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Die «Gender-Ideologie» ist und bleibt ein Reizthema

Die Gender-Diskussion ist in aller Munde, beschäftigt die Politik und die Gesellschaft. Seniorweb befragte die ehemalige Basler Nationalrätin Margrith von Felten (Titelbild), eine engagierte Feministin, zur Gender-Thematik.

Diskussionen über eine geschlechtergerechte deutsche Sprache gibt es seit den 1970er Jahren. Die Positionen sind so verschieden. Die einen sehen es als Gebot der Gleichstellung, andere empfinden es als Sprachverhunzung. Wir wissen: Gendern heisst, eine geschlechtergerechte Sprache anwenden. Mit dem bewussten Sprachgebrauch soll die Gleichbehandlung aller Geschlechter/Identitäten zum Ausdruck gebracht werden. Das generische Maskulinum, das in der deutschen Sprache bis heute noch oft verwendet wird – die männliche Form gilt demnach für alle – soll weichen. Die Generation 65+ mag eher der bisherigen «Sprachregelung» beipflichten.

Vor allem der Genderstern erhitzt heute schweizweit die Gemüter. Die Bundeskanzlei will Stern, Doppelpunkt und Unterstrich ausdrücklich nicht. Auch die Deutschen lehnen zur Mehrheit die Verwendung von Binnen-I, Genderstern und Co. ab. Ein «Gender-Tag» in Stäfa musste vor Wochen abgesagt werden. Ende Mai befasste sich auch eine Diskussionsrunde in der Club-Sendung des SRF1 mit dem «Reizthema Gender». Margrith von Felten, ehemalige Basler Nationalrätin (1991 – 1999), war Teil der Runde. Die Feministin betrachtet die «Gender-Theorie» kritisch und argumentiert auf der Basis von Fakten, denen schlussendlich kaum zu widersprechen ist. Wir stellen der erfahrenen Gleichstellungspersönlichkeit von Felten Fragen zur Thematik, die Politik und Gesellschaft weiterhin beschäftigen wird.

Roman Weissen: Frau von Felten, warum ist «Gender» überhaupt ein Reizthema?

Margrith von Felten: Vordergründig, weil die Überzeugungen so verhärtet sind. Aber es ist komplizierter: Der Begriff Gender hat in den letzten zwei, drei Jahrzehnten einen Bedeutungswandel erfahren, das macht die Verständigung erst recht schwierig. Es gibt noch weitere Aspekte. Der grosse Zuspruch für das angeblich Neue – sag ich jetzt mal – kommt von Leuten, die sich selber gerne weltoffen, tolerant, einfühlsam sehen. Das entspricht dem Selbstbild vieler Leute. Und das ist eigentlich schön. Aber darum geht es nicht.

Um was geht es denn? Können wir das aus Ihrer Sicht analysieren?

Die Lautesten aus der LGBTIQA+-Community stellen sich auf den Standpunkt, es gäbe eine Vielfalt an Geschlechtern und der Rest der Welt habe sich dieser Auffassung anzuschliessen. Ich halte mich lieber an die Fakten. Die Zweigeschlechtlichkeit der höheren Säugetiere – und zu denen gehören wir nun mal – ist ein Faktum, wissenschaftlich zweifelsfrei belegt, älter als die Menschheit. Selbstverständlich gibt es Variationen, etwa mehr oder weniger weibliche oder männliche Hormone, aber das ist doch nicht ein «drittes Geschlecht». Auch gibt es biologisch uneindeutige Menschen, die sogenannt intergeschlechtlichen. Sie sind eine kleine Minderheit, es sind etwa 40 Neugeborene pro Jahr in der Schweiz. Doch gewisse Aktivisten und Aktivistinnen akzeptieren die Zweigeschlechtigkeit nicht, sie beharren auf einer Geschlechtervielfalt.

Warum halten Sie so dagegen? Sie könnten ja einfach finden: Es sollen doch alle nach ihrem eigenen Verständnis glücklich werden.

Das auf jeden Fall. Ich halte nur gegen die neue «Definition», denn sie bleibt nicht ohne Folgen. Und das hat wesentlich mit dem Begriff Gender zu tun.

Das müssen Sie jetzt erklären.

