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Zur Besinnung kommen

Das Jahr 2023 ist noch jung, auch wenn es schon viele Millionen Jahre Geschichte in sich trägt. Im Jahresübergang treffen Altbekanntes und die Hoffnung auf einen Neuanfang aufeinander. Auch beim Geburtstag eines Menschen zeigt sich die gleiche Schnittstelle. Neujahr und Geburtstag sind Zeitenwenden, die jedem Menschen widerfahren, denen er sich nicht entziehen und die er nicht kontrollieren kann. Diese Zeitenwenden können wir Menschen jedoch aktiv mitgestalten. Und selbst wenn wir dies nicht bewusst tun, bestimmen wir sie mit, indem wir sie ohne Bewusstsein geschehen und damit alles beim Alten bleiben lassen. Damit verpassen wir die Möglichkeit eines Neuanfangs.

Rückwärts orientiertes Leben bedeutet Stillstand, nicht Neugestaltung. Umgekehrt, wer hastig und unüberlegt Neuanfänge wagt, läuft Gefahr, aus Erfahrungen nichts zu lernen und Altbewährtes und Gutes zu verschwenden. Gelungene Zeitenwenden bringen Altes und Neues in Balance. Diese Balance setzt die Bereitschaft zur Besinnung auf das Wesentliche voraus, an dem Altes und Neues gemessen werden können. Die so gewonnenen Erkenntnisse ermöglichen notwendige Veränderungen und ein gutes Leben. Besinnung ist ein Prozess, ein Weg. Aus einer übergeordneten Perspektive wird das Weltgeschehen hinsichtlich Menschenwürde und Menschenrechten und das eigene Leben, was Lieben und Geliebtwerden anbetrifft, angeschaut.

Nur wer nichts sehen, nichts hören und nichts sagen will, sieht die Notwendigkeit nicht, dass wir Menschen angesichts des grossen Vernichtungspotentials der modernen Welt zur Besinnung kommen und Zeitenwenden aktiv mitgestalten. Die Geschichte lehrt uns, dass die Verantwortung für unser Tun nicht zu übernehmen, zu Katastrophen führen kann. Doch zur Besinnung zu kommen, setzt voraus, sich auch mit anderen Einschätzungen von Gegebenheiten und anderen Moralvorstellungen auseinanderzusetzen. Sonst bleibt das Nachdenken in den eigenen Sichtweisen und Wertvorstellungen gefangen. Ernsthafte   Debatten über Inhalte und richtiges Handeln sind auf diese Weise nicht möglich. Jeder bewegt sich rechthaberisch nur noch unter Gleichgesinnten, und Menschen mit anderer Meinung werden zur Gefahr.

Zwei Versuche im letzten Jahr, die Erfahrungen rund um die Corona-Pandemie zu reflektieren, sind für mich für solche Verweigerungshaltungen gegenüber anderen Sichtweisen beispielhaft. Beim einen ging es im Kanton Graubünden darum, einen Dialog am runden Tisch mit Personen zu führen, denen die behördlichen Massnahmen zu weit beziehungsweise zu wenig weit gegangen sind. Das Projekt musste auf Hearings beschränkt werden. Der andere bestand in einer Dialogreihe, welche die Paulus-Akademie und die Stiftung Dialog Ethik organisiert hatten. Von vier geplanten Veranstaltungen konnte nur gerade eine wie vorgesehen durchgeführt werden.

Das kritische Hinterfragen eigener Positionen bildet die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander, das Funktionieren einer modernen Demokratie und nachhaltigen wissenschaftlichen Fortschritt. Nur wenn wir zur Besinnung kommen, führt die aktuelle Zeitenwende nicht ins Verderben.


Dr. theol. Ruth Baumann-Hölzle ist Institutsleiterin von Dialog Ethik

1 Kommentar

  1. Alles, was Sie schreiben, ist plausibel und nachvollziehbar. Und der Titel «Zur Besinnung kommen» trifft den Nerv unserer Zeit. Der Beginn eines neuen Jahres wäre ein guter Zeitpunkt, sich Gedanken darüber zu machen, wo man selber steht und wohin unsere Gesellschaft hinsteuert und was sich ändern sollte. Aber wie Sie sagen, viele Menschen wollen keine Veränderung, die Angst etwas zu verlieren ist zu gross. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass eine notwendige Veränderung sich immer Bahn bricht, und wenn man selber nicht in der Lage dazu ist, kommt sie eben von aussen und meistens ohne Vorwarnung und ist nicht sehr angenehm.

    Man sollte meinen, dass die Menschen aus negativen Erfahrungen etwas lernen. Doch die Warner, sind wie die Rufer aus der Wüste, sie werden selten gehört und ihre Worte verhallen in der Oberflächlichkeit unseres Zeitgeschehens. So kann jede und jeder nur für sich selbst entscheiden, will ich mich dem Strom überlassen und alles so lassen wie bisher, oder halte ich ab und zu inne und besinne mich auf das Wesentliche. Ich meine, das Letztere lohnt sich.

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