StartseiteMagazinKulturUnaufhaltsam dreht sich die Bühne

Unaufhaltsam dreht sich die Bühne

Im Opernhaus Zürich war am Sonntag der dritte Teil des «Ring des Nibelungen» zu erleben. Die «Walküre» hatten wir in einem Bürgergemach mit einem glühenden Minifelsen zurückgelassen. In denselben Bürgergemächern spielt auch «Siegfried», der gezeichnet ist durch gelungene Rollendebüts und einer Drehbühne, die gefühlt ständig in Bewegung ist.

Es ist und bleibt das «Problemkind» von Wagners «Nibelungen-Mythos», der «Siegfried», dessen Zürcher Entstehungsgeschichte die Tetralogie markant prägt. Mit dem Text «Siegfrieds Tod» in der Tasche emigrierte Wagner 1849 in die Schweiz, wo er zwei Jahre später beschloss, diesem ein weiteres Werk voranzustellen. Er wollte und musste den Tod seines Helden plausibel erklären, was ihm allerdings auch mit dem «Siegfried» nicht recht gelungen ist, weshalb er zwei weitere Dramen kreierte.

Wie ein Märchen

«Siegfried» nahm also ursprünglich die Stellung eines Erklärstücks ein. Darin wird dem Publikum gemäss Wagners Idee die Vorgeschichte wie in einem Märchen des Langen und Breiten erzählt, was sich vor allem im 1. Aufzug niederschlägt. Da wird viel parliert, zuerst Mime mit Siegfried, dann der Wanderer mit Mime, bis endlich dank dem «Schmiedelied» Handlung und Dramatik ins Spiel kommen.

Siegfried (Tenor Klaus Florian Vogt) schmiedet auf der Bühne des Zürcher Opernhaus ein Schwert, mit dem er den Drachen bezwingen und den Ring des Nibelungen erobern will. (Alle Bilder Opernhaus Zürich/Monika Rittershaus)

Zugegeben, das ist schwierig zu inszenieren. Wenn aber die Szenerie seit dem «Rheingold» aus immer derselben stark verengenden Drehbühne mit Bürgerstubenambiente, goldenem Walhall-Tisch und Mini-Walkürenfelsen besteht, dann wird Neues fast verunmöglicht. Kommt hinzu, dass diesmal alle Wände und das gesamte Interieur komplett in schwarz gehalten sind.

Der hohe Bücherschrank wird dabei schon mal zur Schmiedestube mit aufloderndem Feuer und in Walhall sind als neues optisches Zeichen nicht nur die Stühle durcheinandergeraten, auch der Rahmen ist blind geworden, in welchem im «Rheingold» noch die Burg als Gemälde prangte. Der Fokus liegt im «Siegfried» ganz auf der (kaum vorhandenen) Handlung und die musikalisch suggerierte Grossartigkeit von Wald und Felsen werden optisch erdrückt.

Oh, fast das Schwert vergessen!

Intimität ist angesagt, kein Geprotze, aber auch kaum Lebendigkeit und lineare Handlung. Umso wichtiger scheint dem Regisseur Andreas Homoki die unablässig sich bewegende Drehbühne zu sein. Die von Wagner intendierte Burleske bilden die einzigen, subtil gesetzten Lichtblicke in der dunklen Nacht. Da ist etwa der Bär, mit dem Siegfried aus dem Wald erscheint und welcher sich liebevoll seinem Häscher an den Hals wirft. Oder Siegfried, der fast sein Schwert mitzunehmen vergisst, um gewappnet in die Welt zu ziehen. Und auf dem «Walkürenfelschen» ist inzwischen ein Tännchen gewachsen – wie doch die Zeit vergeht!

Brünnhilde (Camilla Nylund) auf dem «felschen» und Siegfried mit dem Schwert.

