FrontGesellschaftVor einem visionären Jahr?

Vor einem visionären Jahr?

Das Jahr ist um, Zeit innezuhalten und zurückzublicken. Was beschäftigte uns 2022, was wünschen wir für 2023? Die Seniorweb-Redaktion hält in Kurzbeiträgen Ausblick zum Thema «Visionen». Es sind unterschiedliche Sichtweisen, die zum Nachdenken anregen wollen.

Was wünschen wir uns für 2023? Natürlich ein baldiges Ende des unsäglichen Ukraine-Kriegs, aber vor allem etwas mehr Gelassenheit in schwierigen Zeiten.

Die Seniorweb-Redaktion dankt allen unseren Leserinnen und Lesern für das im abgelaufenen Jahr entgegengebrachte Vertrauen. Wir blicken zuversichtlich in die Zukunft und freuen uns, Sie auch im neuen Jahr mit unseren Beiträgen begleiten zu dürfen. Bleiben Sie uns treu!

Wir wünschen allen unseren Leserinnen und Lesern für das neue Jahr alles erdenklich Gute, Gesundheit, Erfolg, Glück und die nötige Gelassenheit und Zuversicht.

 

Linus Baur: «Wir Schweizerinnen und Schweizer haben ein eigentümliches Verhältnis zum Wagnis», schreibt der Tages-Anzeiger in seiner Jahresendausgabe. Und:  «Wir sind ein Volk von Bachsanierern und Lawinenverbauern. Risiken mögen wir nicht.» Ein hartes Urteil angesichts der Tatsache, dass wir die verschiedenen Krisen bis heute im Vergleich zu unseren Nachbarländern recht gut gemeistert haben. Das soll aber nicht heissen, dass wir im neuen Jahr in unserem risikoarmen Verhalten verharren sollen. Der Herausforderungen gibt es viele. Neben dem Ukraine-Krieg (der britische Historiker Ian Kershaw geht davon aus, dass der russische Angriffskrieg im kommenden Sommer vorbei sein wird) benötigt vorab der Klima- und Artenschutz unsere volle Aufmerksamkeit. Hier sind kreative Lösungsansätze gefragt. Und solche erfordern von uns allen mehr Wagnisbereitschaft.

Eva Caflisch: Die Zukunft liegt manchmal tief in der Vergangenheit. Etwa in der Erinnerung an gute Stunden mit den Geschwistern, wenn an einem verregneten Tag draussen spielen nicht möglich war. Zwei kleine Buben, der eine bereits des Lesens kundig, schauen Grossmutters Postkartenschachtel durch, vor allem fasziniert von ein paar Fotogrüssen aus Übersee.

Viele Jahrzehnte später sitzen die beiden – nun ergraut und mit Falten im Gesicht wieder nah beieinander und schauen sich alte Fotos an. Diesmal auf dem Bildschirm.

Wie damals wird gerätselt, wer wohl auf den Bildern sei. Beispielsweise auf dem Hochzeitsbild aus den 30er Jahren, wen von den bärtigen Männern und bezopften Mädchen man als Kind in den 50ern noch gekannt habe, ob der oder jener es war, der auf einem anderen Foto das Klarinett spielte.

Zwei Brüder, die sich selten sehen, sind sich sehr nah gekommen wie lange nicht, schöpfen aus der gemeinsamen Erinnerungsstunde Lebensmut für die Zukunft.

Maja Petzold: War es Vision oder Intuition? Als ich pensioniert wurde, orientierte ich mich nach allen Seiten, was ich nun tun wollte, was mir Freude machen würde. Zufällig begegnete ich einer Bekannten, die mich nicht sehr gut kannte. Wir kamen auf meine kommenden «freien Jahre» zu sprechen, und ich erzählte ihr, dass ich nicht sicher war, ob ich mich im gleichen Bereich wie vorher engagieren sollte.

Sie schaute mich plötzlich durchdringend an und sagte: «Ich sehe dich schreiben, mein Gott, so viel schreibst du!». Obwohl ich wusste, dass sie manchmal solche Visionen bzw. intuitiven Eingebungen hatte, nahm ich ihre Bemerkung nicht ernst. Ich dachte, zu schreiben gäbe es immer irgendetwas. Wenig später kam ich mit Seniorweb in Kontakt. Und seitdem, seit ziemlich vielen Jahren, schreibe ich Beiträge – mit nie abnehmender Freude.

Bernadette Reichlin: Am 19. Dezember wurde von 196 Staaten ein globales Naturschutzkonzept verabschiedet, das die biologische Vielfalt fördern oder zumindest erhalten soll. Das macht mir Mut. Denn Biodiversität kann auch kleinräumig, kleinsträumig verstanden werden. Ein naturnah gepflegter Garten, in dem weitgehend auf Schädlingsbekämpfung verzichtet wird, der mehr ist als optisches Grün mit einigen Rosenstöcken und einer Buchskugel, ist ein winziges Stück wertvoller Lebensraum. Nicht nur für Menschen auch für Insekten, Vögel, Igel, Reptilien wie Blindschleichen und Eidechsen, Würmern und weiterem Kleingetier. Und für Pflanzen. Kultivierten und wild gewachsenen. Solche Biotope sind die kleinsten Puzzleteilchen einer Biosphäre, eines Lebensraums, auf den wir alle angewiesen sind.