Sehen Sie, ich komme aus der politischen Gleichstellungsarbeit. Gender im ursprünglichen Sinn bezeichnet das soziale Geschlecht. Die Feministinnen der 70er und 80er Jahre analysierten und kritisierten die gesellschaftlichen Zuschreibungen an die Geschlechter, also die den Frauen und Männern zugeordneten Rollen, die Erwartungen an sie. Die waren – und sind – veränderbar. Einfach gesagt: Es gibt keine weiblichen oder männlichen Eigenschaften. Es gibt nur menschliche, die individuell unterschiedlich ausgeprägt sind, eher den Klischees entsprechend oder eher nonkonform. Im ursprünglichen Sinn verweist Gender auf die kollektive strukturelle Ungleichheit im System.

Mit dem neuen Ansatz, der sehr individuell wirkt, sehen Sie die lang erkämpfte Wahrnehmung dieser gesellschaftspolitischen Dimension verschwinden?

Ja. Es ist exakt so. Einmal abgesehen davon, dass die Sicht einer Geschlechtervielfalt eine theoretische Annahme ist. In den 90ern mutierte Gender zu dieser Bedeutung. Nun umschreibt der Begriff, wie sich Menschen geschlechtlich ausdrücken und fühlen. Jede Person, heißt es, habe das Recht, jederzeit zu bestimmen, welches Geschlecht sie habe, Mann, Frau, Weder-Noch. Die Community spricht von Selbstbestimmungsrecht. Dieses Machbarkeitsverständnis widerspricht wissenschaftlich gesichertem Wissen. Zudem wird die Biologie negiert.

Sie wehren sich gegen diese Sichtweise. Heisst das, Sie sprechen diesen Menschen ihre Gefühle ab?

Keineswegs. Alle können, dürfen, sollen ihre Gefühle, Wünsche und Fantasien haben. Nichts gegen das individuelle Empfinden und entsprechende Lebensentwürfe. Doch die Community fordert von Gesellschaft und Politik sprachliche und rechtliche Änderungen. Es gehe nicht um Lebensentwürfe, es gehe – nochmals – um die «Vielzahl von Geschlechtern».

So kommen diese Anliegen auf die politische Bühne – z.B. der Genderstern. Damit soll anerkannt werden, dass es neben Frauen und Männern noch andere Geschlechter gibt?

Oder ein weiteres Beispiel: Ob eine Person eine Witwen- oder Witwerrente bekommt, entscheidet neu das Gefühl der Person. Wer hier kritisch hinschaut, steht sofort selber in der Kritik. Aber Rechte aufgrund von Gefühlen einzufordern ist eine delikate Angelegenheit. Wer das sagt, verletzt offenbar sofort die Gefühle dieser Menschen. Kritikerinnen wird gar vorgeworfen, sie würden ihnen die Existenz absprechen. Das ist eine völlig unzutreffende Unterstellung.

In der Stadt Zürich wurde eine Initiative eingereicht, die den Genderstern in amtlichen Papieren verbietet. Eine höchst umstrittene Angelegenheit, wie sich auch in der Sendung gezeigt hat. Was halten Sie davon?

Sprache verändert sich immer. Ich bin für eine flexible Sprachverwendung; sie soll der schreibenden Person liegen: ob mit Binnen-I, Stern, Doppelpunkt etc. Einzig das generische Maskulinum geht gar nicht mehr. Uns wurde ja lange weiszumachen versucht, bei der männlichen Sprachform – dem sogenannten generischen Maskulinum – seien die Frauen mitgemeint. Als dann ein paar findige Frauen das Stimmrecht beanspruchten mit dem Argument «Alle Schweizer sind vor dem Gesetz gleich», entlarvte sich das Maskulinum als nicht generisch: Wir Frauen waren bei den Schweizern nicht mitgemeint. Nach jahrzehntelanger Diskussion ist es inzwischen selbstverständlich, dass Frauen – die Mehrheit der Bevölkerung –genannt werden, wenn sie gemeint sind.

Sie haben den Stern im Visier?

Wie gesagt: Alle sollen für sich entscheiden, wie sie sich schriftlich ausdrücken wollen. Wenn Verwaltungen den Stern verwenden, zeigt sich die Power der Community. Die Sorge, als rückständig oder gar diskriminierend zu gelten, wiegt offenbar stärker als das Argument, dass die propagierte «Gender-Theorie» höchst umstritten ist.

Es wurden noch andere Themen angesprochen, die für heisse Köpfe sorgten. Erwähnen wir den Gendertag in Stäfa. Ihre Meinung?

