StartseiteMagazinKulturZwischen Traum und Wirklichkeit

Zwischen Traum und Wirklichkeit

Das Kunst Museum Winterthur zeigt mit «Rêve et réalité» Werke von Odilon Redon: vom Schwarz der frühen Lithographien bis zu den Farbfantasien des reifen malerischen Schaffens.

Eigenartige Fantasiewesen treten aus dem Dunkel von Redons Bildwelt. Und immer wieder Skelette, körperlose oder schwebende Köpfe, Augäpfel, etwa ein Augapfel im Luftballon, der in den wolkenverhangenen Himmel fliegt. Die Texte im Titel der Bilder eröffnen lyrische Dimensionen, die das Gruseln verhindern, zumal es im zweiten Ausstellungsabschnitt bunt und luftig wird: Pastelle und Ölgemälde mit Schmetterlingen, farbintensive Blumen, Meergetier und wiederum Wesen aus Traumsphären.

«L’oeil, comme un ballon bizarre se dirige vers l’infini / Das Auge strebt wie ein seltsamer Ballon zum Unendlichen hin», Blatt 1 des Albums «A Edgar Poe», 1882. Foto: SIK-ISEA, Zürich, Philipp Hitz

Wer ist dieser eigenwillige Künstler des Fin de Siècle, der mit den Impressionisten befreundet war, künstlerisch aber eigene Wege ging, sich früh mit dem Unbewussten auseinandersetzte, bevor Siegmund Freud Die Traumdeutung 1899 publizierte?

Odilon Redon (1840-1916) kam in Bordeaux in einer Familie wohlhabender Weingutsbesitzer zur Welt. Seine Kindheit verbrachte er vermutlich wegen einer Epilepsie-Erkrankung weitab bei einem alten Onkel. Einsamkeit prägte diese frühe Zeit, in der er zu zeichnen begann und  viel las. Später schloss er sich in Paris den Symbolisten um Charles Baudelaire an, die ihr Unbehagen durch die Umbrüche im Fin de Siècle mit einer Faszination für das Bizarre und Abgründige zum Ausdruck brachten.

«Face mystique (Lumière) / Mystisches Gesicht (Licht)», 1893. Foto: SIK-ISEA, Zürich, Lutz Hartmann

In diesen literarischen Kreisen wurde Redon anerkannt und gefördert. Dennoch konnte er sich mit ihren strengen Regeln und Theorien nicht anfreunden. Denn ihn interessierten auch wissenschaftliche Diskurse zu Evolutionslehre, Botanik und Optik. Diese verband er in seinen Arbeiten mit traditionellen Vorstellungen aus Mythologie und Religion sowie mit spirituellen Ideen.

In der ersten Hälfte seines Schaffens zeichnete Redon vorwiegend mit schwarzer Kohle und meinte, Schwarz sei die «unbedingteste Farbe» und mehr als die leuchtenden Farben eine geistige Kraft. In den schwarztonigen Bildern entwickelte er phantastische Bildwelten, Imaginationen verbunden mit präziser Naturbeobachtung. Es sind rätselhafte und traumartige Darstellungen von urzeitlichen Organismen, mythischen Wesen und kosmischen Gestalten, die in seinem späteren malerischen Werk leuchtend farbig in einem neuen visionären Licht wieder erscheinen.

«Un masque sonne le glas funèbre / Eine Maske läutet die Totenglocke», Blatt 3 des Albums «A Edgar Poe», 1882. Foto: rv

Im ersten Teil der Ausstellung stehen seine lithographischen Arbeiten im Zentrum. Seit 1878 befasste sich Redon mit der Technik der Lithographie. Damit konnte er seine Kohlezeichnungen, die sogenannten Noirs, auf Stein übertragen und drucken.

In rascher Folge schuf er Serien etwa A Edgar Poe (1882), Les Origines (1883), Hommage à Goya (1885) oder Tentation de Saint-Antoine (1888); die meisten Blätter mit poetischen Versen untertitelt. Die literarischen Texte seiner Vorbilder führten ihn zu eigenen freien Assoziationen und nicht zu Illustrationen. Die düstere Poesie eines Edgar Allan Poe (1809-1949), der in den literarischen Zirkeln des Symbolismus gefeiert wurde, inspirierte ihn zu seiner Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, der Trauer, den Ängsten und Albträumen.

«Anemonen», um 1912, Pastell auf Papier und Leinwand. Hahnloser / Jaeggli Stiftung, Winterthur. Foto: rv

In der zweiten Schaffensphase brach Redon mit seinen «schwarzen» Arbeiten und malte Bilder von grosser Farbigkeit; früher benutzte er nur selten Farbe. Besonders aufschlussreich sind seine floralen Kompositionen in über 250 Variationen. Es sind reale Bouquets, die seine Gattin Camille mit Wild- und Gartenblumen in immer neuen Kombinationen und Vasen arrangierte.

Er experimentierte mit verschiedenfarbigen Bildhintergründen und löste sich von einem festen Raumbezug, was die Blumenarrangements in einen schwebenden, ortlosen Zustand versetzt. Zugleich verband er die naturalistische Präzision mit einer nahezu abstrakten Farben- und Formensprache, wodurch die Blütenpracht zur schieren Farbexplosion gerät.

«Quadriga (Der Wagen des Apoll)», um 1910, Öl auf Leinwand, Privatsammlung. Foto: KMW

Redons künstlerischer Weg aus der Dunkelheit manifestiert sich nicht nur im intensiven Kolorit, sondern auch in der malerischen Lichtfülle. Dies zeigt sich besonders eindrücklich in der Darstellung von Apollos Sonnenwagen Quadriga. Hier evozieren die befreiten Farb- und Formverläufe eine Dynamik, die den inneren Symbolgehalt wie auch die dramatische Handlung der Erzählung zum Ausdruck bringen. Apollos Sonnenwagen entstand 1910 auf dem Höhepunkt seiner Farbmalerei in 25 Variationen.

«Der Traum», 1904, Privatsammlung. Foto: Patrick Goetelen, Genf

Odilon Redon war ein Vorläufer der Expressionisten und Surrealisten. Bereits zu Lebzeiten stand er mit Hedy und Arthur Hahnloser sowie Richard Bühler in Winterthur in persönlichem Kontakt. Sie zählten zu den ersten Sammlern seiner Werke in der Schweiz und hinterliessen über 100 erstrangige Arbeiten. Die Ausstellung Redon. Rêve et réalité, kuratiert von Andrea Lutz, ist gleichsam ein Avant-propos auf die Wiedereröffnung der Villa Flora 2024 in Winterthur.

 

Titelbild: Detail aus «Das Haupt des Perseus (Das Haupt des Merkur auf einer Schale)», um 1875. Eines der frühen Werke in Farbe. Kröller Müller Museum, Otterlo, The Netherlands. Foto: Rik Klein Gotink
Fotos: Vom KMW zur Verfügung gestellt und rv

Bis 30. Juli 2023
«Redon. Rêve et réalité» im Kunst Museum Winterthur / Reinhart am Stadtgarten
Katalog zur Ausstellung, Hrsg. Andrea Lutz, Winterthur 2023, CHF 29.00

 

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