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Gedankenskizze zum Thema Freiheit

Im Jahr 2023 wird die moderne Schweiz 175 Jahre alt. Dieses Jubiläum bietet die Gelegenheit, auf eine bewegte Zeit zurückzublicken, die in der Geschichte des Bundesstaates immer wieder zu wenig Beachtung findet. Höhepunkt der Festlichkeiten wird zwar der 12. September 2023 sein – der Tag, an dem sich das Inkrafttreten der Bundesverfassung von 1848 zum 175. Mal jährt. Unter Bezugnahme auf den «Allmächtigen Gott» steht in der Präambel der aktuellen Verfassung (angenommen in der Volksabstimmung vom 18. April 1999) folgendes: «Das Schweizervolk und die Kantone, in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung, im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken, im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben, im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen, gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen, geben sich folgende Verfassung.» Freiheit ist ein positiv besetzter Grundbegriff der Philosophie, der Theologie, der Politik und des Rechts. Er bedeutet ganz allgemein die Unabhängigkeit von äusseren und inneren Zwängen. In den modernen liberalen Demokratien hat der Freiheitsbegriff aktuell viel von seiner gesellschaftlich-emanzipatorischen Kraft eingebüsst.

Wie man sich an das Thema Freiheit auch heranwagen mag, stets wird man eingeholt von einer Begriffsverwirrung. Ja man kommt zur Erkenntnis, dass schlussendlich alle möglichen Freiheiten immer abstrakter Natur sind. Erfahrungen über die falsche und widersprüchlichste Auslegung und Handhabung des Begriffs Freiheit bringt uns sogleich zu zwei zentralen Fragestellungen: Warum ist Freiheit, die ja anscheinend der Wunsch aller ist, bisher nicht realisiert worden. Und wie kann Freiheit überhaupt realisiert werden?

Über die missbrauchte Freiheit

Der Begriff der «Freiheit» ist also nicht eindeutig. Freiheit gehört ebenso wie die Liebe zu den allermeisten missbrauchten Ausdrücken. Viele reden über die Freiheit, ohne sich Rechenschaft über ihr Wesen zu geben. Freiheit ist und bleibt einer der umstrittensten wie auch faszinierendsten Begriffe, der, aus welcher Sichtweite des persönlichen Urteils auch immer, allzu gerne missverstanden und gelegentlich zwiespältig oder gar falsch interpretiert wird.

Man hört das Wort aus dem Munde der Demokraten wie auch der Diktatoren und Herrschern «unfreier» Länder, von Geknechteten ebenso wie von Unterdrückten, von Intoleranten wie auch von denjenigen, die sich der grössten Toleranz bemühen. Es verlangen Freiheit sowohl diejenigen, die sich für das soziale Wohl einsetzen wollen, als auch alle anderen, die bei diesem Begriff nur an sich selbst denken. Es nutzen ganz verschiede Charaktere von Persönlichkeiten den gleichen Ausdruck und erheben den gleichen Anspruch an Freiheit.

Die Frage können wir uns bewusst stellen: Wie ist dies möglich? Wir können es nur erklären, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie wir die Freiheit empfinden. Das Erleben der Freiheit allein kann uns eine Ahnung davon geben, wie dieser Begriff entsteht. Damit wird aber die Freiheit zum psychologischen Problem!

Über die Freiheit in sozialen Gruppen

Aus der Tatsache. welche der Begriff Freiheit darstellt, ergibt sich für den Menschen, der nicht isoliert, sondern mit anderen (in Familie, Sippe, Organisation, Gemeinde, Politik, Land usw.) zusammenlebt, eine Komplikation. Es ist in der sozialen Gruppe nicht gleichgültig, welche Eigenschaften und Fähigkeiten bei dem Einzelindividuum zur Entwicklung gelangen.

Es versteht sich, dass das Zusammenprallen der Interessen der unterschiedlichen Individuen oder auch Gruppen immer wieder unvermeidlich wird. Es entsteht zwangsläufig ein Kampf zwischen Leader, die sich als berechtigt fühlen, sich rücksichtslos durchzusetzen. Frei sein in dem Sinne, dass es einem jeden möglich wäre, ohne jegliche Rücksicht auf seine Mitmenschen zu leben, das wäre die vollendete Anarchie. Und es ist unbestritten, dass ein so verstandener Freiheitsbegriff für niemanden zum Heil gereichen würde.

Über die politische Freiheit

Für das Individuum stellt sich also gar nicht die Frage, inwieweit die völlige Entfaltung seines «Ichs» für die Umgebung, in welcher es lebt, von Nutzen oder Nachteil, also wünschenswert oder unerwünscht ist. Jedermann lässt sich vorerst von seinen eigenen Tendenzen und Trieben leiten und findet dies ganz berechtigt.

In der Regel wird erst durch die Erfahrung eines Besseren belehrt: Der Selbsterhaltungstrieb, der durch fremde Macht in ihrer Freiheit bedrohten Individuen kann – wie die Praxis zeigt – Kräfte auslösen, die es ermöglichen, ihre Freiheit einigermassen zu behaupten. Der Zusammenschluss der Schwachen ist zunächst eine Selbsthilfe. Diesen Trend erleben wir regelmässig in Politik und Gesellschaft.