Solch kleine Regiescherze lockern nicht nur auf, sie dienen auch der Rollenzeichnung des Titelhelden, der oft als kraftstrotzender Haudegen dargestellt wird, der Bären brutal einkerkert, Ziehvater Mime mordlustig erschlägt und den Drachen Fafner eiskalt tötet. Nicht so dieser Siegfried, dem man das Kind im Mann, seine Unbekümmertheit und Naivität ohne mit der Wimper zu zucken glaubt. Klaus Florian Vogt singt die Rolle zum ersten Mal, und wie! Die lyrische Färbung seiner Stimme, die so perfekt zum Lohengrin passt, kommt auch hier zum Tragen, aber es sind viele neue Facetten zu entdecken, so auch hochdramatische Qualitäten.

Andreas Homoki zeichnet Siegfried neu

Insgesamt macht er den Siegfried szenisch und musikalisch zum Sympathieträger. Unterstrichen wird sein geglücktes Rollendebut bei der Begegnung mit Brünnhilde, denn stimmlich passt Camilla Nylund bestens zu ihrem Erwecker. Auch sie hat eine leichtere Stimme, die sie aber gezielt einsetzt, ohne Vibrato-Überschwang wie bei so vielen Brünnhilden. Das Liebespaar bleibt bei seiner dramatischen Geradlinigkeit auch dann, wenn die Philharmonia Zürich unter Gianandrea Noseda mal wieder aus dem Vollem schöpft.

Noseda verfällt im «Siegfried» wieder in die alte Unsitte des zu Lauten, zu Protzigen, zu Plumpen, um ja keine schönen Momente zu generieren, wie er ja unumwunden zugibt. Dieser Interpretationsansatz ist zuweilen ärgerlich, etwa wenn das Blech einmal wieder grob überbordet, oder wenn er einen leichteren, parlierenden Ton im Keim erstickt und die Sänger gnadenlos zudeckt.

Göttervater wird zum Polterer

Nichts anhaben können solche Allüren dem auftrumpfenden, mit stählerner Stimme ausgestatteten Tomasz Konieczny als Wanderer. Vom freundlichen Sympathieträger im «Rheingold» ist der Göttervater nun endgültig zum zynisch wütenden Polterer geworden, der auch Erda keine Chance lässt und diese szenisch wie stimmlich beinahe zurück in Grund und Boden singt. Anna Danik als starker Kontrast in weissem Kleid mit verbundenen Augen hat keinerlei Entfaltungsspielraum. Allerdings hängt dies auch mit der sinfonischen Anlage des 3. Aufzugs zusammen. Diesen hatte Wagner erst Jahre nach den ersten beiden, und damit nach seinen Erfahrungen mit dem «Tristan», komponiert.

Siegfried und das Waldvögelein (Rebeca Olvera), eine poetische Szene.

So anrührend der Knabe Siegfried ist, so erbarmungswürdig sein Gegenüber Mime. Auch er ist nicht einfach der geldsüchtige Keifer, sondern ein verschupfter Underdog, erdrückt von den Machtansprüchen seines Bruders Alberich, unfähig, das gewünschte Schwert zu schmieden. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke singt und gestaltet die Rolle hervorragend. Mit seinem Wuschelkopf und untertänigen Gesten, der hellen aber nie schrillen Stimme, wird er zum Spielball anderer; auch von Wotan. Warum ihn Siegfried so hasst, wie dieser ständig singt, bleibt dessen Geheimnis. Erst wenn ihm Mime den tödlichen Gifttrank reicht, hat er keine andere Wahl und ersticht seinen Ziehvater.

Und dann nichts wie weg, in den Wald hinein, wo ein Waldvöglein, von Rebeca Olivera agil und höhensicher gesungen, Siegfried munter «bezwitschert». Wagners märchenhafteste Momente beginnen: Das Waldvöglein mit weissen Federflügeln umfängt den suchenden Jüngling, der danach den Lindwurm findet, der tatsächlich als wildfauchendes Ungeheuer auf der Szene erscheint. Es sind szenisch solche Momente, die in Erinnerung bleiben.

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