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Wir – wer ist das?

50 Jahre nach den «Grenzen des Wachstums» publizierten Wissenschaftler des Club of Rome «Earth for All», «ein Genesungsprogramm für unsere krisengeschüttelte Welt» oder einen «Survivalguide für unseren Planeten», wie auf dem Buchumschlag versprochen wird.

Schon im ersten Kapitel werden wir direkt angesprochen: «Wir kennen die kritischen Punkte. Wir alle wissen, dass wir der extremen Armut ein Ende setzen müssen. Wir wissen, dass wir gravierende Ungleichheit lösen müssen. Wir wissen, dass wir eine Energierevolution brauchen. Wir wissen, dass unsere industrielle Ernährung uns schadet und dass die Art und Weise unserer Produktion von Nahrungsmitteln die Natur zerstört und ein sechstes Massensterben von Tier- und Pflanzenarten auslöst. Wir wissen, dass die Bevölkerung der Erde nicht grenzenlos wachsen kann. Wir wissen, dass unser materieller Fussabdruck auf unserem endlichen, blauen wie grünen Planeten nicht unendlich wachsen kann.

Können «wir» – das heisst alle Einzelnen und alle Völker und Gesellschaften – uns zusammentun, um dieses Jahrhundert gemeinsam zu bewältigen? Können wir mit Mut und Überzeugung einen kollektiven Sprung in der menschlichen Entwicklung schaffen? Können wir Spaltungen, neokoloniale und finanzielle Ausbeutung, historischen Ungerechtigkeiten und ein tiefes Misstrauen zwischen den Nationen überwinden, um den Notstand langfristig zu lösen?» (S. 9/10); Kursivdruck bs)

Wie eine «Kehrtwende» geschaffen werden kann, um die Armut zu beenden, Ungleichheit zu beseitigen, Geschlechtergerechtigkeit herzustellen, ein gesundes Ernährungssystem zu entwickeln und zu sauberer Energie überzugehen, wird auf den nächsten gut 200 Seiten dargelegt.

Iniustitia, die Göttin der Ungerechtigkeit, die dafür sorgt, dass die einen mehr als die andern haben (Bild von OpenClipart-Vectors, pixabay)

Am Schluss werden 15 Empfehlungen an die Politik formuliert und Bürgerinnen und Bürger werden aufgerufen, sich Bewegungen anzuschliessen, um die Kehrtwenden zu schaffen und um die Wirtschaft ökologisch und sozial zu transformieren. Zwar seien die Menschen besorgt und hätten Angst vor der Zukunft, aber : «Uns allen liegt unsere Zukunft am Herzen, und die meisten von uns wollen den Wandel und wollen, dass dieser Wandel unterstützt wird.» (S.225). So weit so gut.

Aber was ist mit den Millionen Infantilos, die sich durch die katarischen Infantinos und andere hohle Unterhaltungsprogramme betören lassen? Was ist mit den Armutsbetroffenen, den Flüchtenden, die zunächst mal was essen wollen und die Rettung des Planeten auf der Prioritätenliste nicht ganz zuoberst haben. Was ist mit dem berühmten Mittelstand, der auch was vom Kuchen haben möchte und sich um der Karriere und des Lohnes willen in Aktivitäten einspannen lässt, die dem Wohlergehen der Menschheit schaden?

Warum wird in diesem lesenswerten Buch nicht analysiert, wer die Mächtigen sind und wer ihnen aus welchen Gründen zudienen «muss»?

Warum wird die waffenstarrende Welt nicht kritisiert, warum wird nicht eine globale und lokale Friedensordnung angedacht, welche Armeen zu einer völlig irren Institution aus vergangenen Zeiten macht.

Es brauchte zwei Weltkriege, bis 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte allgemein anerkannt wurde, obwohl in der Magna Charta Libertatum, der grossen Urkunde der Freiheiten von 1215, wesentliche Gedanken der Freiheitsrechte schon grundgelegt waren? Braucht es eine weitere nukleare Katastrophe, bis auf diesem kleinen, wunderschönen Planeten, wo in Sekundenschnelle mit jedem Erdbewohner Kommunikation möglich ist, weder Atommächte noch andere Mächte, die ihre Macht missbrauchen, geduldet werden?

Wir – wer ist das? Wie können die Ohnmächtigen den politischen und ökonomischen Machtmissbrauchern das Handwerk legen? Und wie kann im verängstigten und gestressten Mittelstand Zuversicht wachsen, so dass er sich nicht für dumm verkaufen lassen muss?

Trotz der Mängel dieses Buches ist zu wünschen, dass es zu Weihnachten oder so geschenkt und gelesen wird und Taten folgen zum eigenen Wohl, das zu kombinieren ist mit dem Wohl der Mitmenschen und der Menschheit.

Sandrine Dixson-Declève, Owen Gaffney, Jayati Ghosh, Jorgen Randers, Johan Rockström, Per Espen Stoknes: Earth for All. Ein Survivalguide für unseren Planeten. München 2022 (4. Aufl.). ISBN 978-3-96238-387-9

Titelbild: Eine Strasse zu grauen oder viele Wege zu einem blau-grünen Planeten? (Foto von Beate Bachmann, pixabay)

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2 Kommentare

  1. Guter Artikel, aber mit Jahrgang 1945 habe ich die Hoffnung aufgegeben, noch etwas entscheidendes dazu beitragen zu können. Ich mache, was ich kann aber …..

  2. Ebenso lesenswert ist in diesem Zusammenhang das Buch von Simon Aegerter
    «Das Wachstum der Grenzen»
    2020 erschienen bei NZZ Libro (www.nzz-libro.ch)
    ISBN 978-3-03810-476-6
    Der Verfasser, promovierter Physiker und Mathematiker, der auch Astronomie studierte, erkannte schon zu jener Zeit die Bedrohungen des Klimawandels durch den wachsenden CO2-Ausstoss. Und er wunderte sich, dass dieses Problem im 1972 erschienenen Buch von Dennis L. Meadows «Grenzen des Wachstums» kaum auftauchte.
    Dem Autor ist es gelungen, diverse Aussagen einem Faktencheck zu unterziehen und zu widerlegen, mit dem positiven Fazit, dass sich auch für zurZeit schwierige und unüberwindbar scheinende Probleme Lösungswege aufzeigen. Phantasie und Innovationskraft haben keine Grenzen. Nur wenn wir es wagen, sie zu entfesseln, können wir die Natur retten, nicht, indem wir uns willkürliche Grenzen setzen. Dazu will Simon Aegerter Mut machen.

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