1 KommentarDer Wolf im Schafspelz - Seniorweb Schweiz
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Der Wolf im Schafspelz

Der Autor Timo Krstin hat in «Leopardenmorde» seine Familiengeschichte als Generationenroman aufgearbeitet. Er zeigt, wie seit dem frühen 20. Jahrhundert Verschwörungstheorien die Menschen immer wieder blenden. Seniorweb hat mit ihm gesprochen.

Seniorweb: Sie sind als Journalist und Theatermacher in Zürich bekannt. Was steckt hinter dem Titel ihres Debütromans «Leopardenmorde»?

Timo Krstin: Leopardenmorde bezieht sich auf eine der ersten Verschwörungstheorien Afrika. Angeblich wurden während der Kolonialzeit immer wieder rituelle Morde an Weissen verübt. Der Mythos wurde immer wieder von den Weissen benutzt, um gegen Einheimische vorzugehen. Doch ein realer Hintergrund für eine panafrikanische Widerstandsbewegung liess sich nie nachweisen.

Wie sind Sie auf dieses sehr spezielle Thema gekommen?

Das verschwörungstheoretische Denken hat sich aus dem Kolonialismus über die Zeit des Nationalsozialismus bis heute überliefert und war ein zentrales Thema in meiner Familie. Das versuche ich in meinem Buch mit fiktiven Romanfiguren darzustellen. Als Kind bewunderte ich meinen Grossvater, der im Lehnsessel sitzend, liebevoll spannende Geschichten zu erzählen wusste, auch solche aus Afrika, wo er als junger Mann Sisalpflanzer war. Dass er eine schreckliche Nazivergangenheit hatte, entdeckte ich erst nach und nach.

Timo Krstin, Schriftsteller, Journalist und Theatermacher lebt und arbeitet in Zürich

Im Buch gibt es immer wieder Rückblicke, vieles wird wie im Krimi angedeutet, aber erst am Schluss sieht man das ganze Bild der Verflechtungen.

Der Roman hat einen Spannungsaufbau, so wie auch ich nur Stück für Stück durch die Familie und schliesslich selbst herausfand, wer der Grossvater wirklich war, und was er verbrochen hatte. In der Familie wurde jeweils nur das erzählt, was eh bereits allgemein bekannt war.

Der Grossvater wollte eigentlich Maler oder Schriftsteller werden. Da er keinen Erfolg hatte, bereiste er die Welt. 1929, nach seiner Rückkehr aus Ostafrika, zog es ihn in die Politik, wo er von den aufstrebenden Nationalsozialisten für sein Rednertalent entdeckt wurde. Er stieg bei der SS auf und wurde ein schlimmer Nazi, der nach dem Krieg der Verurteilung entgehen konnte.

Wie konnte der Grossvater, in der Romanfigur auch George, seine Nazi-Vergangenheit so lange verbergen?

Am Kriegsende stellte sich George freiwillig der Besatzung im amerikanischen Sektor, die weniger genau hinschaute als die Franzosen in Lindau, wo er mit seiner Familie zu Hause war. Da seine Aktivitäten bei der SS in Danzig aus den alten Dokumenten nicht klar ersichtlich waren, kam er nach amerikanischer Gefangenschaft frei und wurde nicht entnazifiziert. Seine Verantwortung an der Ermordung von kranken und geistig behinderten Menschen im Massaker von Piaśnica 1939 blieb ungesühnt. Und beim zweiten Prozess in den 1960er Jahren war er gesundheitlich so geschwächt, dass das Verfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt wurde.

George blieb Nazi und war dabei, als die alten Köpfe des rechten Flügels der Deutschen Rechtspartei 1949 die Sozialistische Reichspartei gründeten, die dann verboten wurde. Er engagierte sich auch, als die ehemaligen Wehrmachtsgeneräle ihre Strategie änderten und die deutsche Wiedervereinigung vorantrieben.

