StartseiteMagazinKulturDie Faszination des Lichts

Die Faszination des Lichts

Eine umfassende Ausstellung mit über 100 Werken von William Turner, dem englischen Maler der Romantik, zeigt zur Zeit die Fondation Pierre Gianadda in Martigny VS.

Als Titel der Ausstellung wählte der Kurator David Blayney Brown einen Ausspruch von William Turner, den dieser in den letzten Wochen seines Lebens geäussert haben soll, ohne ihn zu erläutern: The Sun is God. – «Die Sonne ist Gott» Die Sonne als lebensspendendes Licht, Malen als Spiel zwischen Licht und Schatten. Turner geht auf ganz aussergewöhnliche Weise mit Licht und Farben um. Die Faszination für die Sonne und ihre Kraft wählte der Kurator als Leitmotiv dieser Ausstellung.

Als ich in meiner Jugend zum ersten Mal Gemälde von Turner sah, war ich beeindruckt und sehr erstaunt, als ich erkannte, dass dieser Künstler zwar die Impressionisten vorausahnen liess, aber keineswegs in der Epoche eines Claude Monet gemalt hatte, sondern fast ein halbes Jahrhundert früher. Als Wegbereiter kann Turner allerdings sehr wohl gelten. Nicht nur sein radikaler Umgang mit Licht und Schatten, sondern auch seine Entscheidung, Landschaften und ihre atmosphärischen Bedingungen als Motiv zu wählen, weisen weit hinaus auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Sonnenaufgang oder: Fischfang (Titel unsicher), 1822, Aquarell auf Velinpapier

Joseph Mallord William Turner wurde 1775 in London geboren und starb 1851 in Chelsea / London. Sein Vater führte ein Barbiergeschäft und war wohl darauf bedacht, seinem einzigen Sohn die bestmögliche Ausbildung zu bieten. Als Schüler schon kopierte William Kupferstiche, kolorierte sie und entdeckte seine Lust an Graphik und Malerei. Der Vater hängte die Werke seines Sohnes in seinem Salon auf, wo Förderer auf ihn aufmerksam wurden und ihm ein Stipendium für die Royal Academy verschafften. So begann der junge Turner, in der Welt der Kunst Fuss zu fassen.

Die Ausstellung in der Fondation Gianadda geht nicht auf Turners Biografie ein, sondern richtet den Blick auf die Themen, die Ideen und Erkenntnisse, die in den Werken zum Ausdruck kommen. Wir sehen, was Turner auf seinen Reisen geschaffen hat, darunter einige schöne Ansichten aus der Schweiz, ein wunderbar stimmungsvolles Bild der Stadt Zürich mit dem See, ein flammendes Bild von Luzern im Abendlicht, den Gotthard oder die Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht u.a.

Teufelsbrücke und Schöllenenschlucht, 1802, Graphitstift, Wasserfarben und Gouache auf Papier

Dieses Bild gibt ein Rätsel auf: Turner reiste 1802 durch Europa und die Schweiz. Der 1. Napoleonische Feldzug war beendet, nachdem die französische Armee 1799 die russischen Truppen unter General Suworow bei der Schöllenenschlucht geschlagen hatte. Die Teufelsbrücke war dabei schwer beschädigt worden. Erst 1830 wurde die zweite Teufelsbrücke gebaut. Auf Turners Bild erkennt man den Zustand der berühmten Brücke nicht.

Sei es auf Reisen in Europa, sei es auf dem Lande in England, immer zeigt sich Turners besondere Wahrnehmung der Atmosphäre. Oft verschwinden die Personen oder Gegenstände, die ein anderer vielleicht dargestellt hätte, hinter einem Fluidum von Licht, Wetter, Dunst, Wolken oder einbrechender Dunkelheit. In seiner Ausbildung, zuerst in der Technik des Aquarells, dann in Öl, hatte sich Turner genug Fertigkeiten angeeignet, solche Stimmungen wirkungsvoll auszudrücken, und verband dies mit seinem intuitiven Zugang zur Natur. – Das alte Klischee des Kontinents, dass England ein Land des Nebels sei, bediente Turner auf das Kunstvollste. Allerdings findet er ähnliche Stimmungen auch in der Schweiz, am Mittelmeer oder an der Mosel.

Bacchus und Ariadne, 1840 ausgestellt, Öl auf Leinwand

Mit seinen Darstellungen aus der griechischen und römischen Mythologie befand sich Turner durchaus in der Gesellschaft der zeitgenössischen Künstler. Auch hier, in Szenen, die denen von Claude Lorrain oder Nicolas Poussin nicht unähnlich sind, erkennen wir, dass Turner die Bildkomposition «aus dem Licht» heraus schafft. Kein Scheinwerfer wirft Licht ins Bild, das Licht beleuchtet die Szene von innen.

Man weiss, dass Turner stets Wissen und Intuition in seinem Werk zu verbinden wusste. Er hatte sowohl Newtons als Goethes Farbenlehre studiert. Auf dieser Grundlage nahm er sich die Freiheit, einen Schauer mit Regenbogen über einer mittelenglischen Seenlandschaft im Abendlicht fast ohne Farben darzustellen und so die Dramatik des Bildes herauszuheben. Turner liess sich von Landschaften und Naturphänomenen ebenso inspirieren wie von Fabrikgebäuden und Dampfeisenbahnen.

Buttermere Lake und ein Teil von Cromackwater in Cumberland, ein Regenguss. 1798, Öl auf Leinwand.

Im Jahre 1999 hatte David Blayney Brown in Martigny eine damals vielbeachtete Ausstellung Turner und die Alpen organisiert. Damals hatte er sich auf das Frühwerk des Malers konzentriert. Vierundzwanzig Jahre später kuratiert er nun diese Schau über J. M. W. Turner und dessen Umgang mit dem Licht, dem Sonnenlicht im Besonderen. In sieben Themenbereichen erfahren die Besucherinnen und Besucher verschiedene Aspekte von William Turners gesamter künstlerischer Entwicklung. Der Museumsbau, 1978 nach den Plänen von Léonard Gianadda erbaut, mit seinem Rundgang um das Atrium eignet sich dafür besonders gut.

Die Ausstellung TURNER – THE SUN IS GOD in der Fondation Pierre Gianadda Martigny VS, entstanden in Zusammenarbeit mit der Tate Gallery London ist bis 25. Juni 2023 täglich geöffnet.

Titelbild: Auf dem Weg zum Ball (San Martino), 1846 ausgestellt, Öl auf Leinwand
(alle Fotos:
© Tate Gallery London)

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