FrontKulturVon der Poesie einer Befreiung

Von der Poesie einer Befreiung

Die indonesische Regisseurin Kamila Andini betrachtet in «Before, Now & Then» die Emanzipation einer Frau im Spiegel ihrer Geschichte: Nanas Mann ist in den politischen Wirren verschollen, danach heiratet sie einen reichen Geschäftsmann, doch die Erinnerung an den früheren Geliebten verfolgt sie, bis eine unerwartete Begegnung ihr zu innerer Freiheit und zum Ausstieg aus dem bürgerlichen Korsett verhilft. Ab 12. Januar im Kino.

In den 1960er-Jahren kam es in Indonesien zu einem gewaltsamen Putsch, in dessen Verlauf Präsident Sukarno von General Suharto abgelöst wurde. Das erzählt der Film in einer Hintergrundszene. Auch Nana, eine geheimnisvolle junge Frau, hat die dramatischen Ereignisse mitbekommen. Ihr Mann war während der japanischen Besatzung verschleppt worden. Sie konnte zwar dem Anführer entkommen, der sie zur Heirat zwingen wollte, doch der Vorfall kostete ihrem Vater das Leben. Jahre später heiratete sie einen wohlhabenden Geschäftsmann und geniesst, mit drei Kindern und Bediensteten, ein angenehmes Leben. Doch in ihren Träumen holt die Vergangenheit sie ein.

Die indonesische Regisseurin Kamila Andini, die wir seit ihrem jugendlich verspielten Film «Yuni» von 2021 kennen, in dem sie sich mit Gedichten dem Erwachsenwerden eines jungen Mannes nähert, nimmt in ihrem neuen Film «Before, Now & Then» mit gereifter und wunderbarer Regie den Blickwinkel ihrer Protagonistin Nan von Kamila Andini ein und schuf ein neues Filmgedicht. Der mutmassliche Tod des Ehemanns Raden Icang lässt Nana nicht los. Ihre Erinnerungen sind fragmentarisch, bedrängend aber vor allem in den Träumen. Die Stimmung einer feinen Ungewissheit durchdringt den ganzen Film und macht ihn, zusammen mit den opulenten Bildern, dem feinen Sinn für nostalgische Musik, zu einem zwar fremden, doch berührenden Wunderwerk. In einem Meer aus Widrigkeiten, verursacht durch männliches Verhalten und politische Wirren führt zu einer Frauenfreundschaft der besonderen Art und zu originellen Aussagen über das Frausein – ein klein wenig vielleicht auch das Mannsein – und über die Auseinandersetzung mit dem Patriarchat zu einem vorsichtigen Gang auf die Freiheit zu.

Mr. Darga und Nana

Hymnische Bilder und Töne über die Zeiten hinweg

«Before», ein Prolog: Mitten im Wald machen sie Rast. Nana legt ihr Kind an die Brust, ihre Schwester Ningsih packt etwas Proviant aus. Um sie herum nur Bäume, Zirpen und Zwitschern. Sie sind auf Schleichwegen unterwegs, auf der Flucht vor «den andern». Diese wollen Nana mit ihrem Anführer verkuppeln, weshalb der Vater seine Tochter zum Weggehen drängt. Im dichten Geäst glaubt sie, für Momente ihren verschollenen Geliebten Icang schemenhaft wahrzunehmen.

«Now», die Gegenwart: Nach einigen Jahren ist Nana mit Mister Darga verheiratet und führt ein angenehmes Leben. Ihr Mann ist um einiges älter als sie und ein wohlhabender Landbesitzer. Sie verwaltet die Ernten und kümmert sich um den Haushalt, fertigt gerne Blumenschmuck, kleidet sich elegant und ist stets makellos frisiert. Einmal erklärt sie ihrer Tochter, sie binde sich die Haare so fest, weil Frauen ihre Geheimnisse in dem Knoten am Hinterkopf festhielten. Sie lebt zurückhaltend, passt sich ihrem Umfeld an, lächelt auch, als sie von der Affäre ihres Mannes erfährt. Mehr plagen sie die Albträume, die sie Nacht für Nacht heimsuchen. Die Ereignisse von damals haben tiefe Spuren hinterlassen. Erst als sie Ino, die Geliebte ihres Mannes kennenlernt, bahnt sich zaghaft eine tiefe Bekanntschaft, eine zukunftsweisende Freundschaft an.

«Then», in der Zukunft: Nun trägt Nana ihr Haar lose über die Schultern fallend. Geheimnisse muss sie keine mehr in einem Knoten festhalten. Am Schluss kommt es zu intensiven und wegweisenden Gesprächen zwischen ihr, ihrem Mann, ihrem Onkel und den drei Kindern, das zwar nicht ohne Tränen endet, das Leben aller aber verändert, weil, wie es Ino zu Nana sagt, «das Herz nicht lügen kann», womit auch die mehrfach gestellte Frage, was «das Leben mit uns gemacht hat», beantwortet.