Schliesslich fand er in der 1960 gegründeten Deutschen Friedensunion (DFU), die insgeheim von der DDR finanziell unterstützt wurde, eine neuzeitliche Ausdrucksform. Er nutzte die links verortete Friedensbewegung, um weiter an seinen Feindbildern zu arbeiten. Er hasste die in seinen Augen dekadente Demokratie des politischen Westens, die USA und die damalige Bundesrepublik Deutschland.

Im Roman spielen Georges zwei Frauen eine zentrale Rolle. Welche Bedeutung haben sie?

Glück gehabt! – das war der Lieblingssatz seiner Frau Kara, die ihn immer wieder stützte. Die Frauen waren am Kriegsgeschehen nicht aktiv beteiligt, aber sie wussten von seinen Kriegsverbrechen und deckten ihn und tragen so eine Mitschuld. Sie wehrten sich auch nicht gegen das patriarchale faschistische System und seine Familienpolitik, an der George massgeblich beteiligt war. Das Ziel des von der SS getragenen Vereins «Lebensborn» war, die Geburtenziffer «arischer» Kinder zu fördern. Dafür wurden Kinder aus besetzten Gebieten geraubt und uneheliche Kinder zur Adoption an Familien von SS-Angehörigen vermittelt.

Da die erste Frau, Ruth, keine Kinder haben konnte, liess sich George 1939 von ihr scheiden und heiratete kurz darauf eine jüngere Frau, Kara. Sie brachte ein Mädchen zur Welt und nach dem Krieg ein zweites. Die beiden Frauen lebten während des Kriegs eng zusammen im Haus in Lindau.

Welche Verantwortung tragen die Frauen bezüglich der Kriegsverbrechen? Es war schliesslich Ruth, die George in den 1960er Jahren verriet.

Ruth hat George erst verraten, als er krank und nicht mehr verhandlungsfähig war und dadurch auch nicht mehr verurteilt werden konnte. Aber immerhin wurden so seine Kriegsverbrechen untersucht und publik gemacht. Auch wenn das im Nachhinein nichts mehr bewirkt hat. Kara wurde alkoholabhängig, später dement und vergass alles.

Die Frauen zeigen, wie das faschistische Gedankengut überleben konnte, obwohl sie nicht aktiv mitmachten. Sie wussten vom Unrecht ihres Mannes, kritisierten ihn mitunter, dennoch blieben sie ihm, dem Patriarchen, treu ergeben. Wie viele Menschen transportierten sie seine Denkweise weiter, indem sie die patriarchalen faschistoiden Strukturen weiterlaufen liessen. Denn Faschismus und Patriarchat sind eng miteinander verschränkt, wie die Geschichte meines Grossvaters zeigt. Deshalb hat in meinem Buch auch die Auseinandersetzung mit Männlichkeit im politischen Kontext eine grosse Bedeutung.

Welche Auswirkungen hat der Faschismus heute?

Die Personen im Roman sind auch allegorische Figuren und stehen für den deutschen Umgang mit der Vergangenheit: Ausreden, verdrängen, vergessen, aber nie politisch hinterfragen. Das faschistische Gedankengut dringt in das Umfeld der Friedensbewegung ein, viele der ehemaligen Kameraden treffen sich dort wieder. Für die Familie war dies ein Vorwand, sich nicht mit der Nazi Vergangenheit zu beschäftigen, weil der Grossvater jetzt Friedensaktivist ist.

Die Auswirkungen zeigen sich bis heute. Die Alternative für Deutschland (AfD) und die Reichsbürger benutzen dieselben Feindbilder und die Rhetorik des Faschismus. Ebenso gewinnen die Verschwörungstheorien vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und des Ukraine-Kriegs erneut an Aktualität.

Bilder: © Anna Moser

Timo Krstin, «Leopardenmorde», Roman, KLAK Verlag, Berlin 2022. ISBN 978-3-948156-63-3

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1 Kommentar

  1. Den Artikel kann ich nur loben, er ist einer der besten, den ich über das Thema «Grossvater Nazi» gelesen habe! Er sollte unbedingt auch in einer Zeitung mit grösserer Leserschaft, wie NZZ, erscheinen!
    Herzliche Gratulation und beste Grüsse von Christa Markovits (geb. 1936) aus Basel.

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