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Zum 80. Geburtstag von Rainer Funk

Der Psychoanalytiker Rainer Funk (*18. Februar 1943) lebt in Tübingen. Er kam über die Philosophie und Theologie zur Psychoanalyse. In den 1970er-Jahren kooperierte er eng mit dem Sozialpsychologen Erich Fromm (1900-1980).

Beruflich arbeiteten Fromm und Funk vorwiegend psychotherapeutisch. Dabei interessierte sie, wie sich die Gesellschaft im Individuum dokumentiert. Und umgekehrt. Auf die menschliche Psyche fokussiert, untersuchten beide deren dialektische Wechselwirkungen mit sozialen, kulturellen und ökonomischen Verhältnissen.

Ich und Wir

Rainer Funk verwaltet Erich Fromms Nachlass. Er publizierte dessen Schriften in zwölf Bänden. Hinzu kamen mehrere eigene Bücher. So etwa Ich und wir. Psychoanalyse des postmodernen Menschen (München 2005) und Der entgrenzte Mensch. Warum ein Leben ohne Grenzen nicht frei, sondern abhängig macht (Gütersloh 2011).

Das Buch, herausgegeben von Hamid Lechhab, erscheint in englisch und deutsch zum Geburtstag von Rainer Funk

Der entgrenzte Mensch versucht laut Funk auch Gefühle und emotionale Reaktionen neu zu erfinden. «Indem man alle Vorstellungen und Gefühle zu verdrängen versucht, die einen spüren lassen, wie begrenzt man ist, desto grösser ist die Gefahr, dabei seelisch zu verarmen.» Ja, man wolle sich und andere nur noch positiv erleben, wertschätzend, lobend und simuliere eine neue Persönlichkeit. Doch der Schein trügt: Je mehr wir unsere produktive Eigenkraft deaktivieren, desto mehr täuschen wir uns.

Funk knüpft auch in Ich und Wir an den von Fromm typisierten Marketing-Charakter an, der «vom Erfolg auf dem Markt» abhängt. «Die Verpackung, die Performance, die Inszenierung zählt, nicht der Inhalt». Unter Bedingungen der Digitalisierung tritt nach Funk ein Ich-orientierter Charakter stärker hervor. «Ich bin ich, und niemand hat das Recht, mir irgendwelche Vorgaben zu machen. Ich möchte mich völlig frei und ungebunden selbst bestimmen können.» Funk unterscheidet dabei aktiv Kreative, die «kontakt-, aber kaum bindungsfähig» sind von passiv Ich-Orientierten, die technologische Errungenschaften vorwiegend konsumieren.

Gegenwärtig leben

Der Philosoph und Psychologe Hamid Lechhab sprach mit Rainer Funk ausgiebig über Die Bedeutung von Erich Fromm für die Gegenwart (Zeuys Books, Neuhofen 2023). Das Buch erscheint am 18. Februar 2023 zu Funks 80. Geburtstag. Lechhab veröffentlichte bereits im April 2022 in der marokkanischen Tageszeitung Al Massaae (Casablanca) 23 ganzseitige Interviews mit Funk. Sie sind danach im jordanischen Verlag Khotot wa Dilal (Amman) erschienen und liegen nun auch in deutscher und englischer Sprache vor.

Hamid Lechhab, Philosoph, Psychologe und Übersetzer ist Österreicher marokkanischer Abstammung.

Fromms Bücher gehören zu den meist verkauften der Welt. Zuerst verbreiteten sie sich in den USA, in Lateinamerika und im westlichen Europa. Und heute sprechen sie offenbar viele Menschen in asiatischen, osteuropäischen und arabischen Ländern an. Vermutlich fasziniert das Freiheitliche, das in allen Schriften anklingt.

Die Furcht vor der Freiheit (1941) ist derzeit in der Volksrepublik China gefragt. Fromm analysiert darin, wie viel Destruktivität aus ungelebtem Leben hervorgeht. Wer die Freiheit nicht aushält, unterwirft sich Autoritäten und passt sich konform an. Am bekanntesten ist Die Kunst des Liebens (1956). Statt selbst zu lieben, tun wir viel dafür, geliebt zu werden. Wir optimieren unser Outfit und zeigen, wie clever wir sind. Wir wollen erfolgreich imponieren und verpassen so das Einfache, das sichtbar schwierig ist. Das direkte Lieben verzichtet gerne darauf, sich über andere zu erheben. Haben oder Sein? (1976) ist ein drittes Welt-Buch, an dem Rainer Funk intensiv mitgearbeitet hat. Es kontrastiert das anhäufende Besitzen mit einem Sinn suchenden Sein, das sich selbst vertraut und gegenwärtig lebt.