Staatsformen, wie Monarchie, Republik, Oligarchie, Demokratie und Diktatur, unterscheiden sich in der Hauptsache nach dem Umfang und dem Grad der Freiheit, die sie den Bürgern gewähren wollen, der sogenannten politischen Freiheit. In unseren Volksparteien vereinigen sich von rechts, über die Mitte bis nach links «Freiheitsprinzipien» mit Verführungscharakter. Erwähnen wir die Rolle des Staates. Im Laufe der Kulturgeschichte wurden den Bürgern verschiedene Arten von Freiheiten zugesprochen: Die des Ortswechsels, der beruflichen Betätigung, des Glaubens, der Vereinsgründung, der Meinungsäusserung – in Wort und Schrift –, der persönlichen Lebensgestaltung, der politischen Betätigung.

Individuelle Freiheit in einem demokratischen Staat

Die Demokratie sollte gerade diejenige Staatsform sein, die allen Menschen eine freie Entwicklung ihrer Persönlichkeit gestattet. Auf Grund des demokratischen Prinzips kann aber ein geltungsgieriger Mensch verlangen, dass auch er seine Potenziale voll entwickeln darf oder der Ansicht sein, dass vom Grundsatz der Demokratie aus keiner Berechtigung bestehe, ihm dies zu verwehren. Das Prinzip der Demokratie kann somit zu persönlichen Zwecken missbraucht werden. Hindert aber eine Demokratie die Entwicklung einer in bestimmter Weise veranlagten Gruppe, so ist sie keine Demokratie. Die Frage bleibt somit im Raum: Darf eine Demokratie intolerant sein?

Erst allmählich wurden die verschiedenen Arten von Freiheiten immer grösseren Schichten der Bevölkerung zugestanden: Den Adeligen, der Bourgeoisie, dem Proletariat. In den demokratisch organisierten Ländern gelangte eine verhältnismässig grosse Zahl von Bürgern in den Genuss von «Menschenrechten». Der Zweck des Staates ist in Wahrheit die Freiheit.

Verwirklichung der individuellen Freiheit

Der Kampf um die Freiheit, die die heutige Weltlage so verhängnisvoll bestimmt hat, ist in Wirklichkeit seit jeher der Kampf zwischen den sozialen und antisozialen Charakteren. Will man diesen Kampf siegreich führen, so ist es notwendig, eine Aktion sozialpädagogischer Art gegen bestimmte menschliche Charaktertypen zu führen. Dies hat schon Pestalozzi richtig erkannt: «Es ist für den sittlich, geistig und bürgerlich gesunden Weltteil keine Rettung möglich als durch Erziehung, als durch Bildung zur Menschlichkeit, also Menschen Bildung!».

Jeder Mensch muss sich über die psychologische Seite des Freiheitsproblems klar werden, und zwar in erster Linie darüber, dass ein wirklicher Fortschritt in diesem nur möglich ist, wenn es der menschlichen Gesellschaft gelingt, bestimmte Charaktere heranzubilden. Es ist für jeden Staat und jede Gesellschaft von allergrösster Wichtigkeit, zu wissen, welche Eigenschaften Einzelne zur Entfaltung drängen, und welchen man das Recht auf Entfaltung zubilligen darf. Es stellt sich damit die Notwendigkeit, zwischen den positiven und negativen sozialen Charakteren zu unterscheiden. Die Mission des gerechten Staates in erster Linie ist, nur die positiven Werte zu verteidigen.

Über die eingeschränkte Freiheit

Es waren gerade die grossen Geister der Menschheit, Persönlichkeiten, erfüllt von Gerechtigkeitssinn und Mitgefühl für die Leiden der anderen, die sich als Benachteiligte fühlen. Dies ist, weil ihre sozialen Forderungen nicht erfüllt wurden oder werden und es ihnen nicht möglich ist, ihre Bestrebungen zu verwirklichen. Wir müssen daher eine nähere Betrachtung unterziehen, auf welcher Grundlage man versucht hat, den Ausgleich der Kräfte in einem Staat zu schaffen. Man hat sich aus theoretischen Erwägungen heraus diesen Ausgleich der Macht zu einfach zurechtgezimmert, gemäss den Vorstellungen der Machtgeber, die ihre eigenen Vorstellungen über die Gleichheit der Menschen zu jeder Zeit im eigenen Interesse formuliert haben.

Jedes Individuum sollte auf einen Teil seiner Wünsche und Aspirationen verzichten, damit andere etwas geniessen können. «Schränke deine Freiheit so weit ein, als es die Freiheit der anderen erfordert.» Im gewöhnlichen Leben spricht man von «zusammenrücken», damit auch der andere Platz findet oder von den «Kompromissen», die einzugehen man sich im Interesse der andern mehr oder wenig freiwillig veranlasst fühlt. Damit wird in das Problem der Freiheit dasjenige der «Bindung» eingeschlossen. Das ist die quantitative Beschränkung der Freiheit, wie man sie in der demokratischen Staatsform erstrebt und zum Teil auch verwirklicht hat. Der berühmte Satz von Wolfgang Goethe: «Man kann in wahrer Freiheit leben und doch nicht ungebunden sein», bezieht sich auf diese Art Freiheit. Eine solche quantitative Einschränkung würde aber nur dann ganz und gar möglich, wenn alle Menschen die gleichen moralischen Eigenschaften besässen.

