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Hundekot vs. Kritikerblähungen

Marco Goecke, der Ballettchef der Staatsoper Hannover, traktierte die Journalistin Wiebke Hüster mit dem Kot seines Dackels Gustav. Die Rezensentin hatte Goeckes Stück „In the Dutch Mountains“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kritisiert. Goeckes Choreografie für das Den Haag Nederlands Dans Theater hatte einige Tage vor diesem Vorfall Premiere in Holland.

Der Theatermann hat sich unterdessen entschuldigt. Trotzdem ist er seinen Job los. Der renommierte Choreograf wird allerdings nicht lange nach einer neuen Stelle suchen müssen. Deshalb ist der Eklat alles in allem ein freudiges Ereignis. Und inspirierend. Man müsste so etwas auf die Bühne bringen. Nackte Darstellerinnen und Darsteller sind längst bekannte Routine. Hundsgaggel hingegen wären ein Kracher.

Wirklich, der Skandal ist ein Grund zum Jubeln. Endlich ist Theater wieder mal ein Thema ausserhalb des engen Kreises der Insider. Und endlich ist das Ballett wieder mal anders in den Medien als mit sexuellen Übergriffen. Ich habe Hüsters Kritik gelesen. Sie ist hart, aber nicht beleidigend. Die Reaktion des Tanzchefs ist ein Ausrutscher – auch wenn die Rezensentin seine Werke schon früher geschmäht hat. Klar tut es weh, wenn man wochenlang geprobt hat und die Produktion dann auf 120 Zeilen niedergemäht wird. Aber das gehört nun mal zum Job.

Umgekehrt gehen die Theaterschaffenden mit den Kritikern auch nicht zimperlich um. Ich habe früher viele Bühnenbesprechungen gemacht. Jetzt mal ganz unter uns: Verrisse sind viel spannender zu schreiben, als Lobeshymnen gen Himmel zu senden. Die Reaktionen der Betroffenen: Rühmte ich, galt ich als profunder Kenner. Kritisierte ich, hatte ich von nichts eine Ahnung. Die Folgen für meine gewiss nicht immer fundierten Pieksereien: Zweimal las mir ein Schauspielchef die Leviten. Einmal warnte die Theaterleitung das Publikum in der Saisonvorschau vor mir.

Der Ballettszene haftet zurzeit durch mehrere sexuelle Übergriffe ein übler Geruch an. Der Vorfall in Hannover am 11. Februar hinterlässt zwar auch schlechten Geschmack. Er ist aber vergleichsweise harmlos – und nützlich. Das laute Medienecho bringt Aufmerksamkeit, von der alle profitieren: die Staatsoper, der Choreograf, die Kritikerin, das Tanzensemble.

Dackel Gustav ist ein kurzbeiniger Goldesel.

Bilder Freepik, Peter Steiger

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4 Kommentare

  1. Ernsthaft, Aufmerksamkeit um jeden Preis? Was für eine Kacke! Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein renomiertes Theater oder Ballet auf Werbung dieser Art angewiesen ist. Auf diesem niederen Level operieren doch sonst nur die Boulevard-Medien. Guten Geschmack hat man oder eben nicht.

    • Aufmerksamkeit und Geld stinken nicht. Selbst wenn es um die Hinterlassenschaften eines Dackels geht. Seien es nun Staatsopern, gefeierte Choreografen oder spitzzüngige Kritikerinnen, sie alle profitieren von dieser Währung.

      • Die Liebhaber von Theater oder Ballet kaufen sich also eine teure Eintrittskarte für ein Stück, nur weil gewisse Kritiker und Medien dieses Stück mit Dreck beworfen haben? Aus meiner Sicht, eher unwahrscheindlich, oder sind wir wirklich als Gesellschaft schon so weit gesunken?
        Kritik ja, Schlammschlacht nein. Meine Meinung.

  2. Eines zeigt es ganz bestimmt, nämlich, dass es weniger um das Publikum geht mit seinem eigenen Interesse und eigener differenzierter Wahrnehmung, als um das benötigte Publikum für den explosiven Auftritt eigener Eitelkeiten. Ob das für beide Seiten stimmt, müsste man gemeinsam noch länger abwägen…

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