Selbst-reflexiv lernen

Erich Fromm gründete keine eigene psychotherapeutische Schule. Er vermittelte sein umfassendes Wissen über Artikel, Medien, Vorträge und Mitdenkende. Rainer Funk, Fromms letzter «Assistent», initiierte dann 1985 die Internationale Erich-Fromm-Gesellschaft. Er leitet immer noch das Erich Fromm-Institut in Tübingen, das eine wertvolle Bibliothek unterhält. Funk lehrt auch an der International Psychoanalytic University (IPU) in Berlin und verantwortet dort das Erich Fromm Study Center mit.

Wichtig ist das Vorbild von Erich Fromm und Rainer Funk, täglich selbst-reflexiv zu lernen. Dazu gehört der Zugang zu unbewussten Anteilen und zu dem, was uns selbst bei uns und andern fremd ist. So öffnen sich neue Horizonte. Und das führte bei Fromm dazu, dass ihm (fast) nichts Menschliches mehr fremd blieb. Funk sieht darin den «wahren Grund von Fromms Menschheitsliebe».

Verdrängtes erkunden

Rainer Funk betont das Potenzial des Unbewussten. Er bezieht dabei das gesellschaftlich Verdrängte und den universalen Menschen ein. Im Fromm Forum (25/2021) zum Humanismus in schwierigen Zeiten beschreibt Funk das Unbewusste als Ort, «wo noch niemand war».

Titel der Jahresschrift Fromm-Forum 25/2021

Auf Ernst Bloch und Karl Marx rekurrierend, hält er dafür, die Entfremdung emanzipatorisch zu überwinden und Heimat nicht rückwärtsgewandt, sondern visionär anzugehen. Sie ist für Funk eine «produktive Orientierung» und verwirklicht sich nicht regressiv, sondern progressiv; indem wir selber denken, aus eigenem Antrieb fühlen, einen eigenen Willen entwickeln und eben «Heimat in der Zukunft suchen». Dazu gehört die Bereitschaft, Verdrängtem und Unbewusstem auf die Spur zu kommen.

Unbewusst ist uns, führt Funk weiter aus, was wir an Unerträglichem verdrängen. Zum Beispiel die Wut auf einen Vater, der einen kaum wertschätzt. Allmählich verflüchtigt, verkehrt sie sich in Mitleid und je nachdem sogar in eine kontrollierende (Über-)Fürsorglichkeit, die verbindet und ärgerlich stimmt. Was wir verdrängen, schafft Fremdes bei uns und in der Umwelt. Wobei wir auch stets aus unserer Sozialität handeln. Die Gesellschaft bestimmt mit, «welche Gedanken und Gefühle ins Bewusstsein des Einzelnen gelangen dürfen».Das gesellschaftliche Unbewusste repräsentiert auch den universalen Menschen. Unbewusst ist laut Rainer Funk nicht nur, was wir verdrängen, weil es gesellschaftlich nicht akzeptabel ist. Das Unbewusste beinhaltet unsere abgrundtiefen sowie ungeahnten Möglichkeiten, ganz Mensch zu werden. Diese sind ebenfalls ins Bewusstsein zu bringen, «weil mit jeder Bewusstwerdung das, worin noch niemand war, zur neuen Heimat wird». Und wer mit dem Fremden bei sich selbst vertraut wird, «kann im Fremden des Anderen etwas Eigenes spüren, so dass der Andere sein befremdliches Anderssein verliert», was auch Solidarität ermöglicht. Soweit der Psychoanalytiker Rainer Funk. Fundiert und differenziert. Vielen Dank – für alles!

Titelbild: Rainer Funk. Foto: zvg Funk, Rainer und  Lechhab, Hamid: Die Bedeutung von Erich Fromm für die Gegenwart. ZEUYS BOOKS, Neuhofen/Ybbs, NÖ, 2023. ISBN 978-3-903893-14-6 Den Beitrag von Rainer Funk im Fromm-Forum 25/2021 Humanismus in schwierigen Zeiten finden Sie hier zum Herunterladen

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