Josef Ritler: Visionen können nur entwickelt werden, wenn man zurückschaut. Eine persönliche Vision ist eng mit der Frage nach dem Warum verbunden. Einprägsam waren für mich die Spiele der Fussball Weltmeisterschaft in Katar. Und ich frage mich, warum waren diese entgegen aller moralinsauren Vorwürfe so erfolgreich? Warum fanden die Spiele ohne jeglichen Zwischenfall statt? Wie heisst es: «Lass Dich nicht von negativen Zurufen runterziehen und entmutigen und suche Dir gezielt positive Beispiele. Suche gezielt nach Menschen, die es gut gemacht haben.» Und die waren haufenweise vorhanden. Die Spieler, die überschwänglichen Zuschauer, Sascha Ruefer vom Schweizer Fernsehen, der uns mit seinem Witz von den Sitzen riss und Messi, der  Fussballer des Jahrhunderts, der in Hochform war und eine Zufriedenheit ausstrahlte. Mögen die positiven Eindrücke auch im nächsten Jahr weiter wirken. Zu meinen Hoffnungen und Visionen gehört, dass der Krieg im Osten endlich zu Ende geht.

Peter Schibli: Vor einem Jahr hatten wir uns gewünscht, dass die Schweiz Massnahmen ergreift, um die Pariser Klimaziele zu erreichen, dass der unerträgliche Donald Trump endlich verschwindet, dass das Corona-Virus besiegt wird, Russland keinen Angriffskrieg gegen die Ukraine startet und die Schweiz Fussball-Weltmeisterin wird. Unsere Wünsche wurden nicht erfüllt. Die Pariser Klimaziele sind in weite Ferne gerückt, Trump will wieder Präsident werden, Covid ist noch immer eine Bedrohung, Russland zerstört die Ukraine nach wie vor, und Fussball-Weltmeister wurde Argentinien. Meine Vision für 2023 wäre es, dass wir uns erreichbare Ziele setzen: Gesundheit, Zufriedenheit, Zuversicht und Bescheidenheit und ein gutes Zusammenleben mit den Nachbarn. Alles Vorsätze, zu denen wir persönlich etwas beitragen können. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Beat Steiger: Da sein. Schön, wenn es im neuen Jahr öfters möglich ist da zu sein, ohne überflüssige, Zeit und Nerven raubende Aktivitäten und Gewohnheiten. Da sein als achtsames Innehalten und Wahrnehmen des Körpers, der Gefühle, der Gedanken, der Innen- und Aussenwelten ohne Bewertung. Da sein mit Menschen, die man liebt. Da sein für Menschen, deren Schicksal einem nicht gleichgültig ist und für die man sich nach Kräften einsetzen will. Da sein mit unbekannten Menschen. Da sein in der Auseinandersetzung mit den Problemen, die sich uns im Alltag stellen. Dankbar da sein für die Wunder der Natur und da sein, dass an diesen Wundern auch zukünftige Generationen sich freuen können. Schön, wenn wir im neuen Jahr da sind ohne uns zu über- und unterfordern. Stimmig da sein. Da sein im Flow.

Peter Steiger: Als Kind wollte ich Indianer werden. Bald merkte ich, dass die Hürden zu hoch sind: Hautfarbe, Pfeilbogenschiessen. Welche Lebensziele ich in den folgenden Jahren anstrebte, weiss ich nicht mehr.

Das Problem wurde in der Sek drängender. Eigentlich wäre ich gerne Gymeler geworden. Doch weil die Eltern finanziell nicht so gut drauf waren und die Kanti kostete, wagte ich es nicht, sie damit zu belasten. Und so ein Noten-Genie war ich nicht, dass es für eine Stipendium gereicht hätte. Und überhaupt: Was sollte ein Pöstler-Bub im Gymi? Hä nu, so wurde ich Schriftsetzerstift, tönt doch fast wie Schriftsteller.

Visionen umsetzen, das hängt von den Distanzen ab (Indianer). Oder von den Noten (Gymer). Und meist von den Realitäten.

Ruth Vuilleumier: Es fällt mir schwer, in dieser aufgewühlten Zeit Visionen für 2023 zu formulieren. Dafür muss ich mich in Gedanken von der grossen gesellschaftlichen Ebene entfernen und im persönlichen Umfeld suchen. Noch vor einem Jahr wartete ich gespannt auf mein Enkelkind, wird es ein Mädchen oder ein Bub, die Eltern wollten es nicht im Voraus wissen. Und nun bin ich seit zehn Monaten erstmals glückliche Grossmutter einer Enkeltochter. Wie bei Fremden braucht es etwas Zeit, sich gegenseitig kennenzulernen. Mittlerweile lieben wir uns. Und ich freue mich auch im neuen Jahr auf ihr Lächeln und darauf, ihre Fortschritte staunend begleiten zu dürfen.

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