1 KommentarSommerloch - Seniorweb Schweiz

Sommerloch

Nichtstun ist angenehm, titelte ich einst einen Ferienartikel in der WoZ. Und nun stellte mir eine Journalistin ein paar Fragen für eine Sommerserie (erschienen in der Aargauer Zeitung vom 14.7.2023). Meine kurzen Antworten will ich hier etwas ausführen. Sie decken für einmal recht persönlich und assoziativ auf, was sonst in meinen sachbezogenen Cheesmeyer-Kolumnen verborgen bleibt und einzelnen Lesenden fehlt.

Eine Person, die mich einmal richtig wütend gemacht hat, war ein angesehener Amtsträger. Ich verweigerte 1972 den Militärdienst, erlebte Gewalt im Gefängnis, protestierte und schrieb dem Strafvollzugsbeamten. Dann kam der Gefängnisdirektor in meine Zelle, beschimpfte mich und zerriss meinen Brief.

Meine heimliche Gewohnheit, von der kaum jemand weiss, ist mein alter Journalisten-Ausweis der längst eingestellten POCH-Zeitung. Er öffnet mir im Ausland immer noch die eine oder andere Türe. Die eine führte in London in den abgesperrten Buckingham Palast. Der Eintritt gelang allerdings einfacher als der Austritt. Aber der Besuch lohnte sich. Vor allem auch finanziell, dank gewonnener Wette.

«Wenn Sie etwas aus Ihrer Vergangenheit ungeschehen machen könnten, was wäre das?» wollte die Journalistin weiter wissen. Nun, ich würde vor dem ersten Auftritt als Liedermacher zwei bis drei Gitarrengriffe mehr üben und zudem ein Männerbuch vor dem Publizieren gründlich redigieren. Die Sissacher Fasnachtszeitung, genannt Glöggeliwagä, rezensierte es 1984 unter dem freundlichen Titel Depp, ein Pennerbericht.

Etwas Dummes, was ich für Geld gemacht habe, war ein aufwändiger Lexikon-Artikel über Tourismus, der ganz neutral hätte sein müssen und nie erschien. Und das schönste Kompliment ist für mich, was mir meine Frau auch nach 50-jähriger Ehe immer wieder sagt. Das sind die drei Worte: Ich liebe Dich.

Ein verrücktes Erlebnis war 1975 das nächtliche Erklimmen des Basler Münsters bei Regen – mit zwei Kollegen zusammen. Wir hissten in der Nacht auf den 1. Mai 1975 zwischen den beiden Türmen das Banner Vietnam befreit. Dafür gab’s von meiner Frau allerdings kein Kompliment. Im Gegenteil. Sie fand das verantwortungslos, auch unseren Kindern gegenüber.

Ein besonders wichtiges Geschenk ist für mich ein Brief, den ich zu meinem 50. Geburtstag von meiner Mutter erhielt. Er macht mir meine Mühe verständlicher, mich zugehörig zu fühlen. Und das letzte Mal richtig geweint habe ich im April 2023, am zehnjährigen Todestag meines Bruders Marco. Er hat mich massgeblich beeinflusst. Wir verstanden uns blind, auch beim Handball. Leider soff er sich zu Tode. Wie unser Grossvater und mehrere Onkel.

Das Sommerloch hat Ueli Mäder teilweise in Cornwall beim Wandern überbrückt. Foto: © Esther Schwald

Gemein war von mir, mich zu spät für Edouard gewehrt zu haben. Mitschüler foppten ihn wegen seinem abgenutzten Kittel. Und wenn ich einen Tag in einem anderen Beruf verbringen könnte, würde ich mit einem Bergbauer einen Tag lang heuen und die Aussicht geniessen. Unnötig viel Geld gebe ich für Bücher aus, die sich auch ausleihen liessen. Und gestohlen habe ich auch schon, nämlich Windeln. Das war während der Ausbildung in den 1970er-Jahren. Da schob ich ein Paket an der Kasse vorbei. Wir hatten drei kleine Kinder und wenig Geld.

Peinlich berührte meine Eltern eine Anzeige gegen mich – wegen Urkundefälschung. Aber die Pein dauerte kurz. Ich schrieb mit einem Kollegen zusammen nur ein Brecht-Gedicht in das Dienstbüchlein eines Rekruten. Mein Kollege musste büssen, ich nicht; ich war noch minderjährig.

Und ja, Faulpelz ist ein Spitzname, der mich manchmal ärgert. Eigentlich ist er ja sehr sympathisch. Früher begegnete er mir häufig. Heute ist er eher ironisch gemeint. Vermutlich zu Recht. Sonst würde ich wohl kaum eine Kolumne über das Sommerloch schreiben.

PS: Am Donnerstag, 31.08.2023 (19.00-20.30) debattieren wir im Kultur-Bistro Cheesmeyer (Hauptstrasse 55, Sissach) über: Post-Wachstum. Gäste sind: Irmi Seidl (Ökonomin an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft), Evelyn Markoni (Soziologin an der Berner Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften) sowie Ariane Rufino dos Santos (Gärtnerin), die das Gespräch auch musikalisch begleitet. Willkommen!

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1 Kommentar

  1. Ihre persönlichen Eingeständnisse haben mich berührt. Sie zeigen, dass Männer fähig sind und den Mut haben auch in der Öffentlichkeit zu sich und ihren Gefühlen zu stehen.
    Auf Ihre nächste Kolumne zum aktuellen Thema Post-Wachstum, mit dem ich mich schon länger beschäftige, freue ich mich und bin besonders neugierig auf die Diskussion mit den eingeladenen weiblichen Gästen.

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