Nana mit Icang

Anmerkungen von Kamila Andini

Die Frauen sind die wahren Opfer unserer Zeit. Aber in jeder Epoche gab es immer die Figur einer Frau, die sich nicht ein einziges Mal als Opfer gesehen hat, auch wenn sie nicht anders konnte, als Opfer zu bringen. «Before, Now & Then» ist die Geschichte einer Frau, die Opfer einer Epoche ist – des Krieges, der Politik, der Rebellion und einer patriarchalischen Gesellschaft – und die den Sinn ihrer eigenen Freiheit als Frau finden möchte. Sie befreundet sich mit der Geliebten ihres Mannes.

Die Unabhängigkeit Indonesiens hat seinem Volk nicht die Freiheit gesichert. Der Druck erfolgt in immer neuen Formen. Ich wollte mit diesem Film die vielen Varianten aufzeigen, in denen die Frauen auch heute noch unterdrückt werden. Bild und Ton bringen zusammen Nanas Emotionen und Angst zum Ausdruck. Mein Film handelt von den Geheimnissen einer Frau, davon, wie sie ihrden Silbernen Bären erhielt.e Probleme verborgen hält. Politische Umstände, häusliche Probleme, persönliche Ängste und Freuden werden in kleinen alltäglichen Ereignissen verortet. Das Haar wird eine metaphorische Verbindung für die Frauen im Laufe der Geschichte. Im Grunde ist es ein ganz einfacher Zeitfilm, der mit einem sanften Touch und feinen Kompositionen arbeitet.

Die Kamera bewegt sich langsam oder bleibt unbeweglich wie ein Gemälde. Wie auf einer Bühne wird das Spiel die vielfältigen Schichten der Figuren enthüllt. Die Ausstattung ist entscheidend, sie holt die Aussenwelt ins Haus, sucht Freiheit auf kleinstem Raum und offenbart die Geschichte kleiner Gegenstände wie auch vom Haar und vom Körper der Frau. Eine Frau muss sich darin auszeichnen, Geheimnisse zu bewahren, sowohl ihre eigenen als auch die ihrer Familie. Wenn es ein Problem gibt, soll es hinter ihrem Haar verborgen bleiben.

Die Beziehung zwischen Nana und Ino ist von der Geschichte der Mutter von Jais Darga (der ausführenden Produzentin des Films) und der Geliebten ihres Vaters inspiriert. Es ist eine sehr patriarchale Welt, in der Nana lebt, und die Frauen um sie herum sind ebenfalls in dieser besonderen Welt gefangen, in der alle das Gleiche denken. Nana verliert sich in dieser Welt, und Ino kommt hinzu, um eine neue Perspektive, ein neues Gefühl von Freiheit und Stärke zu vermitteln. Diese Art von Stärke, so habe ich das immer empfunden, muss von einer anderen Frau kommen. Kein Mann kann diese ganz besondere Kraft geben. Das ist es, was ich von Nana und Ino erwarte. Sie sind beide Opfer der Situation und der Zeit, aber die Gesellschaft der anderen ist das, was sie brauchen, um dieses Gefühl der Stärke und Befreiung zu gewinnen.

Nana, eine Frau auf dem Weg

Emanzipation einer Frau im Lauf der Zeit

«Before, Now & Then» entführt in eine subtropische Natur und eine fremde koloniale Gesellschaft. Diese werden wahrnehmbar durch die Kamera von Batara Goempar mit ruhig fliessenden und schwebenden Bewegungen, die Musik von Ricky Lionardi mit fernöstlichen und westlichen, gelegentlich sphärischen Klängen und Gesängen sowie die besinnlichen und bewegenden Dialoge und Monologe. Dem Film zugrunde liegt das Drehbuch von Kamila Andini und Ahda Imran, dessen Roman «Mein Name ist Jais Darga» als Vorlage diente, und wurde in Szene gesetzt von Kamila Andinis in ihrem vierten, kinematografisch und menschlich nochmals weiter gereiften Film, der an der Berlinale 2022 gezeigt wurde.

Gestalt und Form erhält die Aussage des Films durch die Frauen, vorab der Protagonistin Nana, grossartig gespielt von Happy Salma. Sie vermittelt uns mit äusseren Bildern innere Erfahrungen. Wer einmal eintauchen will in diese nur vordergründig fremde Welt, denen empfehle ich «Before, Now & Then» wärmstens.

«Ich glaube, dass das Leben und die Geschichte jeder einzelnen Person zählt. Jede von uns beeinflusst andere auf die eine oder andere Weise. Was Nana passiert ist, ist vielen Frauen in Indonesien passiert. Deshalb war es wichtig, ihre Geschichte zu adaptieren: nicht weil sie anders ist, sondern weil wir die gleichen Dinge teilen wie sie», meint Kamila Andini und schliesst damit den Kreis des Lebens, den der Film über drei Generationen spannt .

Titelbild: Nana (vorne) und Ino

Regie: Kamila Andini, Produktion: 2022, Länge: 107 min, Verleih: trigon-film

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