Die Attacke gegen diesen Weiterbildungstag macht deutlich, wie aufgeladen die Diskussion ist. Die übertriebene Skandalisierung und Diffamierung der Organisatorin sind klar und deutlich zu verurteilen. Die politischen Behörden von Stäfa haben perfekt reagiert und es korrekt gemacht.

Aber warum gelingt diese Skandalisierung?

Meiner Meinung nach hat es viel mit den ungenau verwendeten Begrifflichkeiten zu tun. Es wird mehr darüber gestritten, was man gerade meint, als über Inhalte zu sprechen. Wenn z.B. der Eintrag im Personenstandsregister geändert wird, wird der Eintrag geändert, nicht das Geschlecht. Das Geschlecht kann man auf dem Zivilstandsamt nicht ändern. Die Realität wird verdreht. Wie gesagt, alle dürfen fühlen, träumen, erzählen, was sie wollen. Wenn es jedoch um Gesetze geht, dann zählen Fakten. Frauen und Männer sind schlicht eine Realität.

Sie sind Mitbegründerin des Vereins justitia-ruft.ch und wehren sich gegen ein geplantes Kantonales Gleichstellungsgesetz, das queere Menschen einschliessen soll. Weshalb?

Befürwortende des Entwurfs werden nicht müde von einer Erweiterung zu sprechen. Tatsache ist, dass das geplante Gesetz zwar queere Menschen einschliesst, aber Frauen und Männer ausschliesst: In §2 „Definition Geschlecht“ kommen Frauen und Männer nicht mehr vor. Daher verstehen wir das Gesetz nicht als Erweiterung, sondern als Ersatz. Zur Erinnerung: Gleichstellungsgesetze dienen der Umsetzung der rechtlichen und tatsächlichen Gleichstellung Frau/Mann. Davon ist keine Rede mehr.

In den Medien wird das Mantra von der Erweiterung dauernd wiederholt. Ich wünschte, Medienschaffende würden den Gesetzestext tatsächlich lesen, statt diese Behauptung zu übernehmen.

Es ärgert Sie also, dass niemand merkt, dass in dieser Definition die Frauen nicht mehr vorkommen.

 Ja. Aber auch, dass niemand merkt, woher die wortreichen Umschreibungen im §2 «Definition Geschlecht» der Vorlage kommen: aus den Yogyakarta-Prinzipien. Das ist eine internationale Erklärung der Menschenrechte von queeren Menschen. In Basel wurden Definitionen aus diesen Yogyakarta-Prinzipien einfach in den §2 kopiert. Das heisst, Queerness wird zur Norm gemacht.

Die Realität der Mehrheit wird ignoriert?

So ist es. Ich frage, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn Bezeichnungen wie «Frau», «biologisches Geschlecht» oder «Mutter» nicht mehr genannt werden sollen, weil es die Gefühle Einzelner verletzt. Womöglich könnten sich Frauen und Mütter durch solche Forderungen ebenfalls verletzt fühlen…

Titelbild: Margrith von Felten. Foto: Nicole Pont, Basler Zeitung zvg

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5 Kommentare

  1. Als Feministin bin ich mit den Aussagen von Margrith von Felten soweit einig, dass die weibliche Form in Sprache und Schrift deutlich gemacht und endlich selbstverständlich wird. In früherer Zeit hatten die Frauen nichts zu sagen, die persönlichen Entwicklungen und Manifestationen in der Öffentlichkeit war praktisch nur den Männern vorbehalten. Die Frauen hatten sich dem Fortbestand des Nachwuchses und dem haushälterischen Service zuzuwenden, damit die Männer die Freiheit hatten, die Welt zu erforschen.

    Die Gleichwertigkeit von Frau und Mann ist von den Frauen hart erkämpft und auch nach über 100 Jahren bei uns noch immer nicht vollständig erreicht und in grossen Teilen der Welt überhaupt noch nicht umgesetzt. Also was soll das Gezeter über die Arten der schriftlichen und mündlichen Klarheit, dass wir Frauen auch gemeint sind. Hauptsache ist, dass es gemacht wird.

