StartseiteMagazinGesellschaftEin biografisches Manifest

Ein biografisches Manifest

«Wir müssen reden» ist ein biografisches Manifest von Islam Alijaj. Er ist schwer behindert, Secondo mit Wurzeln im Kosova und hat es auf die politische Bühne, in den Zürcher Gemeinderat geschafft.

Seine Biografie «Wir müssen reden» hat Islam Alijaj (*1986) in Zusammenarbeit mit der Journalistin Christine Loriol als biografisches Manifest geschrieben. Mit der Zerebralparese hat der Autor eine schwere, gut sicht- und hörbare Behinderung, und doch schaffte er es und wurde 2022 in den Zürcher Gemeinderat gewählt. Der 36-jährige Politiker beweist nicht nur Intelligenz und Charme, er ist ausgesprochen hartnäckig, ehrgeizig und machtbewusst. Schliesslich will er Nationalrat werden. Auch wenn er Islam heisst.

Menschen mit Behinderungen machen allgemein die Erfahrung, dass oft ohne zu fragen über sie entschieden wird. Dabei können Nichtbetroffene, die weder in der Familie noch im Bekanntenkreis Menschen mit einer Behinderung kennen, sich kaum vorstellen, wie einschränkend das Alltagsleben von Behinderten ist, welche Hindernisse sie täglich überwinden müssen. «Jeder Krüppel ein Superheld» (2020) lautet der Titel des Buchs von Christoph Keller, der selbst behindert ist und dessen Geschichte über seinen Bruder Alijajs Biografie abschliesst.

«Wir müssen reden» beginnt mit einer Vision aus der Zukunft. Der Autor träumt, dass im Jahr 2036, wenn er fünfzig ist, sich die Sichtweise der Gesellschaft auf die Behinderung durch die Inklusionsinitiative verändert hat, dass Menschen mit Behinderungen eine Gesetzgebung, die sie betrifft, selber ausarbeiten können, und die Reform des Behindertenwesens in der Schweiz Realität ist.

Das grosse Ziel von Islam Alijaj ist, das Behindertenwesen in der Schweiz zu reformieren, damit diejenigen zu Wort kommen, «die wissen, wovon sie sprechen». Deshalb engagiert er sich politisch, damit die Gesellschaft künftig «nichts über uns ohne uns» macht.

Im zweiten KV-Lehrjahr in der Brunau-Stiftung, 2007.

Der Autor erzählt von seinen Wurzeln in Hereq im Kosova, wie der Kosovo in seiner Sprache heisst, sowie von seinem Weg zur Politik. Bei der Geburt erhielt sein Gehirn für kurze Zeit zu wenig Sauerstoff, was zur Cerebralparese führte. Seine Muskelsteuerung und das Sprechen sind schwer beeinträchtigt, aber der Intellekt und die geistige Kapazität sind intakt. Die persönlichen Einblicke in sein Leben geben eine Vorstellung von den enormen Herausforderungen, die ihn ständig begleiten.

Eine der ersten Ergotherapie-Stunden an der Schule für Kinder und Jugendliche mit Körper- und Mehrfachbehinderungen (SKB) in Zürich, ca. 1993.

Sein Glück war, dass die Familie nach Zürich zog. In Hereq wäre Alijaj verkümmert, denn er wurde versteckt, weil man sich für ihn schämte. In der Schweiz wurde er operiert, so dass er seine Beine besser bewegen konnte. Er besuchte die Sonderschule für cerebral gelähmte Kinder in Zürich. Der Computer eröffnete ihm eine Welt, in der er seine Behinderung vergessen konnte. Der erste Rollstuhl gab ihm zwar mehr Freiheit, doch tat er alles, um gehen zu lernen. Nach der KV-Lehre machte er eine Weitbildung zum Webentwickler und kam dort durch Schulkollegen ins Zentrum für Selbstbestimmtes Leben (ZSL) und begann sich politisch zu engagieren. 2011 lernte er die damalige Ständerätin Pascale Bruderer kennen, die ihm die Türen in die Politik öffnete.

Über Islam Alijais Buch erfahren Leserinnen und Leser viel über die politische Situation von Behinderten in der Schweiz. Obwohl es seit 23 Jahren in der Verfassung ein Verbot der Diskriminierung aufgrund von Behinderung gibt, können viele Menschen mit Behinderungen kein selbstbestimmtes Leben führen. Als Präsident von selbstbestimmung.ch hatte Alijaj die Möglichkeit, in einer Arbeitsgruppe zur Umsetzung der UNO Behindertenrechtskonvention (UNO-BRK), die seit 2014 für die Schweiz gültig ist, mitzuarbeiten. 2017 trat er der SP Zürich bei, kandidierte für den Gemeinderat und wurde 2022 überraschend gewählt.

Zur Behindertensession gab es am 24. März eine SRF Arena. Mit Moderator Sandro Brotz bei den Vorbereitungen, 2023.

Die UNO-BRK ist das erste internationale Übereinkommen, welches spezifisch die Rechte von Menschen mit Behinderung und die damit verbundenen Pflichten der Vertragsstaaten aufführt. So wird etwa verlangt, den Menschen mit Behinderungen politische Rechte zu garantieren sowie die Möglichkeit, am politischen Prozess gleichberechtigt teilzunehmen. Mit sogenannten Assistenzbeiträgen können Betroffene Assistenzpersonen einstellen, die sie unterstützen. Doch für die Ausübung eines politischen Amtes sind diese nicht vorgesehen. So dauerte es ein halbes Jahr, bis Alijaj sein Amt als Gemeinderat in Zürich überhaupt antreten konnte. Mit seinen politischen Aktivitäten wird er immer wieder zum Präzedenzfall, mit dem die Ämter sich befassen müssen.

Alijaj will Politik für alle machen. In der Schweiz leben 1,8 Millionen Menschen mit Behinderungen, das sind 22 Prozent. Und immer noch kämpfen sie um Selbstbestimmung und aktive Mitsprache. Daraufhin zielt auch die Inklusionsinitiative, die Alijaj 2021 angestossen hat, damit eine Person mit Behinderung am politischen Leben aktiv teilnehmen kann. Heute gibt es im Parlament erst einen einzigen Nationalrat, Christian Lohr von der Mitte TG. Alijej will nicht noch fünfzig Jahre warten, um eine inklusivere Gesellschaft zu erleben, deshalb hat er sein biografisches Manifest geschrieben.

Islam Alijaj mit seiner Frau und den beiden Kindern zum ersten Mal in den Ferien am Meer in der Türkei, 2022.

Mit der Unterschriftensammlung für die Inklusionsinitiative 2023 hofft der Autor auf eine neue Bewegung. Die Behinderten wollen selber aktiv und in der Gesellschaft sichtbar werden. Sie wollen nicht mehr, dass über sie geredet wird, sondern mit ihnen.

Titelbild: Islam Alijaj mit dem Pionier der Unterstützenden Kommunikation Daniel Rickenbacher, Tatkraft-Vorstand Roger Seger und TV-Star Jahn Graf an einer Aktion von Studierenden der Hochschule Luzern zur UNO-BRK

Alle Bilder aus dem persönlichen Archiv von Islam Alijaj.

Islam Alijaj, Wir müssen reden – Ein biografisches Manifest. Limmat Verlag, Zürich, 2023. ISBN 978-3-03926-056-0

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

oder über:
IBAN CH15 0483 5099 1604 4100 0

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-