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Fremd- oder selbstbestimmt altern?

Anselm Grün und Hsin-Ju Wu aus Taiwan haben zusammen ein «Praxisbuch» geschrieben mit dem Titel «Selbstbestimmt im Alter.» Spiritualität sei eine wichtige Hilfe, um im Alter selbstbestimmt zu leben.

Spiritualität ist ein weites Feld. Aus der Sicht von Anselm Grün heisst Spiritualität nicht, dass man besonders viel bete, sondern dass man seine von Gott geschenkte unantastbare Würde erkenne. Spiritualität gebe die Gewissheit, dass das Altern wertvoll sei, einen Sinn habe und dass man sich von Gott angenommen fühle. Für einen Katholiken mag dieses christliche Verständnis von Spiritualität naheliegend sein. Atheisten sind zunächst mal irritiert. Aber ist das Buch auch für Nichtchristen lesbar? Können mit Spiritualität die zunehmenden Beeinträchtigungen im Alter besser verarbeitet werden? In den folgenden zwölf Abschnitten wird ein kleiner Einblick in die 12 Kapitel des Buches gewährt. Fettgedrucktes entspricht dabei den Kapitelüberschriften.

Spiritualität gebe uns Würde und Selbstwertgefühl, selbst wenn der Körper altere, wenn wir langsamer, vergesslicher, kränklicher werden und darunter das Selbstwertgefühl leide. Denn die Würde des Menschen sei unantastbar. Diese Überzeugung helfe, Vorurteile gegenüber Älteren abzubauen und ein «gutes und realistisches Selbstbild» aufzubauen.

Eine biographische Besinnung mit dem Bewusstwerden der eigenen Erfolge und Misserfolge, der begangenen Fehler, der erlittenen Verletzungen und Verluste könne zu einer Aussöhnung mit der eigenen Vergangenheit führen, zu einer Überwindung von Schuldgefühlen, zur Selbstannahme ohne Selbstverliebtheit.

Loslassen von «Besitz, Gesundheit, Beziehung, Sexualität und Macht/Ego», von allem, was nicht mehr altersgemäss ist, kann befreien. Man ist dann frei, Dinge zu unternehmen und wertzuschätzen, die zur momentanen Altersphase passen.

Hinter einer schlechten Laune können sich andere Emotionen, wie «Angst, Wut oder Enttäuschung» verbergen. Wichtig sei, sich nicht von Emotionen beherrschen zu lassen, sie aber zuzulassen, sie anzuschauen, ihren Sinn zu erkennen und gut mit ihnen umzugehen. «Für die Verwandlung der Emotionen gilt ein dreifaches Ja und ein dreifaches Nein: Ja zum Wahrnehmen, nein zu den Schuldgefühlen, Ja zum Annehmen und Nein zur Verdrängung, Ja zur Verwandlung und Nein zur Projektion auf andere.»

«Ohne Glauben erfahren viele das Alter als sinnlos.» Aber es gehe nicht darum, den Kinderglauben wieder zu finden oder sich von irgendwem irgendwas einreden zu lassen.  Es lohne sich folgendes herauszufinden: «Welcher Glaube prägt gerade mein Leben?» Was gibt Gelassenheit, Zuversicht, Halt? «Doch wir sollten uns immer daran erinnern, dass der Glaube Gott nicht festlegt, sondern uns öffnet für das Geheimnis, das jenseits aller Worte und Bilder ist.»

Im Laufe des Lebens schleichen sich Gewohnheiten, manchmal sogar Laster ein. Deswegen sei es im Alter wertvoll, Tugenden wieder zu entdecken, in der Alltagspraxis einzuüben und wirken zu lassen wie «Gelassenheit», «Geduld», «Humor», «Sanftmut», «Freiheit», «Dankbarkeit» und «Liebe».

Wer seinen Umgang mit Geld und Dingen gut regeln kann, lebt leichter. Entrümpeln, wegwerfen von dem, was man nicht mehr brauche, was nicht mehr zu einem passe, was überflüssig sei, schaffe Freiraum. Dinge zu verschenken, die einem im Weg stehen, könne anderen Freude machen. Geld so vererben zu können, dass unter den Nachkommen kein Streit entstehe, sei beruhigend. Die Frage um die Finanzen sei im Alter oft emotional. Gier oder Angst vor Verarmung im Alter könne den Alltag trüben. «Daher ist es wichtig, in einer guten Atmosphäre über diese heiklen Fragen zu sprechen und sie nüchtern und klar zu regeln.»