    Was die Genderhysterie betrifft, so ist diese m.E. den sozialen Medien geschuldet. Jede und Jeder kann sich heute neu erfinden und im Netz sein Konterfei breitschlagen. Tatsache ist, es gab schon immer Menschen, die anders als typisch weiblich oder typisch männlich geboren wurden; die Natur geht manchmal eigene Wege. Ander als früher gesteht man diesen Menschen heute eine Daseins- und Gleichberechtigung zu, und das ist gut so.
    Was sich jedoch schon länger in aller Öffentlichkeit abspielt und zu einem gesellschaftlichen Hype wurde, ist nach meiner Auffassung ein Ausverkauf der Geschlechter auf tiefem Niveau. Jede, vorallem aber Jeder glaubt, sich mit seiner Art der Darstellung anbieten zu müssen und wenn möglich via Medien Geld zu machen; wenn Kritik laut wird, sind scheinbar die Menschenrechte verletzt und es gibt einen Aufschrei in den Medien.
    Das zeigt eine pervertierte Gesellschaft, die den Blick für die Realität verloren hat. Nichts gegen eine spielerische Darstellung unterschiedlicher menschlicher Optiken, aber deswegen die Grundfeste unserer demokratischen Gesetzte umstossen? Wir sollten diese Art der Genderdiskussion der Theaterbüne überlassen und nicht so ernst nehmen.

  2. Ich, ein alter weisser Mann. Von weissen Eltern gezeugt und deshalb kaum Mutters Bauch entflohen, mit dem ewigen Stigma belastet. Auf der Visitenkarte stand nie Feminist, aber die Gleichwertigkeit von Frau und Mann gehört zum eigenen Selbstverständnis. Ich danke Margrith von Felten für die klaren und gescheiten Antworten.
    (Allerdings, wenn im Rahmen der Gleichstellung sich vier Gemeinderätinnen der Stadt Zürich derart vehement fürs barbusiges Schwimmen auch im Hallenbad einsetzen, bin ich mir nicht so sicher, ob die Vernunft bald obsiegen wird.)

    • Also, jetzt weiss ich nicht ob ich Sie recht verstehe, Herr Weber. Einerseits sind Sie als alter weisser Mann seit ihrer Geburt mit dem ewigen Stigma (des männlichen Geschlechts?) belastet, andererseits glauben Sie nicht an den Sieg der Vernunft (welcher?), wenn Politikerinnen sich dafür stark machen, dass auch Frauen sich mit nacktem Oberkörper beim Schwimmen zeigen dürfen?
      Es ehrt Sie, dass die Gleichwertigkeit von Frau und Mann zu ihrem Selbstverständnis gehört, aber barbusiges Frauenschwimmen geht Ihnen dann doch zu weit? Wie auch immer, wer auch immer sollte doch selbst darüber entscheiden können.

  3. Chère Madame, Sie haben mich verstanden, jedoch miss. Ohne Fragezeichen, ich bin ein Mann, mit allem, was dazu gehört. Kein Macho, kein coureur de jupon, einfach ein Mann, der sich dabei gut fühlt. Zugegeben alt und weiss, das heisst zunehmend grau… Ob die Damen nun mit oder ohne schwimmen wollen, nun Sie wissen, die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Zuweilen bin ich Nacktschwimmer, wenigstens dort wo es mir möglich oder gestattet ist.
    Zum Zweiten, die Frage nach welcher Vernunft. Nun, ist das Anliegen wirklich eine breite Debatte im Rat wert oder vielmehr nur ein weiterer Akt der Profilierungsneurose? Derartige «Nebenschauplätze» erledigt man auf einer anderen Ebene. Aber es zeigt auch, auf welchem Niveau die wirklichen Anliegen der Bevölkerung vertreten werden. Der Kampf um Gleichberechtigung ist ein zu wichtiges Gut, politisches Wirken verlangt nach mehr. Mehr Kompetenz, mehr Glaubwürdigkeit, eben mehr Vernunft.

    • Ihre Antwort kann ich so nicht stehen lassen. Unsere heutige Zeit ist in einem rasanten Wandel und der muss auch die veralteten Ansichten und Bilder, die manche Männer immer noch von Frauen haben, miteinschliessen. Darum stört mich Ihre Bemerkung «die Schönheit liegt im Auge des Betrachters». Die gleichen Rechte für Frauen hat nichts mit Schönheit zu tun sondern mit Freiheit und Selbstbestimmung.
      Also wenn sich vier Politikerinnen im Zürcher Gemeinderat über dieses Thema streiten, ist das ein Versuch, eine weitere Hürde auf dem steinigen und legitimen Weg zu einem Frauenleben auf Augenhöhe mit den Männern zu bewältigen.
      Was es ausserdem bedeutet, in der materiellen Welt, eine Frau zu sein, zeigt das Buch von Rebekka Endler «Das Patriarchat der Dinge». Ein Augenöffner, den ich Ihnen nur empfehlen kann.

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