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Ai Weiwei an der Universität St. Gallen

Am 30. Januar 2023 war der weltbekannte Künstler, Chinakritiker und Menschenrechtsaktivist Ai Weiwei an der UNI St. Gallen im Gespräch mit Laura Noll und Philippe Narval. Dabei äusserte er sich zu Fragen der Kunst, der Bildung, zu China und dem Westen.

 

Porträt von Ai Weiwei (screenshot bs)

Der 1957 in Peking geborene Ai Weiwei wuchs zunächst während der 20-jährigen Verbannung seines Vaters, des Dichters und Regimekritikers Ai Qing, mit seiner Familie in der Mandschurei und in Xingjiang auf. Ab 1978 studierte er an der Pekinger Filmakademie. Zwischen 1981- 1993 war er in den USA und lernte vor allem in New York die westliche Gegenwartskunst kennen, u. a. Pop Art, Konzeptkunst, Performance. Wegen einer schweren Erkrankung seines Vaters reiste er 1993 nach China zurück und war in seinem regimekritischen Kunstschaffen immer wieder Repressalien von Seiten der Behörden ausgesetzt. Bei einem Polizeieinsatz erlitt er 2010 eine Hirnblutung, im selben Jahr wurde sein Atelier zwangsgeräumt, im Jahre 2011 wurde er 81 Tage inhaftiert und erhielt eine Ausreisesperre bis 2015. Danach verliess er China, wohnte bis 2019 in Berlin, danach in England und seit 2021 in Portugal.

Im Gespräch an der UNI St. Gallen liess sich Ai Weiwei nicht auf philosophische Debatten ein, sondern gab zu Stichworten von gut vorbereiteten Fragen kurze, manchmal ironische, durch persönliche Erfahrung gereifte Antworten.

Rolle der Kunst?

Ai Weiwei will keine Kunst machen, in der es bloss um die richtige Form geht. Kunst suche einen tieferen Ausdruck von dem, wer wir sind und was wir ethisch/politisch verantworten können. Gute Kunst basiere auf echten Emotionen und strebe nach mehr Menschlichkeit und Mitgefühl im Zusammenleben.

Bildung?

Im Westen gehe es in Erziehung und Bildung letztlich darum, ein nützlicher Teil der Gesellschaft zu sein und im System gut zu funktionieren. Man erlerne spezifische Fähigkeiten und Fertigkeiten, verliere dabei aber den Bezug zu wichtigen emotionalen Gefühlen wie Mitgefühl. Ein guter Mensch zu werden, seine Persönlichkeit zu entwickeln werde weniger hoch gewichtet als Konkurrenzfähigkeit.

Ihm werde oft gesagt, er sei mutig. Das habe er aber nie angestrebt. Wichtig sei, das zu tun, was man verantworten könne.

Erfolg sei ein Wort, das er nicht verstehe. Es sei nicht wichtig, der beste zu sein, sondern in dem aufzugehen, was man tue und mit Herz dabei zu sein. Sein Erfolgsgeheimnis sei, im richtigen Moment sich für etwas Wichtiges zu entscheiden und sich dann mit aller Kraft dafür einzusetzen, als ob es die letzte Chance wäre.

Vater? Sohn? Freunde?

Seinen Vater habe er nicht als Dichter oder Künstler verehrt und vieles von ihm abgelehnt. Hingegen habe ihn zutiefst beeindruckt, wie er in der Verbannung beim befohlenen Toilettenputzen sich nicht demütigen liess, sondern nach Perfektionismus strebte.

Von seinem Sohn erwarte er, dass er seinen eigenen Weg gehe und hoffentlich nicht Künstler werde. Er sei zu was Besserem fähig, meinte Ai Weiwei schmunzelnd.

Wichtig sei es, zwei, drei gute Freunde zu haben. Für ihn sei Uli Sigg, bedeutender Sammler chinesischer Gegenwartskunst und ehemaliger Schweizer Botschafter in China,  ein guter Freund. Sie würden einander geduldig zuhören, aber nicht glauben, was der andere sage.  Letztlich mache jeder, was er für richtig halte.

China? Westen?

Al Weiwei kämpft gegen Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Unterdrückung der freien Meinung in China. Erfreulich sei seit Mao die Erhöhung des Lebensstandards für alle und die Überwindung des Hungers.

81 Tage in Untersuchungshaft, rund um die Uhr bewacht von zwei Soldaten. Von Ai Weiwei 2013 in einem Wachsfigurenkabinett nachgestellte Szene (Screenshot bs)

Die Meinungsfreiheit sei nicht nur in China bedroht. Die europäische Migrationspolitik sei ein Verbrechen, wie die vielen Toten im Mittelmeer beweisen würden. Heuchelei sei weit verbreitet in westlichen Gesellschaften.

China werde auf dem eigenen Weg weitergehen und dabei geopolitisch mächtiger werden, was den Westen irgendwann beängstigen könne. Eine Änderung der chinesischen Politik sei nicht in Sicht, eine Revolution schon gar nicht. Der Westen werde das autokratische China weiterhin akzeptieren, da er sich im Umgang mit China eher am Profit als an den Menschenrechten orientiere.

Soweit ein paar Gedankensprossen aus dem Gespräch vom 30. Januar 2023 an der UNI St. Gallen. Das ganze Gespräch ist in Englisch zugänglich unter  https://www.youtube.com/watch?v=Xg4WIzG9Apo

Weitere Hinweise:

Ein Blick in die Biografie von Ai Weiwei unter https://www.youtube.com/watch?v=q-RW2Fuw6T0 (14 min. Deutsch)

Eine Ausstellung in Wien verschafft einen Einblick in das politische Kunstschaffen von Ai Weiwei: https://www.albertina.at/albertina-modern/ausstellungen/ai-weiwei/

Titelbild: Ai Weiwei im Gespräch mit Laura Noll und Philippe Narval (Foto: Salome Bänziger)

 

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1 Kommentar

  1. Der Künstler Ai Weiwei ist für mich mit seiner klaren Haltung ein Vorbild. Ich bin ihm dankbar für seine fadengraden Worte, den Westen betreffend. Wenn’s um Geschäfte machen mit China geht, stehen die Menschenrechte, die Fairness, die Wahrheit und die Transparenz, nicht an erster Stelle. Leider auch nicht für die Schweiz. Diese Buckelei gegenüber dem Unrechtsstaat China ist m.E. scheinheilig und macht unsere demokratischen Werte unglaubwürdig.

    Ohne offene Ablehnung und Sanktionen anderer Länder gegenüber Chinas Verletzungen der Menschenrechte und dem fortschreitenden, rücksichtslosen Handel weltweit, wird sich die kommunistische Politik Chinas weiterhin über die Rechtsstaatlichkeit anderer Länder hinwegsetzen und ihren Einfluss und ihre Machtansprüche noch mehr geltend machen. Die Frage drängt sich auf, ob die Abhängigkeit von China uns dann nur noch zu einem Anhängsel chinesischer Politik werden lässt, oder ob die bestehende Autonomie der Länder weiter funktionieren kann?

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