Im Alter verändern sich Beziehungen in der Partnerschaft, zu Kindern, Enkelkindern und Freunden, weil man sich selbst verändert oder andere sich ändern, weil man vielleicht verletzlicher und empfindlicher wird oder sich in irgendeine Richtung wandelt. Wichtig seien drei Punkte: 1. sich nicht mit andern zu vergleichen und sich so anzunehmen, wie man geworden sei. 2. Emotionen nicht auf andere zu übertragen, anderen offen und ohne Projektionen zu begegnen. 3. Sich nicht von einer Freundschaft abhängig zu machen, denn «Freundschaft braucht Freiheit und Freiraum.»

Krankheit, Trauer, Sterben sind Dimensionen der Endlichkeit des Lebens. Kann man mit Krankheit selbstbestimmt umgehen? Wozu dienen Vorsorgeauftrag und Patientenverfügung? Was kann man tun, damit man nicht nur um die eigenen Krankheiten oder die der Geliebten kreist, damit Jammern nicht zu einem Dauerzustand wird? Es braucht eine innere Verwandlung und die Fähigkeit zu akzeptieren, dass man den Alltag nicht mehr alleine schafft, dass man bereit ist passende Hilfe und Unterstützung anzunehmen, ohne bloss noch «versorgt» zu werden. Sterben als Prozess des Abschiednehmens in Dankbarkeit und Liebe ist leichter gesagt als getan, aber kann ein letzter Reifungsprozess sein. Trauern nach dem Verlust einer geliebten Person kann sich in Dankbarkeit umwandeln, wenn man versteht, was man mit dem Verstorbenen erleben durfte und wie wir auch nach seinem Tod in unserer Erinnerung noch wichtige Botschaften für unser Leben erfahren können.

Was heisst Segen, und wie kann ich zum Segen werden lautet die Überschrift des 10. Kapitels und ist für Nichtgläubige ein sperriges Thema. Statt Fluchworte, erniedrigende Äusserungen und kritische Kommentare von oben herab gibt es die Kultur des Segnens, des «benedicere», des Sagens von guten Worten, etwa: «Es ist gut, dass du da bist. Du bist wertvoll. Ich liebe dich.» Alte Menschen können mit solchen Worten zum Segen für andere werden.

Wie kann man spirituell mit Depressionen umgehen? Sich antriebslos, wertlos, freudlos zu fühlen und dabei über sich und sein Elend zu grübeln sind Ausdrucksformen von Depressionen oder depressiven Verstimmungen. Um vom Kreisen um sich selbst wegzukommen stellte ein amerikanischer Therapeut seinen depressiven Klienten «die Aufgabe, sich jeden Tag bewusst einem Menschen zuzuwenden, ihm entweder ein Lächeln zu schenken oder ein gutes Wort oder ihm etwa Gutes zu tun.» Solche Formen praktizierter Nächstenliebe habe den Klienten mehr geholfen als das Analysieren der Depressionen.

Im Umgang mit Demenzkranken, die vergesslich und orientierungslos werden und gelegentlich die  Kontrolle über Emotionen, Verstand und Willen verlieren, sei es wichtig, sie «nicht wie ein hilfloses Kind zu behandeln, sondern wie einen König oder eine Königin mit einer unantastbaren Würde.» Spirituell mit Demenz umgehen heisst liebenden Schutz gewähren zuhause oder im Heim, Erlebnisweisen von Demenzkranken anzunehmen, daraus auch für sich als Betreuende oder Pflegende zu lernen, ohne sich dabei zu überfordern.

Anselm Grün, katholischer Mönch, und die Taiwanesin Wu, welche Grüns Gedankengut in Taiwan verbreitet, vertreten ein christliches Verständnis von Spiritualität.  Das Buch ist mit Gewinn auch lesbar für Agnostiker, Atheisten oder Angehörige anderer Religionen. Gemäss Einleitung sind die leicht lesbaren Texte und Übungen ausgewählt für Seniorinnen und Senioren selbst, für Familienangehörige, Begleitende, Seelsorgerinnen und Seelsorger von älteren Menschen und Seniorengruppen. Eine spirituelle Orientierung befreit aus inneren und äusseren Abhängigkeiten und erleichtert die Selbstbestimmung im Alter. Das leuchtet spätestens nach der Lektüre dieses Buches ein.

Anselm Grün/Hsin-Ju Wu: Selbstbestimmt im Alter. Ein Praxisbuch. Münsterschwarzach 2022. ISBN 978-3-7365-0456-1

Titelbild: Selbstbestimmt altern beim Reisen mit dem Wohnmobil? Und dann? (Foto von Siggy Nowak aus Pixabay)

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