam übt und gut anderthalb Jahrzehnte als „Bernhard‘s Wyyberkapelle“ an zahlreichen Anlässen nicht nur im Maderanertal auftritt. Weil er noch ins Tal müsse, fahren wir zusammen mit Bernhard zu Tal. Unterwegs erzählt er schmunzelnd, wie er jüngst mit einer flight attendant hinaufgefahren sei, diese sich aber sofort angsterfüllt platt auf den Gondelboden gelegt habe. Und auch TV-Mann Roman Kilchsberger sei zwar rauf-, aber auf keinen Fall mehr runtergefahren. So habe dieser notgedrungen ins Tal laufen müssen.

Wir lassen uns runterfahren, auch, weil unser Magen mittlerweile knurrt. Die Vorfreude auf die Kutteln mit Rösti im Alpenblick ist gross. Nach dem vorzüglichen Znacht, gekocht von Heiri Tresch, brechen wir auf, um etwas mehr über das Kulturelle und das Vereinsleben im Tal zu erfahren.

Kennst du das Maderanertal,
die schönste Maid im Urnerland,
heisst s’Fränzi, s‘Trini, s‘Marie und s‘Fini
sie alle sind so lieb und hold,
um alles Gold tausch ich den Schatz nicht aus,
ich führe ihn ins Vatershaus,
ins liebe, treue Vaterhaus.

In der Schulhausgarderobe treffen wir zunächst auf Eliane Jauch (36). Die schulische Heilpädagogin und Psychomotoriktherapeutin leitet seit drei Jahren als Präsidentin den Theaterverein Maderanertal. Sie ist für uns der lebende Beweis, dass man im Tal überall dort mitmacht, wo einem das Herz steht und wo man seine Kollegen und Kolleginnen hat. (Drinnen auf der Bühne sind die Hornisten des Musikvereins – darunter auch Elianes Bruder Guido – am Proben).

Chatzämüüsig und Kirchenchor

Die quirlige junge Frau, die zwar mittlerweile in Altdorf lebt, kommt oft und gern nach Bristen: Sie war aktiv in der „Düä Bäbä Guggä Bristä“ und im Skiclub Maderanertal. Zudem unterstütze sie viele andere Vereine mit ihrer Passivmitgliedschaft und sei immer dann da, wenn in Bristen etwas los sei. Selbstverständlich nehme sie auch an der Chilbi, am Musikabend und am Theaterabend teil – da als aktive Theaterspielerin. Ein Highlight sei zudem die Fasnacht in Bristen, sagt Jauch: „Sie ist fester Bestandteil der Urner Tradition.“ Neben der erwähnten Guggenmusik gibt es auch die „Chatzämüüsig“, die den traditionellen Urner Katzenmusik-Marsch spielen bei ihren Umzügen.

Vielseitig engagiert: Eliana Jauch leitet den Theaterverein Maderanertal.

Die Jungen aus dem Tal würden sich recht gut zu helfen wissen, was deren Freizeitgestaltung anbelange, verrät Eliane: „Sie machen in den vielen Vereinen mit, spielen Fussball im Sommer, fahren Ski im Winter und organisieren Fahrgemeinschaften, um abends auch mal nach Altdorf oder sonst wohin in den Ausgang zu gehen.“

Auf Elianes Rat hin betreten wir die nahe Kirche. Da sei heute gerade der Kirchenchor am Singen. Tatsächlich sind es gut zwei Dutzend Frauen und der Chorpäsident Peter Loretz, die sich um Chorleiter Hans Gnos und die Organistin Marina Tresch versammelt haben und diszipliniert Kirchenlieder proben. Marina Tresch, geborene Frei (33), wohnt zurzeit mit Mann und Kindern im nahen Tessin in einem Austauschjahr, kommt aber regelmässig «über den Berg» nach Bristen zurück, um den Chor auf der Kirchenorgel zu begleiten.

Kennst du das Maderanertal,
die schönste Alm im Urnerland,
uf Black und Etzli, uf Gnof und Stössi
wie leuchtet rein im Sonngestirn die Gletscherfirn!
ich bete tausendmal,
o Gott beschütz mein Heimattal,
mein liebes Maderanertal.

Über Nacht hat es geregnet. Vereinzelte Nebelschwaden verdecken teilweise die Sicht auf die umliegenden Berghänge, und die Bergspitzen haben eine frische weisse Kuppe. Mit einem freundlichen Morgengruss werden wir von Hansruedi Fedier (66), seiner Frau Bernadette und Bike-Kollege Josef Zberg zu Kaffee und Gipfeli erwartet. Hansruedi, auf Golzern aufgewachsen, hat 45 Jahre bei einem der grössten Arbeitgeber im Urnertal, dem Industriekonzern Dätwyler gearbeitet. Wie andere im Tal auch hat er in seiner Freizeit oft in die steilen Berghänge erklommen, um zu strahlen. Zahlreiche schöne Kristalle hat er so gefunden.

Kristalle und Bienen

Zum Strahlerhandwerk kommt „Bixi’s Hansruedi“ (den Übernamen Bixi tragen die Fediers, weil sein Ur-Ur-Urgrossvater die erste Büchse im Tal besessen haben soll) durch den Schwiegervater. Mit seinen zwei künstlichen Hüftgelenken gehe er heutzutage nur noch ein- oder zweimal jährlich, räumt Hansruedi ein. Dafür gehöre mittlerweile sein Sohn Daniel „Bixi“ (38) zu den erfolgreichsten Hobby-Strahlern. Mit dem Strahlnen habe man sich früher einen Zuverdienst erschaffen, berichtet er. Heute sei das Handwerk nur noch mit einem Patent durch die Kooperation Uri möglich.