Es gibt eben Menschen, die der Volksmund «böse» oder «bösartig» nennt, und die in der Wissenschaft als «antisoziale» und sozial feindlich bezeichnet werden. Unter diesen sei eine besondere Gruppe hervorgehoben, die in unserer Zeit besonders in Erscheinung tritt. Es sind dies die Raffgierigen, deren Trieb in der skrupellosen Entfaltung eines Macht- und Herrschaftsbedürfnisses auf Kosten der Minderheiten ausartet. Sie sichern sich die von ihnen erstrebte Vormachtstellung mit Gewaltmitteln. So bedrohen sie dauernd andere Existenzen.

Über Aspekte der Freiheit im Jahr 2023

Wir sind mehr denn je permanent Opfer von Unfreiheit, die uns über alle möglichen und unmöglichen Informationen aufdiktiert werden. In diesem Begriff «aufdiktiert» steckt völlig zu Recht das Wort Diktatur. Im realen Leben innerhalb jeder Gemeinschaft – sei es Partnerschaft, Familie, Staat oder gar in politischen Parteien – geht es letztlich immer wieder um ein individuelles Ausbalancieren der sich zugestandenen eigenen religiösen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Freiheiten. Es ist kein Geheimnis, dass so oder so auch diesen doch äusserst subjektiven Freiheiten letztlich immer Grenzen gesetzt sind. Nur wer der Wirklichkeit gehorcht, ist auch frei und soll sich zu Wort melden. Und die Freiheit, die die Politik insgesamt verspricht, bleibt in der Regel eine Vision der Zukunft. Auf diese Zukunft zu setzen, liegt in der Natur des Politischen. Der ehemalige Bundesrat Ueli Maurer sagte es kürzlich zielführend: «Sagen, was man nicht mehr sagen darf, aber muss». Diese Freiheit braucht die Gesellschaft gerade in der heutigen Zeit. Nennen wir ein Faktum, das gesagt werden muss: Der Angriffskrieg gegen die Ukraine ist eine Angriffshandlung, eine offenkundige Verletzung der Charta der Vereinten Nationen. Ein brutaler Missbrauch der Macht des russischen Diktators Putin gegen die Freiheit eines unabhängigen Staates und seiner Menschen.

Wie viele Versuche hat der einzelne Mensch nicht schon unternommen, um Freiheit – so wie er diese versteht – zu erreichen? Doch sein Herz ist immer noch auf der Suche! Nur in ihm selbst liegt der Schlüssel, um zu wahrer Freiheit zu gelangen! Der moderne Mensch ist in vielerlei Hinsicht als frei zu bezeichnen. Er hat die Möglichkeit, seinen Beruf zu wählen, seine Freizeit so zu verbringen, wie er es will. Er kann grundsätzlich auch seine Meinung frei äussern.

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1 Kommentar

  1. Der Begriff der Freiheit und der Liebe ist, wie Sie schreiben, nicht eindeutig. Bei mehrdeutigen Begriffen hilft es oft, diesen auf das Wesentliche herunter zu brechen. Bei Freiheit ist es die Autonomie des Einzelnen, die Selbstbestimmung, der freie Wille. Aber selbst als Einsiedler, weitab jeder Zivilisation, sind sie nicht vollends frei. Sie sind abhängig von Wasser, Nahrung, ein Dach über dem Kopf usf. Und so sollte man m.E. den Begriff der Freiheit verstehen. Sie ist immer abhängig vom Umfeld, in dem wir leben. In einer Gemeinschaft zu leben heisst, die eigene Freiheit der Freiheit des anderen anzupassen, im Sinne des Gesamtwohls. Dafür braucht es Regeln und die klare Definition der elementaren Grundrechte und –pflichten, die für alle gelten. Ohne diese haben wir eine Anarchie oder die Herrschaft einzelner und, dass diese nicht zu einem langfristigen, friedlichen Miteinander führt, zeigen uns die Vergangenheit und ebenso die Gegenwart.

    Die Liebe hingegen ist einfacher zu begreifen. Am Ende aller Anstrengungen des Menschen, macht alles ohne Liebe keinen Sinn. Oder produziert die Evolution nur um des Produzierens willen? Warum hätte der Mensch und die meisten Tiere, ja sogar die Pflanzen, Empfindungen wie Zuneigung und Nähe, Angst und Distanz, einen Überlebenswillen? Für mich als Mensch bedeutet Liebe eine Haltung. Sie ist im besten Fall eine Wertschätzung und Akzeptanz dem Leben gegenüber, nicht mehr und nicht weniger.

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