Vom Kommentieren

Die Medien rufen die Menschen auf, über Beiträge in den Zeitungen, aber auch über Sendungen des Fernsehens Kommentare abzugeben. Die Inflation des Kommentierens stieg in den letzten Jahren an. Journalisten selbst geniessen die alte, oft umstrittene Methode der Notengebung. Nach einem Fussballspiel werden die Spieler benotet oder die Parlamentarier werden von «Einflussreich» bis zu «Hinterbänkler» aufgelistet. Es muss eine ganz besondere Lust im Spiel sein, das Können und den Einsatz auf eine Zahl zu bringen. Zahlen lassen keine Zweifel zu. Als Schüler schämte ich mich, wenn auf einem Notenblatt mein Betragen mit einer Eins-bis-Zwei oder gar nur mit einer Zwei benotet wurde. Vater musste das Blatt unterschreiben. Dass er dazu seine pädagogischen Bemerkungen machte, nahm ich nicht allzu ernst, denn ich hatte einmal gehört, wie er zu Mutter tröstend sagte: «Wer als Bub kein Schlingel ist, wird nichts».

Dass das Kommentieren zu einer Sucht geworden ist, ist den Sozialen Medien mit ihren Plattformen geschuldet. Schlimm scheint mir, dass jeder und jede sogar anonym bewerten und über andere schreiben können. Nun neu ist das nicht. Averroes (1126-1198), ein arabischer Philosoph, hatte grossen Einfluss auf das westliche Denken. Seine Kommentare zu Aristoteles erschienen auf Arabisch und wurden ins Latein übersetzt. Was heute noch allgemein interessieren mag und gerade wieder modern geworden ist, sind seine Ausführungen über das Kommentieren.

Jede verstandesmässige Regung eines Menschen habe den Charakter eines Kommentars, der im Grunde nichts ausblende, aber die Welt verdopple. Sich der Ordnung des Kommentierens zu unterwerfen und die Ordnung zugleich zu durchbrechen, mache den Zwiespalt der Kommentierungsbemühungen aus, denn der Kommentierende wolle sich selbst gegen das Kommentierte behaupten. Er wolle sich von ihm unterscheiden. Der Kommentierende bedürfe zwar des Kommentierten, das Kommentierte aber auch des Kommentierenden.

Dieses dauernde Kommentieren ist grosse Mode geworden, gehört aber nach dem mittelalterlichen Philosophen zu den menschlichen Regungen. Der Tagesanzeiger wünscht in seiner digitalen Ausgabe, dass Meinungen, die oft bereits Kommentare sind, kommentiert werden, und diese erstrecken sich dann oftmals über mehr als hundert gegensätzliche Einträge. Averroes kam schon im Mittelalter, in dem das gesprochene Wort noch galt, zur Erkenntnis, dass Kommentieren die herausragende menschliche Lebensform sei, «die Welt wird, indem sie geschrieben, indem sie kommentiert wird: mundus scribendus est, die Welt muss geschrieben werden»*.

Dazu schreibt Andreas Urs Sommer, der in Zofingen geborener Philosoph und Literaturwissenschaftler, der in Freiburg im Breisgau als Universitätsprofessor tätig ist: «Man hat Averroes … mit Vorliebe als Autor fertiger Kommentare lesen gelernt anstatt als Lehrer der Unfertigkeit alles Denkens. Die Ewigkeit der Welt fordert auch die Ewigkeit des Kommentierens». Schaut man zu, wie in den Sozialen Medien dauernd kommentiert wird, hat man den Eindruck, die Ewigkeit der Welt sei noch ziemlich länger geworden als früher, wo es weise war zu schweigen, wenn man nichts zu sagen hatte. Es galt der lateinische Spruch: «Si tacuisses, philosophus mansisses». Hättest du geschwiegen, wärst du ein Philosoph geblieben». Was übrigens schon in den Sprüchen Salomons im Alten Testament zu lesen war: «Auch ein Tor, wenn er schwiege, würde für weise gehalten und für verständig, wenn er den Mund hielte».

*Andreas Urs Sommer, «Lexikon der imaginären philosophischen Werke», erschienen in der «die andere Bibliothek»

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2 Kommentare

  1. Si tacuisses
    In der Zwischenzeit haben viele einiges gelernt. Auch informiert zu sein, selbst über das Handy. Die Welt steht allen, wirklich allen offen. Unsere Enkel lernen, sich frei auszudrücken, in geschliffenem Deutsch sich gegen dialektbeschädigtes Schriftdeutsch durchzusetzen. Und sie gestatten sich, zu beurteilen, was von der Kanzel daher kommt. Eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Denn die Zeiten sind vorbei, in der bestimmt wird, wer, wie und wann seine Meinung äussern darf und können soll. Auch die Zeiten des Feuilletons sind vorbei, weil die altehrwürdige NZZ doch noch gemerkt hat, dass gerade mal 10% jenen Zeitungsteil lesen und verstehen wollten. Leserbriefe waren im Schwange. Geprüft und zuweilen auch publiziert. Einer zum 50-Jahresjubiläum des SVP Zürich bescherte mir einen shitstorm in den privaten Briefkasten, dem nur noch mit dem Abfallsack beizukommen war. Das Bedürfnis zur Mitbeteiligung war geweckt, in einem Mass, dem nur noch über die digitale Schiene beizukommen scheint. Und dem ist gut so. Weshalb soll «dem einfachen Volk» nicht dasselbe Recht zustehen wie Politikern, Kaderleute und akademisch Gebildeten, nämlich wirklich Wahres und Unwahrheiten und Blödsinn in die Welt zu setzen? Wer bestimme denn, wer was zu sagen habe? Hans, der Mittelschullehrer, Deutsch/Latein – «mit der Matura bestimmen wir, wer künftig zur Elite gehört» – und zugleich auf die Mithilfe bei kleinen Reparaturen und dem Ausfüllen der Steuererklärung angewiesen ist? Diese Welt braucht Ingenieure, Fach- und fähige Kaderleute, eine gescheite Jugend, engagierte Frauen, usf. und die haben auch etwas zu sagen. Auch in den Kommentarspalten des Tagesanzeigers.

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