Hansruedi und Bernadette Felder mit Josef Zberg

Hansruedi und Bernadette Fedier sind begnadete Imker. In guten Jahren bescheren ihnen die fleissigen Bienen einen Ertrag bis 1000 Kilo Honig. Das zu Ende gehende Jahr 2022 sei sensationell gewesen, rühmt sie: „Man hat uns den Honig buchstäblich aus den Händen gerissen“. Auch das Ehepaar Fedier ist gut verankert im Tal, betätigt sich aktiv und passiv in einem guten Dutzend Vereinen. Davon, dass das Maderanertal im Winter abgeschnitten sei, könne keine Rede sein, sagt er. „Die Strasse wird jeweils frühmorgens vom Schnee geräumt und man ist in wenigen Minuten auf der Autobahn Richtung Zürich oder gen‘ Süden“.

Diese Aussage bestätigt auch Hansruedis Kollege Josef Zberg (65). Er, der zunächst als Heizungsmonteur, dann als Automech und später beim Rüstungskonzern Ruag in Altdorf beschäftigt war, hat sich in den vergangenen Jahren als „Taxichauffeur“ für das Hotel Maderanertal beschäftigt und mit einem Offroader Gäste auf die Balmenegg gebracht. Sepp war auch ein Vierteljahrhundert Mitglied der örtlichen Feuerwehr, 14 Jahre sogar im Kommando. Beide, Hansruedi und Sepp, stellen der Gemeinschaft im Tal ein gutes Zeugnis aus. Der Zusammenhalt sei sehr stark. Auf die Frage, wie hoch denn der Ausländeranteil im Tal sei, sagen beide gleichzeitig: „Null!“ „Es sei denn, wir rechnen die beiden hier lebenden Zürcher als Ausländer“, scherzt Hansruedi.

Besuch bei «Miss Schweiz»

68 Ausländer im weitesten Sinn leben auf dem Hof von Rolf Fedier (40): Lamas. Als er zusammen mit seiner jungen Familie den elterlichen Hof übernommen hat, war dieser Betrieb ganz klassisch auf Milchwirtschaft ausgerichtet. Dann kam es vor bald zehn Jahren zu Wolfsrissen, und er habe sich mit dem Gedanken angefreundet, auf die Zucht von Lamas zu setzen. Bald darauf habe er Kühe und Schafe verkauft und sich komplett auf Lamas fokussiert.

Rolf Felder mit «Soleil», der «Schönheitskönigin»

Rolf Fedier zeigt uns die „Schönheitskönigin“ namens „Soleil“. Auf die frisch gekürte «Miss Schweiz» und weitere Preise sei er sehr stolz, sagt der ambitionierte Lamazüchter und skizziert uns sein Geschäftsmodell: Erstes Standbein ist die Fleischwirtschaft. „Das Lama ist ein landwirtschaftliches Nutztier; aus dem Fleisch wird alles gemacht wie bei einem Rind auch.“ Gefragte Spezialität ist eine Trockenwurst aus reinem Lamafleisch. Zweites Standbein ist der Tourismus: Vor allem im Winter kommen Gäste aus Andermatt hierher, um mit Lamas zu spazieren und Trekkings zu unternehmen. Jene Tiere, die Rolf auf solche Ausflüge mitgibt, werden mit einem Gesichtshalfter geführt. Das sei nötig, weil die Tiere im Grunde genommen Wildtiere und nur mit Halfter „lammfromm“ zu führen seien.

Das dritte – an Bedeutung zunehmende – Standbein überrascht uns ziemlich. Rolf Fedier bildet gezielt Lamas aus, um sie in Schafherden als Herdenschutztiere zu integrieren. Schon verschiedene Tiere aus seiner Zucht stünden irgendwo im Land in Schafherden als Schutztiere im Einsatz – vor allem gegen die Wölfe. Tatsächlich sei es so, dass zwar bei einem Wolfsangriff alle Tiere wegrennen. „Auch die Lamas“, sagt Rolf, „aber nach wenigen Metern bleibt ein Lama stehen, dreht sich um und fixiert den Wolf. Dieses Verhalten irritiert das Raubtier dermassen, dass es ebenfalls stehen bleibt und meist wieder davonzieht.“ Vereinzelt komme es sogar vor, dass ein Lama in den Angriff übergehe. „Wenn das Lama dem Wolf zielgenau in die Augen spuckt, wird der Wolf ausser Gefecht gesetzt.“ Die Magensäure des Lamas wirke wie ein Pfefferspray.

Fediers Job ist es, die möglichen Herdenschutztiere von Geburt her zu beobachten, zu fördern und auszubilden. Zum Einsatz kommen immer zweijährige, kastrierte Männchen. Rolf räumt ein, dass sich Lamas nur bei Einzelwölfen eignen als Herdenschutz. Greife ein Wolfsrudel an, sei kein Herdenschutz möglich und die Lamas selbst seien in Gefahr. Rolf Fedier kennt jedes seiner Tiere mit Namen und pflegt ein gutes Vertrauensverhältnis zu ihnen.

Die Menschen im Maderanertal hätten sich gut an seine Tiere und sein Geschäftsmodell gewöhnt – auch seine Frau und die Kinder seien begeistert von diesen Tieren. «Und den Lamas selber kommt die Gegend mit ihren steilen Hängen und dem saftigen Gras sehr entgegen.» Auch wir haben uns ans wild-romantische Maderanertal und seine gmögigen Menschen gewöhnt.

Wir kommen gerne wieder.

Kurvenreich geht es von Amsteg hinauf nach Bristen. Fotos: Christian Roth

Titelbild: Der Kirchenchor Bristen beim Proben in der Kirche.

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